Wer dieses Jahr in die Messehalle 4 in Basel eintauchte, verspürte sofort eine eigenartige Mischung von konzentrierter Angeregtheit. Der Geräuschpegel war hoch, denn neben den vielen verhaltenen Publikumsstimmen setzten sich immer wieder die Lautsprecher aus den verschiedenen Spezialkojen durch, die da waren: BuchBasel-Forum, Literatur-, Themen- und Dialogforum. Als wissbegieriger Besucher fiel es nicht leicht, sich zu entscheiden, welches der vielen verlockenden Angebote man annehmen solle. Schliesslich hat ein Messetag nur acht Stunden, leider!
Ich besuchte die Messe am Samstag, den 19. November, und verfiel prompt der Sogkraft eines solchen Forums. Kaum hatte ich mich ein wenig umgesehen und innerhalb der Ausstellungsstände notdürftig orientiert, sass ich auch schon im Literaturforum, wo sich drei der Nominierten für den diesjährigen Schweizer Buchpreis vorstellten. Es waren dies Felix Philipp Ingold , Monica Cantieni und Charles Lewinsky. Keiner von ihnen erhielt am nächsten Morgen die begehrte Trophäe, schade. Denn ich hätte vorbehaltlos für Ingolds „Alias oder das wahre Leben“ votiert, das – anhand der komplizierten Lebensverknüpfungen eines real existierenden, einstigen Rote Armee-Angehörigen – den Abgründen der menschlichen Existenz nachforscht, „das Resümee eines abenteuerlichen Lebens“, so Ingold in der Diskussion.
Der Buchpreis ging dann an den in Zürich lebenden Rumänen Catalin Dorian Florescu für seine Familiensaga „Jakob beschliesst zu lieben“, auch das eine abenteuerliche und gut geschriebene Lebensgeschichte, welche die Familiengeschichte von drei Jahrhunderten umschliesst. Bei dieser Vergabe wurde wieder einmal deutlich, wie hoch in historische Zeitläufte hinabreichende Epen derzeit in der Gunst des Publikums stehen. Aber die Vergabe des Buchpreises bildete eigentlich nur das Tüpfelchen auf dem i der über 100 Veranstaltungen von Buchfestival und Buchmesse.
Star aber war immer und überall das Wort, egal ob verpackt in die erstmals stattfindende Büchernacht mit anschliessender BuchParty, ob an den Messeständen, in den diversen Foren oder gar in der eigenen Kinder-Buchmesse im Erdgeschoss. In letzterer fand ich gerade den sonst in der Erwachsenen-Etage beheimateten Schweizer Literaten Lukas Hartmann auf der bunten, märchenhaften Bühne seine Kasperli-Streiche erzählen. „Lesen ist mega“ hiess ein eigener Veranstaltungsprospekt „für kleine und grosse Bücherfans an der Kinder-BuchBasel“ überschrieben, und ich kann alle potentiellen Omis und Opas, die mit ihren Enkel vielleicht nächstes Jahr nach Basel reisen werden, beruhigen: Die Jugend ist an der BuchBasel gut aufgehoben und wird sich auf unterschiedlichste Weise amüsieren können.
Wobei ich bei dem Thema wäre, welches mich – im Hinblick auf diesen Bericht im Seniorweb – speziell interessiert hat: Welche Bücher gibt es zum Alter oder zur Generationenfrage. Und ich musste merken: Derer sind Legion! Ohne jetzt mit einer gewissenhaften Aufzählung zu langweilen, möchte ich aus der grossen Kiste nur einige herausgreifen, die mir besonders aufgefallen sind.
Bereits in zweiter, unveränderter Auflage erschien im Schwabe Verlag Basel „Schöne Aussichten! Über Lebenskunst im hohen Alter“ mit lebendig geschriebenen „Fallbeispielen“ unterschiedlichster, namentlich vorgestellter Persönlichkeiten (Texte: Paula Lanfranconi) und Fotos von Ursula Markus. Das klare, gut lesbare Layout und die ganze Gestaltung dieses empfehlenswerten Bandes erinnerte mich sofort an ein weiteres Buch, das ich eben entdeckt hatte, eine Neuerscheinung diesmal: „Durch dick und dünn – Grosseltern von heute und ihre Enkel“, herausgegeben von der Grossmütter-Revolution. Und, siehe da – es handelte sich um dieselben Autorinnen im Gesamtbild von Gestalter Rogério Franco – ein wirklich erfolgreiches Dreigespann. Auch dieses neue Buch befasst sich primär mit der Befindlichkeit der älteren Generation. Die Enkel allerdings kommen – ausser in den wieder grossartigen Farbfotos – nur in der Beschreibung der Grossmütter vor, erhalten also keine eigene Stimme.
Auch im Kinderbuch wird das Omi-Syndrom, um es einmal so zu nennen, behandelt, so in der berührenden Bilderbuch-Geschichte „Die neue Omi“ von Elisabeth Steinkellner und Michael Roher, erschienen im Jungbrunnen-Verlag.
Einem drängenden und oft verdrängten Problem in der Altersfrage widmet sich, ganz unbeschönigend, ein weiterer Bildband aus dem Schwabe Verlag Basel „Morgen ist alles anders - Leben mit Alzheimer“. Hier werden in Wort und berührenden Schwarzweiss-Bildern Bewältigungsstrategien sowohl der Betroffenen als auch, hier natürlich noch ausführlicher, deren BetreuerInnen vorgestellt, sei es vom Leben mit Demenz zu Hause, in Tages- oder Wohnheimen. Hier wird auch „die riesige Not der Angehörigen“ thematisiert, welche so lange helfen und pflegen, bis sie selbst spitalreif geworden sind.
Mehr philosophisch nähert sich Thomas Vogel der Flut von Erinnerungen, mit denen der alt werdende Mensch zurecht kommen muss. „Hinter den Dingen“, ein äusserst lesenswerter – und trotz aller Tiefe leicht zu lesender - Roman aus dem engagierten kleinen Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer, der dieses Jahr zum ersten Mal Gast an der Buchmesse war.
Die Age Stiftung (wir berichteten kürzlich über die Verleihung des Age Award in Basel) gab im Basler Christoph Merian Verlag des höchst nützliche und anschauliche Buch „Weiterbauen“ heraus, Anregungen für Um- und Anbauen für das Wohnen im Alter.
Schliesslich seien alle Schreibenden noch auf eine Möglichkeit hingewiesen, ihr Deutsch orthographisch zu überprüfen: SOK, die 2006 gegründete Schweizer Orthographische Konferenz, hat 2010 einen „Wegweiser zu einer einheitlichen und sprachrichtigen deutschen Rechtschreibung“ herausgegeben. Darin geht man zum Teil auch streng ins Gericht mit den 1996 offiziell eingeführten, neuen Rechtschreibregeln – eine Fundgrube für all jene, die durch die sogenannte Neue Rechtschreibung verunsichert wurden und beim Schreiben immer noch werden.
Schliesslich noch ein Wort des grossen ungarischen Intellektuellen György Konrad, dessen Lesung zum Höhepunkt meines Messebesuches werden sollte. Nach seinem neuen zeittkritischen Buch „Pendel“ (Suhrkamp) und seinen eigenen Verfolgungen befragt, sagte Konrad: „Es ist eine Frage von Mut und Tapferkeit, Verachtenswertes zu überstehen.“ Der alte Mann sprach dabei im Stehen, denn „Ich will den Menschen in die Augen sehen.“
Ja, und so kann auch ein gutes Buch eine Hilfe sein, dem Leben in die Augen zu sehen.
Foto: Die italienische Verlegerin Inge Feltrinelli bei der Eröffnung der BuchBasel 2011. © BuchBasel
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