Gesellschaft

Das Zürcher Spendenparlament

Das Zürcher Spendenparlament

Mitbestimmen, wer unterstützt wird - und den Empfänger kennenlernen

Bild vor der 11. Parlamentssitzung: Das Zürcher Spendenparlament in guten Händen, mit Präsident Christoph Sigrist und Monika Stocker, im Vorstand verantwortlich für die Projekteingaben.

Gegen Ende des Jahres möchten Menschen Gutes tun, auch Geld für einen guten Zweck spenden. Manch einer, der ratlos in einem Stapel von Bittgesuchen blättert, fragt sich, ob seine Spende wohl je einen benachteiligten Menschen erreichen oder einfach in einer Administration versickern werde: Er möchte mitreden und wissen, wofür das Geld tatsächlich eingesetzt wird.

Eine solche aussergewöhnliche Möglichkeit bietet das Zürcher Spendenparlament. Es sammelt Geld über Mitgliederbeiträge, Spenden- und Sponsorengelder und lädt ein, Projekte zugunsten Benachteiligter in unserer Gesellschaft einzureichen. Unterstützt werden niederschwellige gemeinnützige Projekte, welche Armut, gesellschaftliche Isolation und Ausgrenzung bekämpfen. Die Kriterien sind schriftlich festgelegt. Die Gesuchsteller erbringen Eigenleistungen und berichten ein Jahr später über die Umsetzung des Projektes. Die Gesuche werden zweimal jährlich an einer Parlamentssitzung durch die Ratsmitglieder beurteilt und bewilligt.

Das Zürcher Spendenparlament hat am letzten Donnerstag im Zürcher Rathaus getagt. Eine halbe Stunde vor Sitzungsbeginn trafen sich „Parlamentarier“ im Foyer zum Apéro, orientierten sich an Informationsständen über die Projekte und führten persönliche Gespräche mit den Gesuchstellern.

Debatte über die einzelnen Projekte

Siebzehn Gesuche wurden eingereicht, neun haben die Hürden der Projektprüfungskommission geschafft. Christoph Sigrist, Präsident des Parlamentes (und Pfarrer am Grossmünster) stellt zu Beginn der 11. Parlamentssitzung fest, dass 71‘000 Franken zur Verfügung stehen. Beantragt werden 75‘990 Franken für neun Projekte.

In der recht hart geführten Debatte stellen die Parlamentarier den Antragstellern kritische Fragen zu allgemeinen Kosten, messbarer Effizienz, tatsächlicher Möglichkeit zu einer Integration. „Wieso Personalkosten von 63‘000 Franken?“, wird alpine-experience gefragt, die benachteiligte Kinder im Klettern instruiert. „Das sind unsere Eigenleistungen, hochgerechnet nach eurem Reglement, Lohn beziehen wir keinen.“ Die Projektleiter sind Idealisten, einige nicht gewohnt, ihre Anliegen gut zu vertreten. Zweimal hilft Monika Stocker als ehemalige Stadträtin mit Hintergrundinformationen. Ob er nicht mit etwas weniger auskommen könne, wird der Antragsteller mit dem höchsten Gesuchsbetrag gefragt, der Leiter einer Freizeitorganisation von Behinderten. „Ich nehme, was ihr mir gebt“, erwidert er lakonisch und muss prompt 5000 Franken nachlassen, damit das Budget stimmt. Alle neun Anträge werden genehmigt, einer mit nur einer Mehrstimme.

Integration im Sport

Integration als Ziel wird gross geschrieben im Spendenparlament. Sigrist hat FCZ-Präsident Ancillo Canepa und Trainer Fredy Bickel zu einer Diskussion über Integration eingeladen und verteidigt seinen Entscheid: Er sei FCZ-Fan und stelle fest, dass der Club heute auch zu den Benachteiligten unserer Gesellschaft gehöre. Canepa erklärt, der Fussball sei weltweit ein grosser gemeinsamer Nenner in der Gesellschaft. Im Verein werde Integration gefördert und gelebt, begonnen bei den Junioren, wo Knaben und Mädchen aus aller Welt zusammen spielen und die Eltern am Spielfeldrand miteinander diskutieren und Freundschaften pflegen. Auch in der obersten Liga respektieren die Spieler ihre Herkunft und die religiösen Bräuche, erklärt Canepa. Auf die Probleme mit den Fans angesprochen, reagiert er emotional: Er bemühe sich sehr um das korrekte Verhalten der Fans, wichtig seien aber auch die rasche Bestrafung der Randalierer, konsequente Zutrittskontrollen und die Präsenz der Polizei auf dem Fussballareal. Integration braucht Support.

Support auch für das Zürcher Spendenparlament

Fünf Jahre alt ist das Zürcher Spendenparlament, es zählt 120 Mitglieder und hat 78 Projekte mit insgesamt 818‘000 Franken finanziert. Das erste Spendenparlament wurde 1996 in Hamburg gegründet. Inzwischen haben zwölf weitere deutsche Städte und Wien eine solche Institution geschaffen. Basel hat Beobachter ins Zürcher Rathaus geschickt und plant das zweite Spendenparlament in der Schweiz.

Fragen an Präsident Christoph Sigrist

Seniorweb: Es gibt viele wohltätige Institutionen in der Schweiz. Was hat Sie bewogen, 2006 das Zürcher Spendenparlament zu gründen?

Christoph Sigrist: Ich kannte die Idee von Hamburg und Wien her. Mir ging es darum, Geld und Geist, Grossmünster und Paradeplatz im Rathaus zur öffentlichen Debatte zu führen. Diejenigen, die Geld haben, kommen mit denen, die Geld brauchen ins Gespräch und debattieren über die Frage, wie denn als zivilgesellschaftliche Kraft im Grossraum Zürich geholfen werden kann. Geld aus biblischer Tradition ist immer an soziale Eingliederung, Integration und Bekämpfung der Not gebunden.

SW: Im Vergleich zu den Summen in Mio. und Mia., mit welchen die Medien heute im Finanz- und Wirtschaftsbereich jonglieren, sind es relativ kleine Beträge, die Sie sprechen können. Lohnt sich der Aufwand?

Sigrist: Das ist keine Frage. Jeder Aufwand lohnt sich, dass ein Franken dorthin kommt, wo ein psychisch erkrankter Mensch durch eine Tagesstruktur gestützt wird, in der Freiwillige mit ihm zusammen sinnvolle Tätigkeiten organisieren und so seine Familie entlastet wird. Wir jonglieren nicht mit Milliarden, jedoch mit dem unbezahlbaren Gut von Helfen und Geholfen-Werden.

SW: Warum werden nur Projekte aus dem Kanton Zürich finanziert? Würden Sie die Region ausweiten, wenn mehr Mittel zur Verfügung stünden?

Sigrist: Not vor Ort, die gesehen wird, ist unmittelbarer und deshalb auch streitbarer wie Hilfe weit weg. Das Instrument eines Spendenparlaments braucht den Raum der Nachbarschaft. Der Versuch, ein gesamtschweizerisches Spendenparlament aufzubauen, scheiterte anfangs dieses Jahrhunderts.

SW: Das Spendenparlament ist noch wenig bekannt. Was tun Sie, um die Institution in der Bevölkerung zu verankern? Wie werben Sie für sich?

Sigrist: Die Medienpartnerschaft mit dem Tages-Anzeiger ist für das Bekanntwerden der Inhalte, das heisst, der Projekte, die durch das Spendenparlament unterstützt werden, sehr wichtig. Ebenso sind wir bei den sozialen Institutionen schon sehr bekannt, sodass wir dieses Jahr über 30 Projekteingaben behandeln durften. Regionale und kommunale Zeitungen verbreiten je länger und je mehr unsere Ideen. Und auch regionale Radios senden Beiträge. Doch es bleibt auf dem Platz Zürich eine sehr grosse Herausforderung, in all den unzähligen Angeboten und Initiativen Gehör zu verschaffen.

Nächste Parlamentssitzung: 31. Mai 2012
Projekte können bis 15. Januar 2012 eingereicht werden.
Die Sitzung ist öffentlich.

www.spendenparlament.ch/home

Mit 500 Franken Mitglied werden

Kriterien für Projekteingaben

Projekte, deren Unterstützung am 17.11.2011 bewilligt wurde
(Liste im Anhang)