Umwelt

Der Lago di Lei ist leer

Der Lago di Lei ist leer

Herbstwanderung am Rand der Kraftwerkerneuerung

Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren, seit dem Einstauen nach dem Bau der Mauer ist der Talboden des Val di Lei wieder sichtbar. Am 17. Oktober hat die Vorabsenkung des grössten Staubeckens der Kraftwerke Hinterrhein das so genannte Senkziel bei 1830 Metern über Meer erreicht. Nur wenig Wasser mit viel Sand und Erde drin netzte noch die fast entblösste Staumauer, links und rechts zeigten sich Abhänge mit durch Wellen erzeugten Höhenkurven, weiter talaufwärts wird der Wanderer überrascht von grauen Kiesbänken, grauen, einst grünen Wiesen, grauen Ruinen da und dort. Ein Bach mäandert vom Pizzo Stella her durch die graue Landschaft mit ihrer grünen Grenze, wo sonst der blaue See auf liegt (Stauziel ist 1931 Meter über Meer).

Gründliche Revision

Diese neue Sicht auf das Val di Lei ist Teil der Gesamterneuerung, welche die Kraftwerke Hinterrhein bis in fünf Jahren als Herkulesprojekt vorhaben, denn nach einem halben Jahrhundert Stromerzeugung müssen alle Bauwerke und Maschinen einer gründlichen Revision unterzogen werden. Die erste Phase der Arbeiten hat vergangene Woche eingesetzt. Zur Zeit gibt es keinen Strom mehr aus den Zentralen Sils und Bärenburg, sie sind abgestellt. Das Ausgleichsbecken Bärenburg wird ganz geleert, der Stausee Sufers so weit wie möglich. Arbeiten an den Anlagen kann man nur im Winter. Nur dann sind die natürlichen Zuflüsse so gering, dass sie nicht stören.

Es geht in dieser Phase eins um das Sanieren der Staumauern und Stollen, das Entrosten der Rohre und den Eintrag einer Schutzschicht. Die Arbeiten werden auf rund 20 Bauplätzen ausgeführt, rund 300 vorwiegend externe Facharbeiter sind dabei beschäftigt, denn die Belegschaft der Kraftwerke „läuft auf dem Zahnfleisch“, wie Direktor Guido Conrad drastisch schildert. Die Arbeiten sollen im April 2012 zuende gehen. Eine ökologische Begleitung ist sichergestellt. Unter anderem arbeitet das Umweltfachbüro ecowert im Auftrag der Kraftwerke Hinterrhein. Obwohl nun für länger keine Turbinen und Generatoren laufen, brauchen die Bezüger keine dunklen und kalten Nächte zu befürchten, das Gute am elekrischen Strom ist ja die Vernetzung.

Nach der Absenkung bleibt nur noch ein Rinnsal im trockenen Stausee.

Ein Restsee bleibt

Am immensen Sediment-Eintrag seit der Bauzeit liegt es, dass bei Sufers ein Restsee bleibt. Keiner dachte vor einem halben Jahrhundert, als die Stauseen gebaut wurden, daran: wenn man nichts tut als Wasser sammeln und Strom herstellen, verlanden die Stauseen eines Tages. Beim Sufner ist die immense Geschiebemenge, welche eingelagert wurde, nun zur Knacknuss für die Ingenieure der Kraftwerke Hinterrhein geworden, denn wegen all dem Geschiebe mit Sand und Erde kann der See nicht bis zum Grundablass geleert werden, können demnach diesen Winter auch nicht alle geplanten Arbeiten an den Stauanlagen und den Druckstollen gemacht werden. Eher Galgenhumor ist es, wenn Guido Conrad meint, er zahle jedem ein Zvieri, der ein paar Karretten Dreck hole, aber er rechnet auch anschaulich vor: Für die zwei Millionen Kubikmeter Dreck, der nun den Stauraum verkleinert hat, bräuchte es nämlich – würde man ausbaggern und wegführen – eine halbe Million Lastwagen. Das ist rein hypothetisch, die Lösung muss anderswo liegen:

Zum Beispiel so wie beim Stausee Solis: Das EWZ baute im vergangenen Jahr einen 850 Meter langen Geschiebeumleitungsstollen. Damit ist der drohenden Verlandung des Sees Einhalt geboten. Eigentlich gäbe es in Sufers bereits einen solchen Stollen, dummerweise wurde er aber nach dem Bau seinerzeit zubetoniert. Er war für die Ableitung des Hinterrheins während der Erstellung der Staumauer gebaut worden, aber niemand dachte daran, ihn als Spülstollen zu erhalten, auch aus finanziellen Gründen, erinnert Conrad die Baugeschichte. Jetzt wieder öffnen ist wohl ebenso illusorisch wie das Abführen der Sedimente.

Im Wassergrab: die Ruinen der Alpsiedlung il Scengio.

Zum Glück sieht es beim Lago di Lei besser aus, das hat die Vorabsenkung in diesem Herbst ergeben. Das Herzstück der ganzen Stauanlagen war nach dem 2. Weltkrieg in Angriff genommen worden, nachdem die Rheinwalder mehrfach, massiv und nachhaltig das Überschwemmen der Landschaft samt den Dörfern Splügen und Hinterrhein bekämpft hatten und die Kraftwerkbauer ihre Pläne ändern mussten. Zum Glück, können wir heute sagen. Im Val di Lei wurde zwar auch Häusern und Ställen ein Wassergrab bereitet, aber wenigstens waren sie seit Jahrhunderten auf Sommerweiden und nicht dauerhaft bewohnt. Das Tal liegt mit Ausnahme der Staumauer in Italien, die Entwässerung indessen erfolgt in den Averser Rhein, der Bach im Val di Lei ist also das einzige Gewässer Italiens, das in die Nordsee fliesst.

Eine lange Geschichte

Dass das Tal nicht wie etwa das Val Niemet oder das Madris schweizerisch ist, hat eine lange Geschichte, die mit einem Staatsvertrag 1863 ihren Abschluss fand. Im Mittelalter sömmerten Bauern aus der Gegend um Chiavenna ihr Vieh unten im Val di Lei, einem weiten Tal, das sie über den Passo Angeloga auf 2400 Metern erreichten. Nach einigen wirren Besitzverhältnissen brachte die Gemeinde Piuro alle Alpen im Tal in ihr Eigentum und forderte, dass ihr auch das Territorium bis zum Averser Rhein zukäme. Weil die Schamser Bauern Alpen genug hatten, kümmerte sie das wenig. Konsequenzen hatte es, als Napoleon alle Bündner Untertanengebiete, also das Veltlin und die Grafschaft Chiavenna der Cisalpinischen Republik zuschlug und das auch nach dem Wiener Kongress nicht änderte. Graubünden wehrte sich noch lange für das Val di Lei, aber bei der definitiven Grenzbereinigung wurde nur vereinbart, dass die Averser Strasse ganz auf Schweizer Boden liegen müsse. Heute ist auch die Staumauer ganz auf Schweizer Gebiet, ein Rechteck im natürlichen Verlauf der Landesgrenze.

Wähend die Bauarbeiten an den Sufner und Bärenburger Anlagen eingesetzt haben, wurde der Lago di Lei nur abgesenkt, damit für die Sanierungsarbeiten 2012/13 alle nötigen Messungen und Analysen gemacht werden können. Beim Tiefststand am 17. Oktober wurde es nicht eine Wanderung mit Weitblick entlang des acht Kilometer langen Stausees, sondern eine immer wieder unterbrochene Entdeckungsreise hoch über einem kleinen grauen See, später über einer immer noch grauen Flusslandschaft, wo der Reno di Lei sich wohl wieder im alten Flussbett schlängelt.

Ein amorpher Steinhaufen

Das ehemalige Kirchlein St. Anna ist nur noch ein Steinhaufen. (Bilder: Eva Caflisch)

Der Blick auf die Alpsiedlungen, oder wenigstens auf das, was davon übrig geblieben ist, berührt seltsam: sind die Ruinen 50, 500 oder 5000 Jahre alt? Zum Vorschein kamen meist nur Grundmauern, Wieslandumrandungen, ab und zu eine ganz erhaltene Hüttenwand mit Türeingang, selten sogar ein halbes Dach. Alles Holz wird wohl endgültig verwittern, wenn es nun länger an die Luft kommt. Als das Staubecken geplant wurde, gab es im Talboden 15 Alpen mit Weid- und Wiesland. Die Kraftwerke leisteten Realersatz, einige Eigentümer wurden auch finanziell entschädigt. Den Besitzern wurden neue Steinhütten und -Ställe oberhalb des Stauziels gebaut, ähnlich denen, die sie verlassen mussten. Auch die Kapelle gibt es wieder, ganz nahe der Staumauer.

Das Original, einst der heiligen Anna geweiht, ist heute nurmehr ein amorpher Steinhaufen. Grund für die unterschiedliche Zerstörung: Je höher ein Bau im Tal liegt, desto grösser ist die Möglichkeit, dass er bei jeder Absenkung des Sees an die Oberfläche kommt und dort dem Wellengang ausgesetzt ist, erklärt Direktor Guido Conrad. Beim Lago di Lei ist der Stöpsel wieder drin, der Stausee füllt sich, bis er in rund einem Jahr für die gleichen Revisionsarbeiten, die nun in Sufers und Bärenburg eingesetzt haben, ganz geleert wird.

 

Kraftwerke Hinterrhein AG

Bau der Anlagen: 1957 bis 1962

Gesamterneuerung: 2010 bis 2016

Kosten: 275 bis knapp 300 Millionen Franken

Ablauf der Konzession: 2042