Kultur

Kalauerndes Urwaldspiel

Kalauerndes Urwaldspiel

Christian Stückl inszeniert „Merlin oder Das wüste Land“ von Tankred Dorst am Zürcher Schauspielhaus.

Liebe, Eifersucht, Intrigen, Rache, Ideale, Verlust, Konflikte, Krieg und Mut. Das sind nur einige der Themen, die Tankred Dorst in „Merlin oder Das wüste Land“ bearbeitet. Der 1925 in Thüringen geborene Dramatiker und Schriftsteller, der auch als Drehbuchautor und Regisseur Erfolge feiert, begibt sich auf die Spuren des wohl bekanntesten mythologischen Zauberers des westlichen Kulturkreises. Doch er erzählt die Artussage auf seine ganz eigene Art und Weise, als tragikomische Parabel über den Wahnsinn der unbelehrbaren Menschheit.

Tafelrunde und Gral-Suche

Der Zauberer Merlin, Sohn des Teufels und einer Dirne, versucht Ordnung zu bringen in eine Zeit, die gekenntzeichnet ist von der Suche nach neuen Werten und Orientierungen. Mit der Gründung der Tafelrunde versucht Merlin, ein friedliches Miteinander zu stiften. Doch das Böse kann auch aus dem Gutgemeinten erwachsen: König Artus verliert die Liebe seiner Frau Ginerva an Ritter Lancelot, sein Sohn Mordred reisst in seinem Kampf um die Macht  das ganze Reich in den Untergang. Merlin steht vor der schier unlösbaren Aufgabe, alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Katastrophen zum Guten zu wenden. Tankred Dorsts gewaltiges  Bühnenepos erzählt die alte Sage von König Artus und dem Schwert Excalibur, den Rittern, der Tafelrunde und der Suche nach dem heiligen Gral als modernes Ritterdrama. Eine Geschichte von der Karriere und dem Untergang einer grossen Idee.

Tropischer Dschungel

Regisseur Christian Stückl, langjähriger Leiter der Oberammergauer Passionsspiele, hat das vor dreissig Jahren uraufgeführte Menschheitsdrama für die Schiffbau-Halle des Zürcher Schauspielhauses von acht auf dreieinhalb Stunden gekürzt und als kalauerndes Urwaldspiel inszeniert. Die Szenen sind knapp, temporeich und wechseln so flott, dass man sich in einer Vorabend-Soap glaubt. Gespielt wird in einem tropischen Dschungel aus Bananenstauden, Schlingpflanzen, Palmen, Kakteen und anderem Gestrüpp, darüber prangt eine Hängebrücke aus Hanfseilen und Bambusrohren. An den Stirnseiten sind die Zuschauertribünen angebracht. Im Zentrum der monströsen Kulisse aus bemoostem Styropor und allerlei Grünpflanzen befindet sich ein wundersamer Tümpel, in dem geliebt, gekämpft und geboren wird (Bühnenbild: Stefan Hageneier).

Stückl verwandelt Dorsts kritische Artus-Sage in eine Posse, entfesselt passagenweise unterhaltsames Chaos. Doch Ernst und Tiefe will bei allerlei Originalität nicht aufkommen. Die Helden geben sich redlich Mühe, ein teuflisch sinniges Spiel zu liefern. Vergeblich: Sie kämpfen und lieben, stapfen blutverschmiert durchs Unterholz, fuchteln mit ihren Schwertern wild herum, verwandeln sich in bärtige Mannsbilder, sind aber nicht mehr als einfältige Ritterfiguren, die an ihren Idealen tragikomisch scheitern müssen. Dabei mangelt es der Inszenierung nicht an effektvollen Einfällen, die aber schnell verpuffen. Vorab der Tümpel ist Schauplatz etlicher überraschender Auf- und Abtritte. Diese Momente täuschen nicht über das rüde Desinteresse an Sprache und Dramaturgie hinweg, das die Aufführung durchzieht. Dorsts Text wirkt fragmentiert, ufert mehr und mehr in Geplapper aus. Zurück bleibt eine nette Unterhaltungs-Gala mit viel Improvisationspalaver.

Gelungene Auftritte

Zu gefallen wissen dagegen  - neben dem faszinierenden Bühnenbild – die Auftritte einzelner Schauspieler. Gottfried Breitfuss spielt den Teufel mit Hörnchen als listigen Verführungskomiker brillant, ebenso Jirka Zitta den Merlin als obercoolen Zauberkünstler in weissgekleidetem Anzug sowie Sarah Hostettler die Ginerva im goldigen Glimmerkleid als akrobatische Verführerin zur Unmoral. Lukas Holzhausen spielt einen etwas gar unterkühlten und hilflosen König Artus, der sich als ein allzu gelehriger Schüler seines Zauberfreundes Merlin erweist. Jonas Schlagowskys Mordered strahlt hinterhältige Verlogenheit aus, die jede Grausamkeit als Rache gegen den Liebesentzug des Vaters zu rechtfertigen weiss. Und Niocla Fritzens naive Bestie Parzival schockiert auf seiner autistischen Heilssuche mehr als ihm lieb ist. Bleibt noch Milian Zerzawy als überkorrekter Lancelot, der wie ein schillernder Orkan die Vision einer gerechten Welt zu retten versucht. Alle wissen: Es ist ein teuflisch unterhaltsames Spiel, das geboten werden soll.  Doch es bleibt beim eher missratenen Versuch, den Artus-Mythos in die Gegenwart zu holen. Das Premierenpublikum bedankte sich mit warmem Applaus vorab für die Parforce-Leistung der Spielenden.

Von links: Milian Zerzawy als Lancelot, Lukas Holzhausen als Artus und Michael Gempart als Orilus. Bild oben: Gottfried Breitfuss als Teufel.  (Toni Suter / T+T Fotografie)

Weitere Vorstellungen: 1., 7., 8., 9., 12., 15., 16., 20., 21., 28. Dezember, 3. Januar jeweils 19 Uhr, 4. Dezember, 17 Uhr und 18. Dezember, 15 Uhr. Weitere Vorstellungen im Januar und Februar sind in Planung.