Gesundheit

Forschung gegen den Schmerz

Forschung gegen den Schmerz

Wer ständig unter Schmerzen leidet, hat kein menschenwürdiges Leben.

Die TERTIANUM-Stiftung zeichnet in Zusammenarbeit mit der Zürcher Kantonalbank jährlich eine Persönlichkeit aus, die sich in besonderer Weise um die Würde des Menschen verdient gemacht hat. Den mit 10'000 Franken dotierten Preis erhielt in diesem Jahr Prof. Dr. med. Walter O. Seiler für seine massgeblichen Forschungen auf dem Gebiet der Dekubitus-Therapie (Heilung von Druckgeschwüren und Wundliegen).

"Meine Arbeit ist Dienst am kranken Menschen"

Seit 1974 hatte Walter Seiler die Frage, wie Dekubitus zu heilen oder besser zu verhindern sei, nicht mehr losgelassen. Obwohl die Schmerzen der Patienten offensichtlich waren, mied die medizinische Forschung dieses Thema. Es gab Lehrbücher, in denen Dekubitus nicht einmal erwähnt wurde!

Ohne nennenswerte finanzielle Beiträge, ohne die Aussicht auf wissenschaftlichen Ruhm machte sich Walter Seiler auf die Suche nach Abhilfe und Prävention, woraus mit mehr als 300 Publikationen eine Pionierleistung in der Geriatrie entstand. Zählen konnte Seiler, wie er erklärte, nur auf die Ermutigungen des Klinikchefs Prof. Dr. Hannes Stähelin, auf die Unterstützung der Pflegenden und auf seine Familie. Das Basler Dekubitus-Konzept, von ihm zusammen mit seinem Team entwickelt und inzwischen weltweit führend, bezeichnet er als Beispiel "würdiger Pflege". Sein Geheimnis sei, sagte Seiler, alle Beteiligten in die Entwicklung miteinzubeziehen.

Mit ebenso viel Eloquenz wie Herzlichkeit hatte Frau Prof. Dr. Brigitte Stemmer (Foto rechts) zuvor den Preisträger in Wort und Bild vorgestellt. Sie hatte darauf hingewiesen, dass für Walter Seiler Respekt und Achtung vor dem Patienten an erster Stelle stehen und zitierte ihn: "Meine Arbeit sollte immer direkt dem kranken Menschen dienen." Quälende Schmerzen zermürben nicht nur den Leidenden, sie sind auch für die Pflegenden schwer zu ertragen. Solche Bedingungen erschweren es, der Würde des Menschen gerecht zu werden. Doch jede Pflegetätigkeit, jede ärztliche Massnahme ist ihr verpflichtet.

Die Laudatio von Frau Prof. Stemmer wurde auf SenLine veröffentlicht.

Weitere Forschungsprojekte

Aus seinen neuesten Forschungen ist in Zusammenarbeit mit dem ETH-Ingenieur Dr. sc. nat. Michael Sauter ein vielversprechendes Projekt entstanden: das Anti-Dekubitus-Bett, das 2010 den CTI Medical Award erhielt und voraussichtlich in ca. 1 ½ Jahren Produktionsreife erreichen wird. Mittels modernster Sensortechnik kann an diesem Bett festgestellt werden, wann der Kranke zu wenig Bewegung hat und dadurch zu viel Druck auf gewisse Körperteile entsteht.

Ein weiteres Forschungsprojekt von internationaler Bedeutung ist Malnutrition (Mangelernährung), ein Problem, das bei sehr alten Menschen nicht zu vernachlässigen ist. Prof. Seiler und Prof. Stähelin haben gemeinsam das Nutrogramm entwickelt, mit dessen Hilfe eventuelle Mängel in der Versorgung mit Nährstoffen festgestellt werden können.

Schliesslich sei daran erinnert, dass Geriatrie eine junge Wissenschaft ist und geriatrische Kliniken erst in den letzten 20 – 30 Jahren entstanden sind. Als Pioniere in der deutschen Schweiz haben die beiden Professoren Seiler und Stähelin das dreijährige Studium der Geriatrie an der Universität Basel entwickelt.

Was eigentlich Menschenwürde bedeutet, hatte Prof. Dr. Helmut Bachmaier, (Foto rechts) TERTIANUM-Stiftung, anfangs dem Publikum dargelegt: Menschenwürde ist ebenso ursprünglich wie die menschliche Existenz und geht über den Tod hinaus. Menschenwürde kann nicht aberkannt werden, sie ist unantastbar, man kann sie weder einschränken noch vermindern. – Das gilt ebenfalls für Kranke, Behinderte oder Verurteilte. Schmerzerfahrung und der Umgang mit Schmerz durchziehen die Kulturgeschichte seit Jahrtausenden. (Beachten Sie dazu den Aufsatz von Helmut Bachmaier: "Der Sinn des Schmerzes".)

Foto: Prof. Dr. Walter O. Seiler zusammen mit Seniorweb-VR-Präsident Anton Schaller (links) und Alfons Bühlmann, Leiter des Seniorweb-Führungsteams.

Seniorweb gratuliert Prof. Seiler besonders herzlich, war er doch von 2007 bis 2009 Mitglied des Seniorweb-Stiftungsrates. Wir berichteten damals über seine interessanten Vortragsabende in Chur, Aarau und Bern, die auf grosses Echo stiessen, und veröffentlichten ein Interview ("Ein Arzt mit Leib und Seele") mit ihm.