Zum 100. Geburtstag von Paul Burkhard, gibt es nicht grad hundert, aber viele Aufführungen landauf landab. Er schrieb die Zäller Wiehnacht 1960 für die Kinder seines neuen Wohnorts Zell im Tösstal. Wenn nicht in diesem, so doch in irgend einem anderen Krippenspiel machten wohl alle von uns einmal mit - als Engel, als Hirte, als einer der heiligen drei Könige oder mit etwas Glück als Maria. Und lebenslang bleibt die Erinnerung zurück, schmerzhaft, wenn man den Text vor versammelten Erwachsenen in der Kirche vergessen hatte, oder schön, weil sie einem Flügel umschnallten und ein Sterndiadem auf die Zöpfe setzten.
So war es, so ist es. Klaus Brömmelmeier, Mitglied des Ensembles im Schauspielhaus Zürich, begegnete der Zäller Wiehnacht zuerst auf einer
Langspielplatte, aber die Lieder beeindruckten ihn nachhaltig, als er für eine Adventsveranstaltung des Schauspielhauses am Klavier sass. Er spielte auch De Stärn vo Bethlehem und „alle, wirklich alle“ hätten mitgesungen, sagte er gegenüber Radio DRS. Nun hat er das Krippenspiel gemeinsam mit Sibylle Burkart inszeniert, nicht mit Profi-Kollegen, nicht mit Kindern, aber mit einer Handvoll Laiendarstellern im Senioralter, welche ihre ureigenen Erinnerungen einbringen. Ein wunderbares, bezauberndes und zugleich ironisch-leichtes Spiel ist so entstanden, ein Spiel, das ältere Zuschauerinnen und Zuschauer an ihre Kindheit erinnert, junge mit den Texten und Liedern für sich einnimmt. Beispielsweise mit dem Lied von der Mutter, welche nicht weiss, was aus ihrem Kind wird: Wenn es eine gestandene Frau und Mutter singt, die ihr Leben zu einem Gutteil lebte, lässt es niemanden kalt, gewinnt es an Tiefgang.
Aber gleichfalls rührt das Lied an, wenn ein Chor kleiner und grösserer Mädchen die Worte, Käi Mueter weiss, was ihrem Chind wird gscheh singt. Wie jetzt bei der Zäller Wiehnacht der Erlöser-Kirchgemeinde im Zürcher Seefeld. 65 Kinder zwischen sechs und sechzehn plus, etliche erwachsene Musiker, Flötistinnen, Sprecher und Sprecherinnen machen die Aufführung zu einem Projekt der ganzen Kirchgemeinde. Einstudiert hat das Spiel so locker traditionell, wie es damals 1960 von Paul Burkhard ausgedacht worden war, die Musikpädagogin Annette Wiesner. Da sind kleine gewitzte Buben, die in der Rolle des Polizeidirektors oder des Kriegsministers vom Herodes die Lacher auf ihrer
Seite haben, oder die heiligen drei Könige, welche über der Alltagskleidung mit Cape und Krone ihre Würde zu unterstreichen versuchen. Die Choreographie ist eine klare, stützende Struktur, lässt aber den kleinen Sängerinnen und Sängern Raum für ihre Darstellung. Das Singspiel wird werkgetreu aufgeführt, Bühnenbild ist der Kirchenraum, Licht ist knapp, Kostüme sind nur angedeutet, aber insgesamt ergibt sich eine stimmige Zäller Wiehnacht, so dass Applaus durch die Erlöserkirche schallt wie selten.
Viel Beifall auch in der Schauspielhaus-Kammer, welche das Singspiel in einem Schulhausflur mit Garderobehaken und Schwebebalken-Bänkli situiert hat. Da hängen Mäntel und Jacken des Publikums und viele Turnsäcke, wie sie vor Jahrzehnten üblich waren. Das Eintauchen in die Erinnerungen fällt leicht, aber die Aktualität wird nicht ausgeklammert. Beispiel: die heutzutage politisch unkorrekten „Neger“ bleiben im Text, denn an der Tatsache, dass „der weisse Mann“ den Negern alles wegnimmt, hat sich seit 1960 nichts geändert. Andere Szenen sind witzig, hochironisch aber niemals gerät das Spiel ins Lächerliche, auch wenn sechs ältere Menschen Schulkinder spielen und mitunter ihre Spässe machen. Beispielsweise mit dem spiegelnden Deckel der Schatzkiste von einem der heiligen Könige die Augen der Zuschauer blenden, oder mit den falschen, weil zu hellen Socken.
Bei Aufführungen mit Kindern singen heute immer auch die aus den anderen Ländern mit, die mit der dunkleren Haut, den schrägeren Augen, dem schwärzeren Haar und machen das Spiel notwendigerweise zu einem Stück Integration. So war denn auch eine der stärksten
Szenen bei Kinder-Aufführung in der Erlöser-Kirche - hochpolitisch und zugleich bewegend - die Herbergssuche. Wie Maria und Josef immer wieder weggewiesen wurden und schliesslich in einem Stall unterkommen mussten, da konnte kaum jemand im Kirchenraum nicht an Migranten und Migrantinnen denken.
Im Grunde spielt es keine Rolle, wer die Zäller Wiehnacht spielt - jedenfalls nicht fürs Publikum. Die Reise in die Erinnerung an die Adventszeit und die Schulweihnachten vor vielen Jahren und der Bezug zur heutigen Gesellschaft funktionieren mit Burkhards Vorgabe so oder so – mit 65 Kindern oder mit drei gestandenen Frauen und drei ebensolchen Männern auf der Szene.
Weitere Aufführungen:
Im SchauspielhausZürich: 30.11., 7.,8.,10.,11.,16.,17.,21.,22.,29.12. jeweils 19.30 Uhr
In der Erlöser-Kirche, Zürich, 3. 12. 20 Uhr, 18.12. 17 Uhr.
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