Prof. Dr. François Höpflinger
Nicht nur die alten Menschen sind im Wandel, auch ihr Umfeld. Was bedeutet dies für die familiären Beziehungen, die Alterspflege und die alten Menschen? In der schönen Umgebung der Residenz Am Schärme erläuterten Fachleute und Experten am 9. November 2011 in eigener Sache ihre Sichtweise. Eine Auswahl:
Trends in den Generationenbeziehungen
Prof. Dr. François Höpflinger, Alters- und Generationenforschung, hält fest, von einem Zerfall familialer Generationensolidarität kann keine Rede sein. Dominant ist „Intimität auf Distanz“, gute Beziehungen, weil jede Familiengeneration ihre eigene Autonomie aufweist. Lücken des Generationenlernens ergeben sich ausserhalb der familiären Zusammenhänge.
Der Generationenforscher stellt fest: Die Grosselternschaft wird heute als sehr positiv empfunden. Die Beziehungen Enkelkinder-Grosseltern sind dynamisch, sehr intensiv und innovativ. Es ist ein Engagement ohne Einmischung, sagt François Höpflinger, der selber Grossvater ist. Enkel tragen zur kulturellen Verjüngung der Grosseltern bei. Es herrscht ein gegenseitiger Wissensaustausch.
Die Schweiz ist Spitzenreiter
Unsere Lebenserwartung ist höher als in Frankreich, Italien und Deutschland. Ein langes Leben wird für viele Realität. Hochaltrigkeit wird eine neue Lebensphase. Doch Hochbetagte brauchen vermehrt Pflege und Betreuung. Die Zahl und der Anteil alter Menschen (80+, 90+) wird in den nächsten Jahrzehnten deutlich steigen. Selbst bei einer positiven Entwicklung der Gesundheit ist mit einer steigenden Zahl pflegebedürftiger alter Frauen und Männer zu rechnen. Die Pflege wird von familiendemografischen Entwicklungen beeinflusst. In den nächsten Jahrzehnten wird sich der Anteil kinderloser alter Menschen und Menschen mit wenig Kindern erhöhen.
Höpflinger hat das informelle Unterstützungsnetzwerk hilfebedürftiger und alter Menschen untersucht und stellt fest: Die Bedeutung der Hilfe durch den Partner oder die Partnerin sinkt mit zunehmendem Alter der hilfebedürftigen Person. Pflegende im hohen Alter sind mit intensiven Pflegleistungen überfordert. Töchter, zunehmend auch Söhne, gehören zu den zentralen Unterstützungspersonen.
Die familiale Pflege ist mit vielfältigen Belastungen verbunden.
Untersuchungen zeigen, die subjektive Gesundheitseinschätzung und die psychische Befindlichkeit pflegender Angehöriger ist geringer als bei der Referenzgruppe. Pflegende Angehörige konsumieren mehr Schlaf- und Beruhigungsmittel und Antidepressiva. Pflegende Töchter leiden oft unter chronischem Stress, pflegende Partner unter sozialer Isolation.
Das Altern der eigenen Eltern wird von Kindern als einschneidendes Erlebnis empfunden und löst tiefe Betroffenheit aus. Für Frauen kann es zu familiären Vereinbarkeitskonflikten kommen: Sie müssen sich entscheiden zwischen Beruf, Pflege der Eltern und/oder grossmütterlicher Unterstützung der Enkel. Nicht immer möchten alte Eltern von ihren erwachsenen Kindern gepflegt werden, die Rollenumkehr ist mit ambivalenten Gefühlen verbunden (z.B. intime Körperpflege). Das Tochter-Mutter Verhältnis kann sehr eng und spannungsbeladen sein.
Der Trend zeichnet sich ab: Professionelle übernehmen die intensive Pflege, Angehörige die informelle Hilfe. Höpflinger bekräftigt, ein Ausbau sozialstaatlicher Angebote reduziert die intergenerationelle Solidarität nicht. Wenn intensive Pflegeleistungen an sozialstaatliche Einrichtungen ausgelagert werden können, verstärken sich dafür die weniger intensiven Hilfeleistungen zwischen den Generationen.
Worte von Kurt Tucholsky zum Nachdenken:
Die verschiedenen Altersstufen der Menschen halten einander für verschiedene Rassen.
Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.
Literatur: Höpflinger, François; Bayer-Oglesby, Lucy; Zumbrunn, Andrea (2011) Pflegebedürftigkeit und Langzeitpflege im Alter. Aktualisierte Szenarien für die Schweiz, Bern: Huber.
Perrig-Chiello, Pasqualina; Höpflinger, François, Suter, Christian (2008) Generationen - Strukturen und Beziehungen. Generationenbericht Schweiz, Zürich: Seismo-Verlag.

Dr. phil. Bettina Ugolini, psychologische Beratung, Zentrum für Gerontologie, Universität Zürich
Angehörige sind Partner in der Pflege
Bettina Ugolini berät Angehörige, Bewohner und Institutionen in Konfliktsituationen. „Bewohner sind nicht das Problem, aber die Tochter oder die Ehefrau!“, hört sie oft. Es kommt zu Differenzen zwischen Angehörigen und Pflegenden. Je nach Verwandtschaftsgrad, Betroffenheit, Beziehungsqualität verhalten sich Angehörige anders. Die Angehörigen sind für die Bewohner ganz wichtige Bezugspersonen, sie sind Bindeglieder zu früher und draussen und geben ihnen emotionale Sicherheit durch eine kontinuierliche Beziehung. Insbesondere für den Partner, die Partnerin, ist ein Heimeintritt eine dramatische Umstellung. Das Leben ist fortan getrennt. Die Privatheit, die Zärtlichkeit, aber auch die Streitkultur hat im Heim Beobachter.
Mögliche Konfliktquellen
Familiäre und professionelle Pflege folgen verschiedener Logik, Unterschiede im Alter und in der Ausbildung (16-jährige FAG, Angehörige 80+). Die Folgen sind Missverständnisse auf beiden Seiten, Vorurteile. Angehörige fühlen sich als Störfaktor, bedeutungslos und machtlos.
Bettina Ugolini will die Erwartungen und Bedürfnisse der Angehörigen gegenüber der Institution verständlich machen, damit Missverständnisse und Konkurrenzdenken beseitigt werden können.
Angehörige sind Partner in derselben Aufgabe.
Hilfreich ist, wenn die Pflegenden Gesprächsbereitschaft gegenüber den Angehörigen zeigen, gegenseitige Erwartungen und Zuständigkeiten klären. Institutionen müssen für Neues offen sein, auch für gemeinsame Lösungen. So wird Angehörigenarbeit zur Beziehungsarbeit. Miteinander statt nebeneinander zum Wohle des Heimbewohners.
Literatur: Ich kann doch nicht immer für dich da sein, Bettina Ugolini, Cornelia Kazis, ISBN-10 : 3858426563
Gesprächsrunden für Angehörige von pflegebedürftigen Menschen, Dr. phil. Bettina Ugolini, Zentrum für Gerontologie ZfG, Universität Zürich,

Dr. iur. Judith Stamm, ehemalige Nationalrätin
„Ich bin einfach alt!“
„Jeder Mensch wird auf seine eigene Weise alt. Jede Frau und jeder Mann muss diesen Weg selber gehen“, sagt Judith Stamm, 77 Jahre, ehemalige Nationalrätin. Die Gesellschaft ist nett mit den Alten, findet sie und hofft, sie werde nie starrköpfig, nörgelnd und könne Hilfe annehmen. Als sie alle Ämter abgab, sei ihr das Alter eingefahren. Sie wollte zuerst das Alter überlisten und weitersausen wie bisher. Sie habe nach aussen einen Habitus der Geschäftigkeit zugelegt, bis sie eine innere Stimme wahrgenommen habe. Sie spürte, dass ihre Kraft nachliess.
Heute geniesse sie es, Zeit zu haben für Neues, auch Anderes, für Begegnungen, Beziehungen und um Rückschau zu halten. Sie engagiere sich gerne, doch vieles sei nicht mehr „ihre Baustelle“. Obwohl gelassener geworden, kann sie sich noch ärgern, z.B. über die Clichés über das Alter in den Medien, Worte wie Altersschwemme, Überalterung. Auch dieses verdammte „noch“ stört sie, kannst du das noch…? Bei den Kindern heisst es ja „schon“!
Hat Judith Stamm noch Träume, Pläne? Ja, sie möchte sich einsetzen mit anderen zusammen für ein autonomes Alterszentrum, für Ü 70, unbetreut, unerforscht und ohne Bevormundung!

Dr. Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist
An der Seele rühren
Was ist ein Mensch, ein Ich mit Würde?, frägt Ludwig Hasler und gibt zu bedenken, dass über die Jahrhunderte die Würde an die Vernunft geknüpft wurde. Was aber, wenn beim Menschen die Klarheit des Verstandes schwindet? Sind Demente eher „Etwas“ als „Jemand“ oder“Post-Personen“, Hüllen einstiger Personen? Wo steckt die Würde im Verwirrten?
Ludwig Hasler fordert, das heutige Menschenbild zu revidieren, weg von der Vernunft hin zur Seele. Seine Erfahrungen mit seiner hochbetagten, verwirrten Mutter lehrten ihn. Er sang ihr viel vor und führte sie im Rollstuhl in die Natur. Wenn es ihm gelang, den Schlüssel zu ihrem seelischen Treffpunkt zu finden, blühte sie förmlich auf. Sie versprühte in solchen Momenten eine innere Heiterkeit, eine Pfiffigkeit, die sie früher nicht hatte.
Wir müssen die Verwirrten in ihren intuitiven Äusserungen erkennen, sagt Ludwig Hasler. Sie spielen ihr eigenes Spiel und pfeifen auf Konventionen. Verwirrte brauchen viel Zeit und Zuwendung. Das Seelische hat Vorrang, es ist an uns, die Resonanz zu suchen und den Schlüssel zu finden für die Musik zwischen den Tönen.
Veranstalter: Residenz Am Schärme, 6060 Sarnen, Kompetenzzentrum für das Leben im Alter, www.schaerme.ch
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