Bild: Die beiden Männer aus Konstanz empfanden es als Ehre, im Zukunftsforum der Stadt Konstanz mitzureden über ihre Erfahrungen und über die zukünftige Entwicklung ihres Wohnortes. In Dornbirn berichteten sie über ihre Erlebnisse.
Freiwilligenarbeit hält unsere Gesellschaft zusammen – doch die Bereitschaft dazu hat in den letzten Jahren abgenommen, gerade jetzt, wo durch die demographische Entwicklung immer mehr Menschen auf Hilfe angewiesen sind und Vereine nicht mehr wissen, wie sie Vorstandsmitglieder und Ausbildner finden.
Wie kann Freiwilligenarbeit erhalten und weiterentwickelt werden? An der Tagung „Grenzen-Los“ in Dornbirn wurde tiefer geschürft und nach den Gründen für politische Beteiligung in unserer Gesellschaft gefragt.
Freiwilligenarbeit und die Beteiligung an unserer Gesellschaft seien Zwillinge, erklärt Herbert Sausgruber, Landeshauptmann von Vorarlberg. Freiwilligenarbeit schaffe Lebensqualität, sie entspringe der familiären Solidarität und sie sei im Nahraum wesentlich lebendiger zu erfahren als im Grossraum. Er empfiehlt, nicht zu viel zu fusionieren, sondern zu erhalten, was funktioniert. Sich beteiligen heisse auf kommunaler Ebene, sich mit einer Sache zu befassen, hinzugehen und Verantwortung zu tragen.
Büro für Zukunftsfragen in Bregenz
Organisiert wurde diese dritte Dreiländertagung durch das Büro für Zukunftsfragen in Bregenz zum Thema:"Was kann Beteiligung und Selbstorganisation für die Förderung von Engagement leisten?“ Ein etwas komplizierter Titel. Das Ziel ist verständlicher: Es sollen ermutigende Rahmenbedingungen geschaffen werden, die zu Bürgernähe und zu Kundenfreundlichkeit führen. Politisches Engagement muss auch ohne Parteizugehörigkeit möglich werden. In Dornbirn wurde denn auch während zwei Tagen vor allem über die Frage der Beteiligung der Bürger an unserer Gesellschaft diskutiert.
Den Einstieg dazu bildeten drei Zukunftsforen in den Gemeinden Konstanz/DE, Krumbach/Vorarlberg und Thalwil/CH, die von den Gemeinden unterschiedlich gestaltet und in Dornbirn vorgestellt wurden.
Thalwil
Es sei eher Neugierde gewesen als Mut, was sie bewogen habe, am Projekt teilzunehmen, erklärt Christine Burgener, Gemeindepräsidentin von Thalwil. Angeschrieben wurden 450 Einwohner, die kein Amt in der Gemeinde bekleiden. 10 Personen waren bereit, über die zukünftige Entwicklung ihrer Wohngemeinde zu sprechen und Wünsche einzubringen. Die Resultate aus diesem Zukunftsforum wurden dem Gemeinderat und der Öffentlichkeit am 12. November vorgestellt. Die Wünsche betreffen Wohnen und Freizeit, Krippenplätze, Energieversorgung, Begegnungszonen, Verkehr, Velowege, u.a. Das Forum wird dokumentiert unter http://vimeo.com/32435426 (Video, 10 Min.)
Thalwil zählt 17‘000 Einwohner und wurde vom Migros-Kulturprozent für das Zukunftsforum ausgewählt, weil die Gemeinde vor zwei Jahren einen Preis für die Pflege der Freiwilligenarbeit bekommen hat. Für die Teilnahme am Projekt hat Christine Burgener präsidial entschieden.
Konstanz
Konstanz zählt 80‘000 Einwohner. Hier hat 2009 die erste Tagung des Projektes „Grenzen-Los“ unter Leitung der Initiantin Dr. Jeannette Behringer stattgefunden. Die Stadtverwaltung war denn wohl auch bereits sensibilisert, reagierte sehr positiv und wählte als Thema „Wie kann die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger verbessert werden“. An der Diskussion wollten spontan 70 Einwohner teilnehmen, angenommen werden konnten 50. Die Bewohner empfanden es als Ehre, angefragt zu werden. Diskutiert wurde über positive Erlebnisse, über Enttäuschungen und über neuralgische Themen, wie Verkehrsproblematik Innenstadt, Verbesserung des Verhältnisses zwischen den Generationen. Die Diskussion wird 2012 weitergeführt. Mehr über den Bürger/innenrat in Konstanz unter http://www.grenzen-los.info/de/konstanz.
Krumbach/Bregenzerwald
In Vorarlberg wurden alle 96 Bürgermeister angeschrieben. Aus zwölf Interessenten wurde Krumbach im Bregenzerwald ausgewählt, das mit 1000 Einwohnern ein Grossprojekt plant: ein Mehrgenerationenhaus mit Elementen des betreuten Wohnens, verdichtetes Wohnen inmitten von Einfamilienhäusern. Auch hier wurden 14 zufällig ausgewählte Einwohner eingeladen, um über die Frage zu diskutieren, welche Auswirkungen das Projekt "Neues Wohnen in Krumbach" auf die Dorfentwicklung habe. Besprochen wurde nicht der Baukörper, sondern die Funktion des Projektes und sein Stellenwert für die Dorfentwicklung. Das Projekt soll im Dorf verwurzelt werden. Dokumentation unter http://www.grenzen-los.info/de/krumbach/
Erfahrungen aus den Projekten:
Die Zufallswahl der Teilnehmer war wichtig und führte zu einem interessanten Gruppenprozess. Auf die Frage, wo denn das Feuer brenne, müssen die Gemeinden verbindlich reagieren. Die Politiker und die Bevölkerung werden sich damit der Macht der Bürger und Bürgerinnen bewusst. Auch Migrantinnen und Migranten sollen in die Diskussionen mit einbezogen werden.
Diskussionen im Open-Space-Verfahren
In verschiedenen Arbeitsgruppen wurde nach den vier Prinzipien des Open-Space-Verfahrens diskutiert:
1. Wer immer kommt, ist gerade die richtige Person
2. Was geschehen mag – es ist das Einzige, was geschehen kann
3. Wann immer es beginnt, es ist die richtige Zeit
4. Vorbei ist vorbei
Dieser radikale Gegenwartsbezug wirkte anfänglich befremdlich, wurde dann als beruhigend erfahren: Was jetzt ist, ist richtig. In einzelnen Diskussionen kam man auf die Mikrokredite in Indien, auf die aktuelle Occupy-Bewegung und auf die grossen Probleme im Bereich der Ökologie und der Finanzwirtschaft zu sprechen. Statt Zielsetzungen gab es eine Ernte, ein World-Café und eine Fishbowl.
Wie finden sich Freiwillige?
Jüngere Leute wollen sich nicht mehr in einer gemeinnützigen Organisation durch irgendwelche Mitarbeit engagieren. Festgefahrene Strukturen schrecken ab. Für zeitlich begrenzte Einsätze, wo sie ihre Fähigkeiten einbringen können, sind sie aber oft zu haben. Freiwillige Mitarbeiter fühlen sich oft gehemmt, wenn sie unter Profis arbeiten müssen. Niemand mehr will in Gefahr laufen, in einem Berg von Verpflichtungen zu versinken und keinen Nachfolger zu finden. Und trotzdem finden sich immer wieder Menschen, die sich gerne engagieren. Empfehlungen aus der Praxis:
Ausserhalb üblicher Kreise suchen
Klare Rahmenbedingungen schaffen
Zeitlich begrenzte Einsätze anbieten
Arbeitseinsatz persönlich definieren und selbst ausgestalten lassen
In den Gemeinden und unter Senioren haben sich Tauschkreise und Nachbarschaftshilfe bewährt. Wer Mühe hat, Hilfe anzunehmen, sollte sich bewusst werden, dass es auch eine Ehre ist, um Hilfe gebeten zu werden.
An der Aufgabe wachsen
Wer sich freiwillig engagiert, kann Neues lernen, sein Spektrum erweitern und an der Aufgabe wachsen. Freiwillig heisst aber auch, dass man mit sich im Einklang bleiben und auf sich schauen darf.
Monetäre Situation
Es ist immer noch so, dass Freiwilligenarbeit ein finanzielles Polster voraussetzt und oft nur sozial besser gestellten Personen möglich ist. Zusätzlich zum Zeitaufwand brauchen Freiwillige das Familienauto, Telefon, Internet und Drucker. Für ein Treffen müssen eine Fahrkarte oder ein gemeinsames Mittagessen bezahlt werden, Kosten, die Pensionierte mit kleiner Rente oder Arbeitslose auf die Dauer nicht bezahlen können. Eine angemessene Spesenentschädigung ist wichtig.
Bürgerbewegung und Politiker ziehen am selben Strick
In den Schlussgesprächen wurde darauf hingewiesen, dass man dort beginnen sollte, wo man etwas bewirken kann. Es braucht keinen blinden Aktivismus.Wichtig ist, die Politikverdrossenheit aufzubrechen und über die Kultur der Bürgerbewegung Fragen zu schärfen. Manchmal muss Chaos ausgehalten werden. Am Beispiel der Occupy-Bewegung in Zürich zeigt eine Moderatorin auf, dass mit Chaos in einem ersten Schritt auf Probleme aufmerksam gemacht wird. Wer etwas erreichen will, muss in einem zweiten Schritt seine Zielsetzungen formulieren.
Die Bürgerbeteiligung lässt sich nicht von den Politikern trennen: Auch die Politiker haben sich freiwillig um ihr Amt beworben. Der Verantwortungsbereich ist ein gemeinsamer. Die Qualität der Eigenverantwortung und der Demokratie muss weiter entwickelt werden.
Die erste Dreiländertagung "Grenzen-Los!" fand 2009 auf Initiative der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg 2009 in Konstanz statt. Dr. Jeannette Behringer hat 2007 die Initiative ergriffen, in Deutschland, Österreich und in der Schweiz Kooperationspartner gefunden und diese für die Idee einer internationalen Vernetzungstagung begeistert.
Die zweite Dreiländertagung wurde am 25./26. Oktober 2010 im Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon durchgeführt. Im Zentrum stand das Thema 'Gemeinde'.
„Grenzen-Los!“ wird mitgetragen und finanziell unterstützt durch das Migros-Kulturprozent und durch die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft SGG.
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