Im Zürcher Schauspielhaus residiert die bessere Gesellschaft. Die war schon zu Oscar Wildes Zeiten ein fruchtbares Biotop für Gesellschaftskritik, die er mit seinen Konversationsstücken exemplarisch elegant unters Volk brachte. Die österreichische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat mit ihrer Bearbeitung von Oscar Wildes Salon-Komödie „Der ideale Mann“, die jetzt im Pfauentheater zu sehen ist, eine solche Wildesche Gesellschaft ins Heute geholt.
„Der ideale Mann“ handelt vom aufstrebenden Londoner Politiker Robert Chiltern, dessen Karriere und Ehe gefährdet wird, weil ein kleiner Korruptionsfehltritt in seiner Politjugend aufzubrechen droht. Mit Aktien soll Chiltern Insidergeschäfte gemacht haben. Mit diesem Wissen erpresst ihn nun Mrs. Cheveley. Er soll für ihr Schweigen vor dem Parlament den Bau eines „Hyper-Alpen-Kanals“ (bei Wilde ist es der Suez-Kanal) befürworten. Chiltern fürchtet weniger das Ende seiner politischen Karriere als vielmehr seine Abwertung in den Augen seiner Frau Gertrude, die er abgöttisch liebt. Für sie muss ein Mann eine superweisse Weste haben. Dass es trotzdem gut ausgeht, verdankt Chiltern seinem Freund Lord Goring, weil dieser der Cheveley ihrerseits eine Verfehlung nachweisen kann.
Viel Kalauer und Slapstick
Jelinek hat ihre Fassung mit handfesten Anspielungen auf österreichische Skandale gespickt. Diese gehen in Zürich ab, auch wenn unser Land nicht vor Korruptionsskandalen gefeit ist, wie verschiedene Enthüllungen in der Vergangenheit zeigen. Die Jungregisseurin Tina Lanik hat in ihrer Zürcher Inszenierung klug Text gestrichen und Oscar Wilde leben lassen. Das verbale Spiegelfechten, die geschliffenen Wortspielereien und all die schönen bösartigen bis hinterlistigen Spitzen bleiben erhalten, ergänzt durch viel Kalauer, Slapstick und Sex. Und hier kann man zu Recht fragen, ob mit etwas weniger Klamauk mehr zu holen gewesen wäre. Doch das tut der temporeichen Inszenierung keinen Abbruch. Das Premierenpublikum war begeistert und bedankte sich mit lang anhaltendem Applaus dafür, dass man sich so schrankenlos unterhalten durfte.
Die Bestechungs- und Erpressungsgeschichte spielt im Bühnenbild von Stefan Hageneier grossteils in einem schmucklosen, holzverkleideten Eingangsfoyer mit vielen Türen, die ständig für überstürzte Auftritte und Abgänge aufgerissen und zugeschlagen werden. Zweimal gewährt das Bühnenbild Einblick in die Glitzerwelt der Schickeria, indem die hochgezogene Holzrückwand einen faszinierenden Spiegelsaal mit überdimensioniertem Leuchter freigibt.
Hochkarätiges Ensemble
Hochkarätig ist das Spiel der Protagonisten. Sie nutzen alle Slapstick-Freiheiten weidlich aus, katapultieren das sorgsam ausgelegte Spiel um schmutziges Geld und Geschlechterkampf auf eine Ebene des höheren Blödsinns. Das hat etwas unglaublich Erheiterndes, auch wenn dabei dramaturgische Fallstricke nicht zu übersehen sind. Vereinzelt wird in pointierter Grobheit in die Tiefe gebohrt, doch der Aufforderung Mabels „Bitte seien Sie auf der Stelle so oberflächlich, wie Sie können“, wird wacker Folge geleistet. Und so wird zwei Stunden lang gekonnt und auf hohem Niveau herumgeblödelt.
Schillernde Figuren bietet die Inszenierung allenthalten. Vorab Markus Scheumann als Sir Robert Chiltern und Patrick Güldenberg als Lord Goring, deren irrlichtende Sitcom-Slapstick-Einlagen umwerfend komisch und erheiternd sind. Zur Belohnung darf Lord Goring Chilterns Schwester Mabel heiraten. Julia Kreusch im verrutschten Hochzeitskostüm spielt sie schrill, dreckig und komödiantisch brillant. Nicht minder amüsant sind die Auftritte der übrigen Spielerinnen: Susanne-Marie Wrage gibt das intrigante Luder Mrs. Cheveley cool und sarkastisch, Isabelle Menke spielt Chilterns Frau Gertrude, im Dauerdienst der Wohltätigkeit, betont smart und gelackt und Miriam Maertens geriert sich als Lady Markby very british und verschlagen teuflisch. Bleibt noch Janina Schauer als dauerpräsentes sexistisches Dienerpüppchen, das gelangweilt und abgestumpft das Treiben der Lordschaft mitverfolgt und auch mal aufmüpfig reagiert.
Weitere Spieldaten: 12., 14., 23., 27., 31. Dezember, 9., 19., 23., 26., 27. Januar, jeweils 20 Uhr; 31. Dezember und 8. Januar, jeweils 15 Uhr.
Von links: Julia Kreusch, Ludwig Boettger, Patrick Güldenberg, Janina Schauer, Isabelle Menke, Markus Scheumann und Miriam Maertens (Bilder: Schauspielhaus Zürich)
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