Gesellschaft

Schon früher Patchwork-Familien!

Schon früher Patchwork-Familien!

Verwandtschafts- und Generationenbeziehungen seit dem Mittelalter

Schon seit dem späten Mittelalter besassen Verwandtschaftsbeziehungen keinen so hohen Stellenwert, wie oft behauptet wird. Mit dieser überraschenden Feststellung eröffnete Prof. Dr. phil. Simon Teuscher seinen Vortrag "Verwandtschafts- und Generationenbeziehungen seit dem Mittelalter" im Rahmen der Vorlesungsreihe des Zentrums für Gerontologie Zürich.

Seit Jahrhunderten schon beklagen Gesellschaftskritiker, dass der Zusammenhalt der Generationen, verglichen mit früheren Zeiten, einer unaufhaltsamen Individualisierung weiche. Die Aufgaben, die Gilden, Bruderschaften, der Staat, seit dem 19. Jh. auch Vereine und Versicherungen in der sozialen Absicherung übernahmen, waren vorher scheinbar den Verwandtschaftsbeziehungen zugekommen. - Viele Historiker hatten sich allerdings auf allgemeine Aussagen beschränkt und die genauen Untersuchungen den Statistikern zugeschoben.

Unser heutiges Verständnis vom Wert, den Verwandtschaftsbeziehungen im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft einnehmen, wurde massgeblich durch die Unterscheidung von Privatem und Öffentlichem geprägt. Nur im privaten Bereich spielten Verwandtschaften eine Rolle, nicht im öffentlichen Leben. Im 19. Jh. entstand, geprägt vom Liberalismus, ein zutiefst ideologisch geprägtes Bild: Man grenzte im Sinne des Fortschrittglaubens die moderne, auf Leistung aufbauende Gesellschaft ab von der alten, "rückständigen" Gesellschaft, die scheinbar noch auf Verwandtschaftsbeziehungen beruhte. In dieses Schema passte es auch, wie nichteuropäische Gesellschaften aus kolonialistischer Sicht bewertet wurden: In ihnen hatte sich der (westliche) Fortschritt aufgrund alter Familienstrukturen noch nicht durchsetzen können. Prof. Teuscher betonte, dass es höchste Zeit sei, diese Sichtweisen zu überprüfen.

rechts: Stammbaum von Carl Gustav Bielke

Europäische Heiratsmuster (European Marriage Pattern)

Seit den 1980er Jahren weiss man, dass es die europäische Grossfamilie, die lange als "verlorenes Ideal" galt, in dieser Form nie gegeben hat. Historiker haben dies in Studien zum Thema Heiratsalter / Heiratsmuster ungefähr bis 1350 zurückverfolgt. Männer und Frauen heiraten in der Regel spät (mit 25 – 29) und gründen dann ihren eigenen Haushalt. Verwandtschaftsbeziehungen bestehen in der Regel aus Beziehungen zwischen eigenständigen Haushalten. Grossfamilien sind in Europa nur eine Randgruppe. Um 1450 gab es in Florenz 25% Singlehaushalte, sowohl von Frauen als auch von Männern. Schon damals war die Jugendzeit lang, forderte Arbeit in der Fremde, Migration, gab aber auch Raum für Schabernack. – Ob dies als Ursache der Individualisierung gelten kann, muss dahingestellt bleiben. – Ein Bauernhof wurde in der Familie weitergegeben, die anderen Söhne jedoch mussten sich oft anderswo einen Unterhalt suchen und riskierten sozialen Abstieg.

Seit dem Mittelalter sind Patchwork-Familien keine Seltenheit. Eine Ehe dauerte laut Prof. Teuscher im Durchschnitt 8 Jahre, endete mit dem Tod eines Ehegatten, oft genug aufgrund von Krankheiten. Vor allem Frauen starben oft im Wochenbett, so dass der Vater eine zweite Frau heiratete und weitere Kinder zur Welt kamen. Seitdem sind auch juristische Streitfälle bekannt, bei denen es zumeist um Erbansprüche geht. Während in alten Erbsystemen die Erwachsenen bevorzugt waren, wurden seit dem Spätmittelalter die Kinder gegenüber den überlebenden Gatten privilegiert. Immer – eigentlich bis heute – wird das Erbrecht geprägt von der Art, an wen die Güter und Ressourcen weitergegeben werden. Dem Adel z.B. ging es vor allem darum, die Herrschaftsfolge zu erhalten. Deshalb wurden häufig erste Töchter oder zweite Söhne gedrängt, auf ihre Erb- und Herrschaftsansprüche zu verzichten.

rechts:  Généalogie carolingienne

Der Stammbaum als Abbild der Familiengeschichte

Die Sicht auf Verwandtschaftsbeziehungen über die Generationen hinweg zeigt sich schön in der Darstellung des Stammbaums: Während bis ins 14. Jh. die Familiengeschichte als Kreuz oder als menschlicher Körper dargestellt wurde, finden wir später die auch heute noch geläufige Form des Baums – ein Zeichen für einen wachsenden Organismus, mit dessen Hilfe der Zusammenhang der verschiedenen Zweige der Familie aufgezeigt werden. In einer paternalistisch geprägten Ordnung erhält der Stammhalter einen besonderen Platz. Ein Bauernhof, der sowohl mit materiellen Gütern als auch mit sozialer Macht im Dorfgefüge verbunden ist, sollte nicht geteilt werden. Frauen (Töchter), die für ihren Unterhalt einen Teil des Familienvermögens benötigten, gerieten in den Ruf, konsumorientiert, unzuverlässig und wankelmütig zu sein, denn sie waren ja nach einer Heirat mit einer anderen Familie verbunden.

Familie in der industriellen Gesellschaft

Mit der Französischen Revolution 1789 änderten sich die Familienstrukturen noch einmal deutlich: Die Benachteiligung der Töchter wurde beinahe aufgehoben, aber um die materiellen Werte der Familie zusammenzuhalten, verbreitete sich im 19. Jh. (später selten) die Heirat mit Cousinen. Die bedeutenden Industriellenfamilien jedoch bauten ihre Betriebe vorwiegend durch Familienkapital auf, nicht mit Hilfe der Banken. Die Kooperation innerhalb der Familie prägte die meisten Industriefirmen im 19. /20. Jh., allerdings setzten sich neue Kriterien durch: Leistung galt mehr als die Erblinie. Heiraten findet man nun eher unter ökonomisch Gleichgestellten. Das Kapital bleibt also weitgehend in der gleichen sozialen Schicht. Im 20. Jh. verliert Verwandtschaft weitgehend ihren stützenden ökonomischen Charakter, die familiären Beziehungen zwischen Grosseltern und Kindern erhalten mehr Bedeutung.

Schlussfolgerungen

Als Konstante, die sich durch die Geschichte Europas zieht, sehen wir: Die Familiengemeinschaft muss seit jeher für die Erhaltung der Güter besorgt sein. Die heile Welt der Generationen untereinander hat es nie gegeben; Verkäufe, Löhne, Gerichtsprozesse haben stets die familiären Beziehungen belastet. Von einem Niedergang der Verwandtschaftsbeziehungen kann zu keiner Zeit wirklich geredet werden. Allerdings hat in Epochen, in denen Güterformen sich verändern, das Verwandtschaftsgefüge mehr Gewicht. Wir sollten uns also von dem Gedanken verabschieden, dass früher der Zusammenhalt unter den Generationen enger und problemfreier war, als viele von uns es in der Gegenwart wahrnehmen.

Die Vorlesungsreihe des Zentrums für Gerontologie der Universität Zürich "Die ergrauende Gesellschaft – historische, kulturelle, soziale und politische Perspektiven" wird am 14. Dezember abgeschlossen mit einem Vortrag der auch aus der TV-Sendung "Sternstunden" bekannten politischen Philosophin
Dr. phil. Katja Gentinetta: Neue Generationen – neuer Vertrag? Silberstreifen am Horizont.

Weitere Darstellungen von Stammbäumen im Mittelalter.

Literatur zum Thema (nur Englisch)

Alle Bilder wurden aus Wikimedia übernommen:
Titelbild:  L'arbre de consanguinité, Somme rurale de Jean Boutillier / 15th century   Quelle: France, Paris, BnF, Département des manuscrits, Français 202 f° 15 v° 
1. Bild im Text:  Family Tree of Carl Gustav Bielke / Kari Tarkiainen: Sveriges Österland, p. 265. 
2. Bild im Text:  Généalogie carolingienne, XII: Jh., anonym