Wir werden abgelehnt, erfahren Gewalt und sind absolut hilflos auch angesichts offenkundigen Elends. Von einem solchen Jugendlichen handelt der preisgekrönte Spielfilm «Le gamin au vélo», handeln alle vielfach ausgezeichneten Werke des belgischen Filmerpaares Jean-Pierre und Luc Dardenne. Vielleicht können solche Filme aus jener künstlerischen Welt beim einen oder andern Fall auch in unserer realen Welt etwas helfen.In «Le gamin au vélo» hat Cyril, ein Junge von etwa zwölf Jahren (erschütternd authentisch dieser Thomas Doret!), nur einen Wunsch: Er möchte zu seinem Vater zurück, der ihn auf unbestimmte Zeit in einem Kinderheim untergebracht hat. Auf seiner hektischen Suche begegnet er zufällig Samantha, der Besitzerin eines Coiffeursalons (differenziert verkörpert von Cécile de France, der einzigen professionellen Schauspielerin auf dem Set). Sie ist bereit, wie eine Ersatzmutter den Jungen an den Wochenenden bei sich aufzunehmen. Doch er kann die ihm entgegengebrachte Wärme nur schwer annehmen. Er gerät in schlechte Gesellschaft, sie stösst beim Helfen an ihre Grenzen. Dabei spielt auch noch ein Fahrrad eine Rolle, das an «Ladri di biciclette» (1948) von Vittorio de Sica und dessen neorealistischen Humanismus erinnert.

Cyril und Samantha in einem seltenen glücklichen Moment
Erfüllt von innerer Dramatik erzählten die Autoren die aufwühlende Geschichte eines jungen Menschen, der verzweifelnd nach seinem Glück sucht. Wie die Geschichte zu lesen ist, auf das weist die Musik: Sie hebt den Film ins Allgemeingültige, ähnlich wie Robert Bresson mit Mozart den Krimi «Pickpocket» (1959) zu einem Mysterienspiel verwandelte. Viermal hört man in «Gamin au vélo» Klänge aus dem fünften Klavierkonzert von Beethoven, immer dann, wenn Cyrill übergangen, verlassen, abgelehnt, vernichtet wird. Damit übersteigt der Film die Psychologie und wird zur Parabel der Conditio humana.
Das alles geht unter die Haut, fährt in unsere Körper ein. Filme wie diese sensibilisieren die Augen und Ohren und öffnen schliesslich die Herzen für die «Verdammten dieser Erde», die es auch bei uns gibt. Jene Menschen, die unglücklich durch alle Maschen der Sozialnetze gefallen sind und jetzt leiden. Auch wenn einem Kind bei uns vorerst nicht geholfen werden kann, sollte sein Leid zumindest im Erleben wahrgenommen werden. Die Lehre daraus ist ähnlich wie die, welche wir aus den Märchen ziehen: über das Mit-Leid zum Mit-Sein, was – nach Thomas von Aquin – doch die Voraussetzung für ein wirkliches Sein, ein menschliches Leben ist.

Jean-Pierre und Luc Dardenne, die beiden Sozialarbeiter des Films
Die Gebrüder Dardenne (1951 und 1954 geboren) haben in den letzten fünfzehn Jahren ein Oeuvre geschaffen, das sie zu den wichtigsten Vertretern des belgischen Kinos und zu den anerkanntesten, vielfach ausgezeichneten Regisseuren weltweit aufsteigen liess. Jean-Pierre und Luc Dardenne, die «Sozialarbeiter des Kinos», verbinden Filmkunst und Sozialphilosphie und dürften der Sozialarbeit, aber auch allen am Sozialen Interessierten wertvolle Impulse geben.
«La Promesse» – Wenn nur die Arbeit zählt
Wie eine Reportage kommt der Spielfilm, mit Handkameras gedreht, fast nur von Laien gespielt und ohne Musik, daher. Beton und Stahl, kaltes Blau und Rot, triste Stadtquartiere und Autostrassen sind die Welt dieses und ebenso der andern Filme. Roger und sein halbwüchsiger Sohn Igor bilden ein Team, wenn sie in der Garage krampfen, in Bars singen, gegen Bezahlung Flüchtlinge nach Belgien schmuggeln. Bevor einer davon stirbt, verspricht ihm der Junge, für Frau und Kind zu sorgen. Damit aber beginnt für ihn eine Art Menschwerdung. Ansonsten herrscht die neoliberale Norm, nach welcher der Mensch nur so viel wert ist wie seine Arbeit. Dennoch macht der Film, im Graubereich der Legalität situiert, schlummernde Menschlichkeit und das Bedürfnis nach Solidarität und Freundschaft erfahrbar.
«Rosetta» (1999) – Vom Dabei-Sein zum Mit-Sein
Rosetta lebt mit ihrer alkoholsüchtigen Mutter in einer Wohnwagensiedlung. Nichts will sie mehr als eine geregelte Arbeit, in der Fabrik, im Verkauf, egal wo. Atemlos gleich einem gehetzten Tier rennt sie durchs Leben, fällt hin, rappelt sich auf und sieht dabei die Hand nicht, die ihr entgegengestreckt wird. Sie ist besessen von der Furcht, unterzugehen, von der Schmach, Aussenseiterin zu werden. Hautnah wird sie von einer entfesselten Handkamera verfolgt, deren Nähe auch die Zuschauenden zu ertragen haben.
«Le fils» (2002) – Wenn Geheimnisse das Leben prägen
Nach den eher düsteren ersten Filmen folgt mit «Le fils» die am Schluss optimistische, wenn auch stets bewegende und provozierende Geschichte des Schreinermeisters Olivier, dessen Leben durch das Erscheinen eines neuen Lehrlings aus den Fugen gerät. Die beiden muss eine dunkle Vergangenheit verbinden, die sich jedoch erst nach und nach erhellt. Ein Geheimnis ist es, was die beiden verbindet und trennt. «Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumt», meinte bereits Shakespeare im «Hamlet».
«L’enfant» (2005) – Weshalb man ein Baby verkaufen kann
Bruno ist zwanzig, Sonja achtzehn, sie leben von ihrer Sozialhilfe und seinen Gaunereien. Soeben hat sie ihren gemeinsamen Sohn Jimmy geboren. Wie kann der Kind gebliebene, sympathische Bruno aber wirklich Vater sein, wenn er weiter sorglos in den Tag hinein lebt und sich durch Betrügereien durchs Leben schlägt? Ein erschütterndes Sozialdrama, angesiedelt bei jungen Randständigen und Kleinkriminellen. Doch wenn die beiden am Schluss in der Gefängniskantine schluchzend sich umklammern, sind sie wohl menschlicher als jene, bei denen es nur ums Geld geht: die Grosskriminellen der «freien» Marktwirtschaft, die als Hohepriester des Kapitalismus täglich Menschen, verschleiert im vernebelnden Netz der Globalisierung, umbringen.
«Le silence de Lorna» (2008) – Der Menschen als Handelsware
Die Albanerin Lorna träumt davon, mit ihrem Freund einen Snack zu eröffnen. Dafür gerät sie in einen teuflischen Komplott und muss zuerst belgische Bürgerin werden. Dafür lässt sie sich auf die Machenschaften eines Kumpels ein, der für sie eine Heirat mit einem Drogensüchtigen arrangiert. Trotz neuem Pass soll sie mit einem russischen Mafioso eine zweite Scheinehe eingehen, weshalb ihr Junkie weg muss. Schon vom Anfang weg gibt es neben Mord und Todschlag, professionellen Mafiosi und provinziellen Gangstern, auffällig viele Geldtransaktionen. Schliesslich sind es die Menschen selbst, die gebraucht, gewechselt, verschoben, gekauft und verkauft werden. In ihrer Opferbereitschaft und Selbsthingabe wird Lorna zur Menschen-Ware. Dies die pessimistische Aussage; doch es gibt auch eine optimistische. Am Schluss spricht Lorna nämlich, obwohl es unklar ist, ob sie wirklich schwanger ist, inbrünstig mit ihrem ungeborenen Kind – und dies zu Klaviermusik von Beethoven.
Interview mit Jean-Pierre und Luc Dardenne über «Le gamin au vélo»
Wer etwas dahinter sehen will, wie ein solcher Film entsteht, welche Überlegungen die Macher anstellen, dem sei das Interview zur Lektüre empfohlen, das die beiden Brüder zum Film gegeben haben. Sie Anhang.
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