Freizeit

Ein Lob auf faule Gärtner

Ein Lob auf faule Gärtner

Der Garten im Oktober: Allzuviel Ordnung muss nicht sein.

Wenn die Wälder leuchten wie alte Brokatdecken, wenns am Morgen empfindlich kühl ist und die Sonne auch am Mittag nicht mehr richtig zu wärmen vermag, dann ist es Zeit, den Garten auf den Winter vorzubereiten. Das heisst beileibe nicht, dass nun der Frühjahrsputz im Haus zeitverschoben in den Garten verlegt wird. Wer jeder abgeblühten Staude mit der Schere zu Leibe rückt, jedes farbige Blatt flugs wegsaugt und die Gartenbeete fein säuberlich umgräbt, der macht sich eine Menge Arbeit, die gar nicht nötig wäre. Und bringt sich erst noch um das Vergnügen, zu sehen, wie der Garten auch in der kalten Jahreszeit lebt und sich verändert.

Es stimmt schon, meine Cosmeen sehen jetzt ziemlich zerzaust aus, die wenigen Blüten entfalten sich nur noch zögerlich. Aber wenn dann die Distelfinken auf den schwarz und unansehnlich gewordenen Blütenständen herumturnen und die Samen aus den Kapseln picken, dann lege ich die Schere gerne zur Seite. Zumal ich weiss, dass der erste Raureif die Stengel in ein bizzares Eisballett verwandelt – und dass im Frühling die Überreste der Sommerblumen ganz schnell abgeräumt sind.

Rosen im Dezember

Auch die Rosen müssen nicht, wie es zwar in jedem guten Rosenhandbuch steht, jetzt schon zurückgeschnitten werden. Wer je im Dezember die letzten Rosenblüten in einer Schale mit grünem Moos arrangiert hat, der wartet gerne mit Schneiden. Auch wenn sich das Adventswunder nicht jedes Jahr einstellt. Aber es reicht durchaus, die Stöcke dann kniehoch zu stutzen, wenn auch das letzte Blatt und die letzte Knospe verschwunden sind. Dann kann auch angehäufelt werden. Die Gefahr, dass Rosen erfrieren, ist ohnehin erst gegen das Frühjahr hin aktuell, dann, wenn der Saftfluss in den Stengeln schon wieder angeregt wird.

Auch dem Herbstlaub kann in der Regel entspannt begegnet werden. Was auf dem Rasen liegt, reche ich  grosszügig unter die Sträucher und in die Stauden- und Rosenbeete und der Rest wird bei der letzten Runde mit dem Rasenmäher aufgenommen und dann auf die Gemüsebeete verteilt. Damit erspart man sich das mühsame Umgraben, denn unter der schützenden Gras-Laub-Decke bleibt der Boden lebendig und krümelig. Bis zum Frühjahr ist ein grosser Teil dieser Abdeckung verschwunden und der Boden kann ganz leicht mit der Pendelhacke gelockert werden.

Asylantenheime für allerlei Getier

Natürlich muss im Herbst auch geschnitten werden. Der Sommerflieder zum Beispiel wird jetzt tüchtig gestutzt, damit er im nächsten Jahr wieder kompakt wächst. Wer die Äste nicht der Grünabfuhr mitgibt, sondern sie in einer abgelegenen Ecke des Gartens aufschichtet, schafft damit einen Lebensraum für etliche heimliche Gartenbewohner. Nicht nur für den Igel, der sich gerne in solche Reisighaufen verkriecht, vor allem, wenn diese noch grosszügig mit Laub abgedeckt werden. Ich habe im Frühling, als ich einen solchen Asthaufen auf dem Kompost entsorgen wollte, schon Zweige gefunden, die mit sicher hundert Marienkäfern bestückt waren, die so die kalten Wintermonate überstanden hatten. Es lohnt sich also, seinen Perfektionismus im Herbst etwas zu zügeln. Ein ordentlich aufgeräumtes und geputztes Haus ist schön, aber der Garten darf durchaus ein Stück weit der Natur überlassen werden.  

 

Kommentare

Bild des Benutzers Maja Petzold

Was ist ein schöner Garten?

Auch wenn ich selbst keinen Garten besitze, habe ich Deinen Beitrag, liebe Bernadette, mit Vergnügen gelesen! Gerade gestern nämlich, als ich bei einem wunderbaren Spaziergang in der Herbstsonne sah, dass in allen Gärten aufgeräumt wurde, dachte ich, Pech für die Gartenbesitzer, sie können sich nicht einfach entspannen und den herrlichen Nachmittag geniessen, sie müssen (und wollen wahrscheinlich auch) im Garten arbeiten . . . Da lobe ich mir Deine Einstellung! Und auch die Spaziergänger freuen sich über letzte Rosen im Dezember und bizarre Formen von vertrockneten Blumen, vor allem wenn sie vielleicht noch von Rauhreif verziert sind.

Bild des Benutzers Brigitte Poltera

Jeden Tag was Neues zu sehen ....

Ich habe mich sehr gefreut über den Artikel von Bernadette Reichlin. Ich erlebe in nächster Nähe beides: Den nach traditionellen Normen gepflegten denkmalgeschützten Rosenmattpark, wo der Sommerflor abgeräumt und durch Stiefmütterchen und Tulpenzwiebeln ersetzt worden ist, und die nach den neuen Vorschlägen der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft) für öffentliches Grün bepflanzten Rabatten, Plätzchen und unspektakulären Zwischenräume zwischen Verkehrswegen, wo sich heute Rispen an Sträuchern, vertrocknete Blütendolden und Gräser ranken und im Wind wiegen. Da gibt es jeden Tag etwas Neues zu sehen. "Die sollte man zurückschneiden", meint die alte Dame, die ich gelegentlich ausführe. "Eben nicht", versuche ich sie zu überzeugen.

Und hier noch der Link auf die öffentlich zugänglichen Gärten der ZHAW im Grüntal in Wädenswil, die ich sehr liebe:

http://www.zauberpflanzen.eu/2011/10/03/querbeet-streifzuge-durch-die-garten-an-der-zhaw-lsfm-im-gruental/