Gesellschaft

Demenz geht uns alle an!

Demenz geht uns alle an!

14. Sommerakademie zur Gerontologie Pro Senectute Schweiz (3. Tag)
Autor: 
Vreni Casagrande

Aus dem dritten Tagungstag:

Existenzformen im Alter - die Demenz

Demenz ist eine mögliche Existenzform im Alter. Demenzerkrankungen gehören zu den häufigsten und folgenschwersten psychischen Störungen bei älteren Menschen. Mit zunehmenden Lebensjahren steigt der Anteil an Demenzkranken - von 5% bei der Altersgruppe 75 - 79, bis zu 57 % bei den über 95-Jährigen. Es gibt heute 125‘000 demenzkranke Menschen in der Schweiz, 80‘000 leben zu Hause und werden von Angehörigen betreut. Der Suizid von Gunter Sachs hat in den Medien die Frage nach der Lebensqualität demenzkranker Menschen in die Schlagzeilen gebracht.

Horror oder Hero?

Bild: Prof. Dr. Stefanie Becker, Berner Fachhochschule

Becker stellt fest, dass in der Öffentlichkeit zwei kontroverse Meinungen vorhanden sind: das Katastrophenszenario und die beschönigende Heroisierung Erkrankter und ihrer Angehörigen. Sie plädiert für eine Haltung des „normalen Umgangs“ mit Demenz, wie es bei anderen irreversiblen Erkrankungen möglich sei. Die Sichtweise, dass Demenz eine „normale Krankheit“ ist, fördert einen „normaleren“ Umgang im Alltag mit den Betroffenen und ihren Angehörigen. Es würde selbstverständlicher, dass im Alter krankheitsbedingt das Kurzeitgedächtnis nachlässt und Trauer, Angst Überhand gewinnen. Die pflegenden Angehörigen könnten mit ihrem Demenzkranken „ohne Hemmungen“ am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, z. B. einkaufen, auswärts essen, Konzerte besuchen, weil sie auf das Verständnis in der Öffentlichkeit zählen könnten und sich nicht „schämen“ müssten. Segregation fördert die Ausgrenzung, verhindert soziale Teilhabe und Normalität.

In der heutigen Gesellschaft zählen Leistung und Erfolg, Krankheiten, Schwäche, Kontrollverlust werden ausgeblendet. Becker ruft auf, mit Ambivalenzen, Divergenzen leben zu lernen.

Durch den demografischen Wandel und die vermehrte Berufstätigkeit der Frau wird in Zukunft die Pflege von Dementen mehr in Institutionen verlagert, was eine massive Kostensteigerung mit sich bringt. Es brauche neue Wege, neue Ideen und mehr Offenheit, fordert Frau  Becker.

Ebenso bedauert sie die mangelhafte Aufklärung der Gesellschaft über das normale Altern und die Demenz, was Pauschalisierungen und Vorurteile fördere. Vergesslichkeit ist nicht Demenz. Die Verluste Demenzkranker sind: das Erinnerungs- und Denkvermögen, das Wissen, wie einfache Dinge zu tun sind, die Fähigkeit sich sprachlich mitzuteilen, Gesprochenes zu verstehen, Kontrolle über Gefühle, die Orientierung zur Zeit, zum Raum, zur Situation und zur eigenen Person. Demenz sollte kein Grund sein, sich zu erschiessen. Unsere Einstellung prägt unser Verhalten!

Literatur: Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Ein Buch über das Leben. ISBN-978-3-446-23634-9

Zwei interessante Beispiele für Wohngruppen in Deutschland und Holland:

www.wogevauban.de: Netzwerk Wohngruppen für Menschen mit Demenz

Hogeweyk, Weesp, Holland: Dorf für Demente

 

Wohnqualität im Alter im Haus und in Siedlungsstrukturen

Eine interdisziplinäre Forschungsgruppe der Berner Fachhochschule beschäftigt sich in drei Projekten mit Fragen rund um das Wohnen im Alter.

Prof. Urs Kalbermatten, Bild: Vreni Casagrande

Projekt: Wohnqualität und Alter

Für Prof. Urs Kalbermatten ist es ein zentrales Anliegen der Altersarbeit, Handlungsspielräume zu eröffnen. Das Thema Wohnen und Alter sieht er aus ganzheitlicher Sicht. Es genüge nicht „nur hindernisfrei zu bauen“. Ziel der Forschungsarbeit ist, Indikatoren des Wohnens auszuarbeiten, aus der Sicht Interaktion Mensch-Umwelt. Daraus soll ein Instrument entstehen, das insbesondere Architekten eine erweiterte Sichtweise eröffnet. Wohnindikatoren werden unterschieden nach den Lebensbereichen Körper, Psyche, Umwelt und Soziales. Wohnbedürfnisse sind ein Prozess, so Kalbermatten. Diesen Prozess habe er als Wandel gesehen und als Folge den Umzug im Alter untersucht.

Senioren gönnen sich das Wohnen

Die Umfrage umfasst 95 Senioren zwischen 55 und 70 Jahren. 50 % sind Eigenheimbesitzer. 14 % der Senioren zügeln in den Süden. Der Spruch „alte Bäume verpflanzt man nicht“, gilt für diese Senioren nicht. Auf die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt des Umzugs, wurde mit „immer“ geantwortet. Beim neuen Wohnobjekt wird der Wohnraum nicht wesentlich reduziert. Die meisten wollen Gästezimmer haben für Enkel und Besuch. Trend ist, genügend Wohnfläche zu haben für „indoor“-Tätigkeiten. Handlungsziele bestimmen das Wohnen. Bewohner auf dem Land zügeln vielfach zurück in die Stadt, Stadtbewohner zügeln aufs Land. Trend ist der Wunsch nach Pflege zu Hause, das Heim wird ein Miniheim. Die befragten Senioren sehen sich als Lebensunternehmer, fähig und willens, am neuen Wohnort Beziehungsarbeit zu leisten.

Zwei weitere laufende Projekte befassen sich mit der Erforschung des Wohnumfeldes. Ziel ist es, Wohnumfeld und Siedlungsstrukturen so zu gestalten, dass sie den Bedürfnissen älterer Menschen entsprechen und ihnen soziale Teilhabe ermöglichen, um damit sozialer Isolation entgegenzuwirken. Was für die Senioren gut ist, ist für alle Generationen gut, postuliert Kalbermatten.

Seniorenprojekt „Forschendes Lernen“

Mit der Methode „Forschendes Lernen“ initiieren Senioren selbst gewählte Fragestellungen und bearbeiten diese systematisch über einen längeren Zeitpunkt. Eine Gruppe von Senioren und Seniorinnen im Raum Bern befasst sich mit den verschiedenen Aspekten von Wohnformen im Alter. Sie arbeitet an einer Bestandsaufnahme bestehender Wohnformen in der Schweiz und untersucht die gemachten Erfahrungen, die erlebten Vor-und Nachteile. In dieser Gruppe sind interessierte Senioren und Seniorinnen jederzeit willkommen.

Weitere Auskunft gibt: Blaser Regula Prof. Dr., Berner Fachhochschule Bern, regula.blaser@bfh.ch, Tel. 031 848 36 88

 


Mehr Informationen zum Welt-Azheimertag:

http://total.mattschiibe.ch/2011/09/19/zum-welt-alzheimertag-am-21-9/