Gesellschaft

Age-Award 2011: Wahlfreiheit

Age-Award 2011: Wahlfreiheit

Preisträger Alterszentrum Am Bachgraben Allschwil / Schönenbuch

Alle Bilder: Ursula Meisser; Age-Stiftung

Der mit stolzen 250'000 Franken dotierte, nun zum fünften Mal vergebene Age Award zeichnete zum ersten Mal eine Institution in der Nordwestschweiz aus.

Die Age-Stiftung, zu gut Deutsch schlicht Alters-Stiftung, wurde 2000 mit dem Ziel gegründet, Wohnprojekte, Betreuungs- oder Dienstleistungsmodelle der Deutschschweiz zu unterstützen, welche neuartige Komponenten aufweisen und beispielhaft wirken können.“ Der Age Award wird alle zwei Jahre ausgeschrieben. Neben dem Hauptpreis werden auch Anerkennungspreise mit je Fr. 5'000.- Preisgeld verliehen.

„Stationär – und mehr“

Das war das Thema für die diesjährige Ausschreibung. Ausgezeichnet werden sollte eine feste Institution, welche sich auch nach aussen öffnet und eine fruchtbare Durchmischung mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der jeweiligen Gemeinde ermöglicht. Nun gibt es solche Bemühungen in der sogenannten 5. Generation des Alterswohnbaus schon seit einiger Zeit, doch leider erst in viel zu wenigen Fällen. Immerhin haben sich auf die Ausschreibung hin 26 Deutschschweizer Institutionen um den Preis beworben. Nachdem die Preise der ersten vier Ausschreibungen in die Kantone Schaffhausen (2003), Zürich (2005), Sankt  Gallen (2007) und Bern (2009) gegangen waren, wurde 2011 zum ersten Mal eine Institution in der Nordwestschweiz ausgezeichnet.

Der Preisträger

AZB am BachgrabenAlterszentrum am Bachgraben Allschwil; Neubau Innenhof.

Der Hauptpreis ging an das Alterszentrum Am Bachgraben in der Baselbieter Gemeinde Allschwil. Dieses Alterszentrum besteht aus einem Alt- und, seit 2008, einem ausserordentlich ansprechenden Erweiterungsbau aus der kreativen Hand von Toffol Architekten Basel. (Zum Bau siehe auch www.toffolarchitekten.ch). Beide Häuser zusammen verfügen heute über 200 Betten, die meisten als ansprechende, geräumige Einzelzimmer, 13 davon als Ehepaar-Zimmer konzipiert. Die angegliederte Alterssiedlung bietet darüber hinaus 97 Alterswohnungen an.

Damals noch im alten Teil des Zentrums Am Bachgraben begann vor 20 Jahren mit der Übernahme der Leitung durch Urs Jenny ein neues Zeitalter der Öffnung nach aussen. Wie der lebhafte, charismatische Direktor selbst in einem Interview sagt, herrschte bei seinem Amtsantritt eine Ghetto-Situation, die er aufbrechen wollte. Er wollte nicht nur die Schwellenängste der Aussenwelt abbauen, sondern sein Zentrum „zu einem Ort machen, in dem auch ich selber alt werden möchte.“ Ausserdem mass und misst Jenny dem wirtschaftlichen Aspekt grosse Bedeutung bei und begann rasch, Synergien zu nutzen und so neue finanzielle Zuflüsse zu ermöglichen.

Fernsehmoderatorin Helen Isler interviewt an der Preisverleihung Direktor Urs Jenny

Fernsehmoderatorin Helen Isler interviewt an der Preisverleihung Direktor Urs Jenny

So wurde nach und nach auch die Aussenwelt ins Altersheim hereingeholt: Fitnesscenter, Coiffeusalon, Podologie-Studio, Ergo- und Physiotherapien werden sowohl von den Bewohnerinnen und Bewohnern genutzt wie auch von zahlenden Besuchern aus dem Quartier. Dazu bildet das Restaurant „Ambiente“, das - unabhängig von den diversen internen Essensplätzen - auch dem Publikum offen steht und offenbar gut frequentiert wird, einen besonderen Anziehungs- und Angelpunkt. Sehr stolz ist man auch auf den unerwarteten Erfolg mit der hauseigenen Bäckerei, deren Produkte neben Tabakwaren, Zeitschriften und Wein am Kiosk angeboten werden. All dies fördert die Durchmischung von alt und Jung auf eine völlig zwanglose und sinnvolle Weise.

Wahlfreiheit

Der wohl ausschlaggebende Faktor für die Zusprechung des Age Award aber war der Umstand, dass in diesem Haus – pardon, Zentrum – eine höchst ungewöhnliche, wohltuende Wahlfreiheit für die Bewohnerinnen und Bewohner  gelebt wird. Im Jury-Bericht wird dies so formuliert: „Die Jury war beeindruckt von der Vielfältigkeit und Durchlässigkeit des Angebots...“ Nicht nur, dass man von festen Essenszeiten abgegangen ist und täglich mehrere Menüs zum Auswahl anbietet: Auch die Essräume können frei gewählt werden unter dem lichtdurchfluteten, zentralen grosse Speisesaal, dezentralisierten kleineren Essräumen mit eigener Küchenkombination (die genutzt werden kann oder nicht), oder dem Essen im eigenen Zimmer. Die gleiche Wahlfreiheit herrscht bei der Nutzung aller anderen Einrichtungen im Hause. Sogar die Pflegewohngruppen sind autonom organisiert.

Urs Jenny mit der Preisurkunde und Hans Peter Farner, Präsident der Age Stiftung

Urs Jenny mit der Preisurkunde und Hans Peter Farner, Präsident der Age Stiftung

Eine solche Freiheit in einem derartig grossen Betrieb ist nur möglich durch eine ausgefeilte Logistik, aber auch durch viel Goodwill und einen  unorthodoxen, loyalen Einsatzwillen der rund 270 Mitarbeitenden. Von letzterem konnten wir uns beim Rundgang durch den Neubau immer wieder überzeugen lassen. Im Hause herrscht ein offenes Betriebsklima, das jedoch durch eine straffe Organisation nicht in Lässigkeit ausufern kann. Und der Stolz auf den Age Award trägt jetzt natürlich zu einer geradezu euphorischen Stimmung bei. Gratulation an das ganze Haus!

Drei weitere Auszeichnungen

Antonia Jann gratuliert Madlen Heer von der Pflegewohngruppe ButtisholzAntonia Jann gratuliert Madlen Heer von der Pflegewohngruppe Buttisholz

Wie die Geschäftsführerin der Age Stiftung, Antonia Jann, bei der Preisverleihung betonte, fiel es der fünfköpfigen Jury in ihrem mehrstufigen Verfahren nicht leicht, einige ebenfalls in Sachen Öffnung zur Aussenwelt beispielhafte Institutionen aussen vor zu lassen. Es wurden also auch drei Anerkennungspreise verliehen, die alle durch einen oder mehrere Aspekte positiv auffallen.

Es sind dies:

Hof Speicher/AR, eine Stiftung von „Leben im Alter“, wo die Verbundenheit zum Gemeinwesen sehr deutlich ausgeprägt ist und u.a. ein Museum für Lebensgeschichte eingerichtet wurde;

das Zürcher Pflegezentrum Entlisberg, wo die städtische Strategie „ambulant vor stationär“ unter anderem durch den Betrieb einer gerontologischen Beratungsstelle und einer Memory-Klinik gelebt wird;

der Verein Pflegewohngruppen Buttisholz/LU, der in einer aussergewöhnlichen Anstrengung ein auch nach aussen offenes Modell eines ansprechenden  Betagtenwohnheimes in einer kleinen Gemeinde geschaffen hat und damit den Dorfbewohnern die Möglichkeit bietet, in ihrer eigenen Gemeinde alt werden zu können.

Film zum Projekt

An der Preisverleihung in der Basler Safranzunft wurde erstmals öffentlich der im Auftrag der Age Stiftung gedrehte, ansprechende Film „Wahlfreiheit“  von Simon Koller vorgeführt, der kostenlos zu beziehen ist unter www.age-stiftung.ch.