Kultur

Rusalka und die Menschenliebe

Rusalka und die Menschenliebe

Antonin Dvoraks erfolgreichste Oper „Rusalka“ hat nach langer Zeit auch wieder mal den Weg nach Basel gefunden. Mit einer grossartigen Titelheldin.

 

Melusine, Undine, Rusalka

Rusalka ist kein Eigenname, sondern bedeutet schlichtweg „Nixe“ auf Tschechisch. Das – der Überlieferung nach – fast tausendjährige Märchen von der jungfräulichen Wassernixe, die aus Liebe zu einem Menschen ihr nasses Element verlässt und prompt von eben diesem Menschen enttäuscht und von Menschen- und Wasserwelt verstossen wird, gibt es in vielen Varianten und unter vielen Bezeichnungen. Die seit dem 19. Jahrhundert bei uns wohl bekannteste Nixe dürfte „Undine“ sein, entweder aus Hans Christian Andersens Märchen von der kleinen Seejungfrau, aus Albert Lortzings Zauberoper „Undine“ oder Ingeborg Bachmanns „Undine geht“ aus Bachmanns Erzählung „Das dreissigste Jahr“ – undundund... Die eigentliche Urform dieser Sagengestalt  seit dem 12. Jahrhundert hiess  Melusine, auch sie eine Wasserfee, die sich mit einem Menschen vereinigt.

Rusalka also - ein Stoff, aus dem die Träume sind, unbewusste Ängste, Sehnsüchte und Begierden schürend. Ein idealer, symbolgeladener  Opernstoff für ein romantisches Naturell. Als im Jahre  1899 dem böhmischen Komponisten Antonin Dvorak (1845-1904) das Libretto von Jaroslav Kvapil angeboten wurde, griff er rasch zu und tat gut daran. Es sollte die  erfolgreichste seiner Opern werden.  Dvorak konnte mit diesem Stoff bei den Elementarwesen - dem Wassermann und seinen Nixen-Töchtern – seine grosse Palette romantischer Melodien und Klangfarben aufblühen lassen, sehnsuchtsvolle, verfliessende Klänge, aber auch in den lebhaften Menschenszenen den derberen, mitreissenden  Volkston, für den er bekannt und beliebt gewesen war und wohl auch immer noch ist.

Musikalische und szenische Akzente

Die Basler Aufführung nun hebt unter der Stabführung von  Giuliano Betta gerade diesen letzteren Aspekt hervor – ein bisschen zu sehr dorfmusikantisch auf der einen und mit extremen Klangeffekten arbeitend auf der anderen Seite. In den lyrischen Passagen allerdings, wie beim  berühmten Lied Rusalkas an den Mond, fand das Sinfonieorchester Basel an der Premiere zu einem weichen und gleichzeitig intensiven Orchesterklang. Die Inszenierung der Litauin Jurate Vansk folgt erfreulicherweise der musikalischen Struktur auf weiten Strecken, ist aber im Bemühen, die Menschenwelt als eine Art geiler, ewig angetrunkener  Partygesellschaft zu zeigen, nicht immer glücklich disponiert – auf der einen Seite zu grell, auf der anderen die gesellschaftskritischen Anspielungen nicht weit genug treibend: Die Inszenierung bleibt - bei allen durchaus guten Einfällen – in der Mitte  stecken. Die ohne Umbauten multipel einsetzbare,  wirkungsvolle Bühne der Südtirolerin Martina Segna zeigt den riesigen Rundprospekt eines Meeresstrandes während der Ebbe, davor gesetzt einen kleineren Prospekt, jener der Menschenwelt, auf dem bereits unheilvoll die Flut heranrollt.

Starke Besetzung

Die sängerischen und auch darstellerischen Leistungen in dieser anspruchsvollen und über drei Stunden langen Oper hingegen können nur  positiv hervorgehoben werden. Allen voran Svetlana Ignatovich in der riesigen Titelrolle. Wir konnten die junge, zierliche  Sopranistin aus Russland schon in vielen überzeugenden Auftritten erleben. Diese Rusalka aber dürfte wohl ein Höhepunkt ihrer bisherigen Laufbahn sein.  Ihr gegenüber steht mit seinem profunden Bass und seiner enormen Bühnenpräsenz Liang Li als ihr Vater, der Wassermann. Die Beziehung zwischen Rusalka und diesem Wassermann-Vater, der sie anfänglich beschützen will, aber ihren Untergang schliesslich ohnmächtig geschehen lassen muss, wurde schon in vielen Inszenierungen unterschiedlich interpretiert. Ein inzestuöses Verhältnis wird auch in Basel, allerdings sehr dezent, angedeutet.

Alle anderen Männerpartien, allen voran der geschmeidige, warme Tenor des jungen Russen Maxim Aksenov als sexy aufgemachter Prinz, sind sehr gut besetzt, ebenso die kleineren Frauenrollen, bei denen die überlegene Verkörperung der – in Basel wunderschönen - Hexe Jezibaba aus dem Zauberreich durch die Georgierin Khatuna Mikaberidze  hervorsticht. Der Basler Theaterchor meisterte seine oft recht schwierigen Auftritte mit Bravour, wie immer. -  Wer Dvoraks süchtig machende Musik und die Gegensätze von „gefühlloser Wasserwelt“ zur gefühlvollen, aber herzlosen Menschenwelt auf sich einwirken lassen will, dem sei diese Basler Aufführung empfohlen.

Nächste Vorstellungen: 28., 30. Okt.;  5., 7., 12., 19., 27., 29. Nov.

Abb.: Ruzena Maturova als Rusalka in der Uraufführung 1901

www.theater-basel.ch