Kultur

Mysterium Leib

Mysterium Leib

Berlinde De Bruyckere, Lucas Cranach und Pier Paolo Pasolini

Das Kunstmuseum Bern zeigt noch bis am 12. Februar 2012 eine Schau, die in dreifacher Hinsicht beeindruckt:

Einmal vergleicht sie zeitgemässe und historische Sichtweisen des Themas „Leib“, dem man heute unbefangener als früher begegnet.
Zum anderen schafft sie einen spannenden Zusammenhang zwischen der Bildhauerei, der Grafik und dem Film.
Zum Dritten gewährt sie Einblicke in die Auseinandersetzung der Künstlerin mit sich selbst, ihrer Umwelt und der Natur, aber auch mit ihrem Schaffen und dem verwendeten Werkstoff. 

Sichtweise und Ästhetik

In Kriminalfilmen und TV-Krimiserien ist häufiger als früher die Kamera und damit der Zuschauerblick auf Leichen gerichtet.  Tote Leiber werden zu visuellen Figuren der Dramaturgie. Wo sich früher der Blick abzuwenden hatte, darf er heute neugierig sein.

Damit wandelt sich auch die Bedeutung des Begriffs Ästhetik. Nicht mehr harmonische Schönheit allein ist gemeint. Heutige Ästhetik schliesst den schmerzhaften Schock durchaus ein. Nicht mehr zeitloses Erlebnis der Einheit zwischen Individuum und Welt ist Hauptsache, sondern das Erfassen von Allem, was der Fall ist. So wird man wach, nicht nur für Harmonie und Schönheit, sondern auch für Schmerz, Leid, Geschundenheit und vielleicht noch andere Grenzsituation des Erfahrens.

Solche Überlegungen stellen sich ein, wenn man die grafischen Blätter, vor allem aber die Objekte von Berlinde De Bruyckere betrachtet.

Der Leib als Kunstprodukt

Nein, keine Ausstellung in konventioneller Ästhetik. Nein, kein Schau für Leute mit Sichtweisen aus dem 19. Jahrhundert. Aber nein, auch kein Anklang an Gunther von Hagens provozierender „Körperwelten“ – Präparate-Exhibition. Die 1964 geborene flämische Künstlerin Berlinde de Bruyckere schafft mit Holz, Wachs, Harz, Farbe künstliche Leiber. Sie beschränkt sich auch nicht auf den Menschen. Was sie mit den verschiedenen Varianten eines Hirsches zum Ausdruck bringt, als Grafik wie als Plastik, ist von grosser metaphorischer Kraft. Der Eindruck von Schmerz, Schändung, Leid ist gewollt und wirkt kaum je abstossend.

Berlinde De Bruyckere
Romeu 'my deer',
2010 - 2011
Aquarell und Bleistift auf Papier
32.4 x 24.77 cm
Friedrich Christian Flick Collection

Wenn in der Literatur wie in der Kunst ein Ganzes stimmt, so stimmen in der Regel auch dessen Einzelheiten. Bei dieser Künstlerin ist es so. Deshalb gelingt es, sich in die Werke hinein zu versetzen. So erschliessen sich deren inne wohnenden Geheimnisse und alles „Mit-Gemeinte“. Ein solches aufgeschlossenes Vertiefen in die Objekte und grafischen Blätter führt zum Verstehen und weckt auch versöhnliche Gefühle.

 

Lucas Cranach und Pier Paolo Pasolini

Ein Anliegen der Ausstellung ist der Dialog dieser zeitgenössischen Sichtweise mit der Grafik von Lucas Cranach dem Älteren und mit dem Film Pier Paolo Pasolinis.

Lucas Cranach d.Ä.:
Schmerzensmann,
um 1515 oder 1535,
Rotbuchenholz, 56,9 x 39,6 cm,
© KSDW, Bildarchiv, Heinz Fräßdorf, 1999

 

Im Falle von Lucas Cranach verblüfft die Übereinstimmung der Sichtweisen. So stark, dass man die Bildsprache des 500 Jahre Älteren auf den ersten Blick gar nicht als verschieden empfindet. Die thematische und ikonografische Nähe ist gelungen. Der angestrebte Dialog findet statt und bereichert das Erlebnis. 


Der Judaskuss
Pier Paolo Pasolini Filmstill aus: Il Vangelo secondo Matteo, 1964, schwarzweiß,
142 min., Produktion: Alfredo Bini-Arco Film (Rom)/Lux C.ie. Cinematographique de France (Paris)

Pier Paolo Pasolinis Filme (das Kino Kunstmuseum zeigt parallel zur Ausstellung eine wesentliche, geglückte Auswahl davon) verliehen in den 1960er Jahren ihrerseits dem Leiden, der Verfolgung, der Schändung des Menschen starken (und damals auch sehr umstrittenen) Ausdruck. Die Ausstellung selber zeigt „Il Vangelo secondo Matteo“ (1964) und „Teorema“ (1968) Der Dialog ist hier nicht ebenso wirkungsvoll; mag sein, dass die spezifische Ausdruckssprache des Films doch zu verschieden von denen der Grafik und des plastischen Objekts ist. 


Berlinde De Bruyckere
Into One-Another I. To P.P.P., 2010, Wachs, Epoxidharz, Holz, Glas, Eisen-Armaturen,
193 x 183 x 86 cm, Courtesy Hauser & Wirth Fotografie: Mirjam Devriendt

http://www.kunstmuseumbern.ch/