Schalkhaft lächelt Dr. Nils Jent vom Cover des Buches, das Röbi Koller über sein “Leben am Limit“ geschrieben hat. Sehen kann Jent sein Portrait nicht – er ist blind, sprachbehindert, partiell gelähmt, kann nur zwei Finger nutzen und braucht einen Rollstuhl, um sich fortzubewegen.
Dennoch hat sich Nils Jent durch unermüdliches Training und eiserne Disziplin den Doktortitel erworben, übernimmt heute Lehrverpflichtungen an den Universitäten St. Gallen und Luzern und arbeitet als Leiter des IFPM Diversity Center HSG und als Projektleiter für angewandte Forschung am Center for Disability und Integration.
Wie schwierig es für einen schwerbehinderten Menschen ist, sein Umfeld zu überzeugen, dass er an seinen Fähigkeiten und nicht an seinen Defiziten gemessen werden will, das beschreibt Fernsehmoderator und Journalist Röbi Koller eindrücklich im seinem Buch „Dr. Nils Jent – Ein Leben am Limit“. Koller hat Jent während zweier Jahre begleitet, hat Einblick bekommen in seine Geschichte, hat erlebt, wie viel Zeit und Kraft Jent braucht für die Bewältigung des Alltags, welche Strategien er dazu entwickelt, mit welchem Ehrgeiz er sich dafür einsetzte, die Matura zu bestehen, eine akademische Ausbildung abzuschliessen und sein Wissen anzuwenden. Koller nimmt behutsam Anteil an den Freuden und Leiden, an den Beziehungen und Rückschlägen eines behinderten Menschen, der seinen Alltag trainiert wie ein Spitzensportler.
Nach dem Motorradunfall
Das unbeschwerte Leben des Jugendlichen Nils verändert sich völlig, nachdem er an Pfingsten 1980 als 18-Jähriger mit seinem Töff verunfallt. Die schrecklichen Folgen beschreibt Koller nüchtern mit einer Reihe von Arztberichten, in einem Interview mit dem Chirurgen und in Gesprächen mit Jents Mutter.
Seine Mutter beobachtet als Erste, dass sich Nils nach einigen Wochen im Koma mitteilen will. Sie stellt fest, dass er hört, und ermutigt ihn, mit den Augenlidern Zeichen der Zustimmung oder Ablehnung zu setzen. Später bespricht sie für ihn um die 2300 Tonbandkassetten mit dem Lehrstoff für Schule und Studium, in den Jahren, bevor die Unterlagen auf Internet abgerufen werden konnten.
Während der langen Zeit der Rehabilitation kämpft Jent um jeden kleinen Fortschritt. Ehrgeizig sucht er immer wieder nach eigenen Strategien, um Handicaps zu überlisten. Blind und sprachbehindert wird er von seiner Umgebung oft nicht ernst genommen und muss beweisen, dass er intellektuell auf der Höhe ist. So schlägt ihm der Berufsberater der IV vor, Peddigrohrflechter oder Kaltschweisser zu werden – ihm, dem die Feinmotorik und die Sensorik der Hände fehlen. Doch Jent will seine Talente nutzen und studieren.
Im Buch wird die Suche nach geeigneten Schulen und Studienplätzen beschrieben. Nils trainiert sein Gedächtnis und lernt den gesamten Schulstoff auswendig. Er ersetzt verlorene Fähigkeiten durch neue und gewinnt eine ausserordentliche Sensibilität gegenüber Menschen und seiner Umgebung.
Das Buch berührt und schmerzt zugleich. Wie können einem einzelnen Menschen so viele Hindernisse aufgebürdet werden? Da hat es Bekannten, ja selbst dem Pfarrer, bei Besuchen der Familie, schon bald einmal die Sprache verschlagen. Doch die Eltern Jent erklären, sie hätten ihren Sohn nie klagen gehört.
Stiftung Myhandicap
Joachim Schoss hat bei einem Töffunfall seinen rechten Arm und sein rechtes Bein verloren. Er hat die Stiftung MyHandicap gegründet. MyHandicap engagiert sich für die Forschung im Bereich der Behinderungen, informiert und berät auf seiner Internet-Plattform www.myhandicap.de Behinderte und schickt Botschafter in Krankenhäuser, die den handicapierten Menschen sagen: Ich bin auch im Rollstuhl oder mir fehlt dieses oder jenes. Es ist für uns beide dumm gelaufen! Aber du kannst trotzdem lieben, lachen, glücklich sein und Perspektiven haben.
Röbi Koller hat Joachim Schoss interviewt. Schoss ist ein optimistischer Mensch. Er ist überzeugt, dass die wichtigen Triebfedern zum Glück im Menschen drin liegen: Wer vor einem Schicksalsschlag ein positiv denkender, fröhlicher Mensch war, wird das ein Jahr später auch wieder sein können. Und: Die Ärzte sollten den Patienten immer auch die beste Perspektive nennen und sie motivieren: Du kannst es packen. Immer!
Diversity
Im zweiten Teil des Buches wird mit dem Diversity-Management das Forschungsgebiet von Dr. Nils Jent beschrieben.
Diversity basiert auf einer gezielten Durchmischung von Belegschaften mit Menschen verschiedener Altersgruppen, Religionen, Behinderungen oder sexueller Präferenzen. Forschungsprojekte haben bewiesen, dass Behinderte in gemischten Teams für Betriebe einen echten wirtschaftlichen Mehrwert bringen, wenn ihre behindertenbedingten Vorzüge zum Tragen kommen. Falsch wäre es, den Behinderten nur aus sozialmotiviertem Engagement oder aus Mitleid anzustellen.
Mit dem Diversity-Management entwickelt sich eine Kultur des besseren Verständnisses für die Unterschiedlichkeit von Menschen und Offenheit gegenüber anderen Lebensmodellen. Bekannt ist das Diversity-Management seit 20 Jahren, es wurde bis anhin allerdings zu wenig konsequent umgesetzt.
Was Diversity heisst und wo die Stolpersteine liegen, wird sichtbar in einem Gespräch von Röbi Koller mit Elisabeth Michel-Alder, der Initiantin des Vereins „Taten statt Worte“. Zum Abschluss vertreten die Brüder Martin und Lienhard Widmer den This-Priis, den ihre kleine Familienstiftung an Unternehmen verleiht, die Behinderte integrieren: Sie haben mit ihrem geistig behinderten Bruder This erfahren, wie glücklich er ist, wenn er nicht nur in der Behindertenwerkstätte, sondern in einem normalen Arbeitsteam mitarbeiten kann – selbst wenn das nur für einen Tag pro Woche geht.
Das Buch: Röbi Koller: Dr. Nils Jent – Ein Leben am Limit, Wörterseh Verlag, Gockhausen
Der Dokumentarfilm "Unter Wasser atmen. Das zweite Leben des Dr. Nils Jent" von Andri Hinnen und Stefan Muggli mit Premiere am Zurich Film Festival wird im Seniorweb besprochen, sobald er ins ordentliche Kinoprogramm kommt. Der Film wurde am 1. Oktober mit dem Publikumspreis des Zurich Film Festivals ausgezeichnet.
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Jean-Pierre
Ein empfehlenswertes Buch
Danke Brigitte, für diesen eindrücklichen Bericht. Ich habe das Buch gelesen und bin tief beeindruckt. Wir haben in unserer Verwandtschaft zwei junge Frauen, die durch eine Krankheit schwer körperbehindert sind. Genau wie Nils Jent müssen sie immer wieder beweisen, dass sie im Kopf völlig klar sind und teilweise Höchstleistungen vollbringen. Integration ist für diese Leute extrem wichtig und ich bin Nils Jent dankbar für das was er jetzt beruflich leistet.
Annemarie