Gesellschaft

Die Basler Kundenweihnacht

Die Basler Kundenweihnacht

Seit mehr als hundert Jahren richtet die Basler „Kundenweihnacht“ ein Fest für einsame Menschen aus.

 

„Sie wollen aber nicht womöglich Werbung machen für die Kundi?“ fragt mich Frau Eliane Eberhard am Telefon. Sie unterstützt ihren Mann Hans bei der jährlichen Durchführung der sogenannten „Kundenweihnacht“ in Basel. „Unser Plafond ist praktisch erreicht.“ Der klassische schweizerische Manager-Ausdruck, der seit langem auch in die Hilfswerke eingezogen ist, will sagen: „Wir werden überrannt und können fast niemanden mehr aufnehmen.“

Einsam und bedürftig

Als ich Frau Eliane beruhige und darauf hinweise, dass dieser Artikel womöglich zu einem kleineren oder grösseren Spendengeld-Fluss führen könnte, ist sie erleichtert und natürlich erfreut. Denn, ja, die Zeiten sind hart geworden, und unter das Zielpublikum fallen immer mehr Rentnerinnen und Rentner, Arbeits- und Obdachlose oder aus verschiedensten Gründen randständige Menschen. Das heisst: Ursprünglich wurde die alljährlich am 25. Dezember stattfindende Weihnachtsfeier für die fahrenden Handwerksburschen geschaffen, welche Weihnachten nicht zu Hause erleben konnten. Zum Beispiel die Zimmerleute, Pfannenflicker, Messerschleifer, welche von Kundschaft zu Kundschaft ziehen mussten, um ihrem Erwerbsleben nachzugehen – die „Kunden“ eben. Heute würden wir dem Stör sagen, aber auch das ist ein Begriff, den wohl nur noch wir Älteren verstehen.

Vom Männeranlass zum Menschenfest

Sogar während des Ersten Weltkrieges fand die Kundenweihnacht alljährlich statt, und nur im Zweiten Weltkrieg gab es einen Unterbruch von drei Jahren.

Aber heute hat sich die Zusammensetzung der Teilnehmenden natürlich sehr verändert. Heute sind es vor allem finanzschwache Menschen ohne Beziehungsnetz (siehe oben), denen einige besinnliche, festliche  Stunden und ein gutes warmes Mahl geboten werden sollen. Schliesslich ist es der CVJM, der als Dachorganisation waltet, und der in neuerer Zeit das „M“ im  ursprünglichen Namen „Christlicher Verein junger Männer“  erfreulicherweise geschlechtsneutral zu „Menschen“ umgewandelt hat. So ist denn auch die Kundenweihnacht erst seit 1980 auch für Frauen offen – früher war das ein reiner Männeranlass. Unsereins frägt sich allerdings, wo denn damals die vielen Störschneiderinnen untergekommen sind, die ja früher auch von Haus zu Haus gezogen waren. Aber das sind zum Glück tempi passati. Der CVJM, eine weltweite Vereinigung  mit rund 40 Millionen Mitgliedern, hat verschiedene schweizerische Regionalgruppen. Aber die Kundenweihnacht in der alten, traditionellen Form pflegt nur Basel. Sie ist finanziell vom Verein völlig unabhängig und wird allein von Spenden getragen. Zum einen wird der Spendenaufruf sowie die Geldsammlung von der Basler Zeitung organisiert, zum anderen aus weiteren freiwilligen Spenden.

Eine Vaterfigur und 60 junge Helfer

Seit einigen Jahren findet der Anlass im Quartierzentrum „Union“ nahe der Matthäuskirche in Kleinbasel statt -  früher, als es das Union noch nicht gab, im nahen Matthäus-Kirchgemeindehaus.  Womit wir bei der erstaunlichen Tatsache angekommen sind, dass weit mehr Spenden aus katholischen Kreisen fliessen denn aus protestantischen. Hans Eberhard, der die Kundenweihnacht seit nunmehr 30 Jahren ausrichtet und bereits zu einer Art Vaterfigur geworden ist, bestätigt dies. Der gelernte Mechaniker und heutige Psychotherapeut will, sekundiert von seiner Frau Eliane, den Anlass ausrichten „so lange, wie es eben gesundheitlich noch geht.“ Er wird unterstützt  von einem sechsköpfigen Vorstand und der „Senioren IG 60+“.

Am Weihnachtstag selber sind die jungen Menschen eifrig am Werk, rund 60 Helfer und Helferinnen an der Zahl, die für Küche, Service und alle anderen Dienstleistungen sorgen. Der eingangs beschworene Plafond für den Anlass liegt bei 310 Leuten, mehr haben einfach im Quartierzentrum Union nicht Platz. Und in eine grosse Halle soll die Kundi möglichst nicht verlegt werden, damit sie nicht zu einem unpersönlichen Massenanlass verkommt. Trotz der Platznot bleibt aber die Kundi grundsätzlich für alle Bedürftigen offen, auch wenn sie sich nicht vorher angemeldet haben. Nach dem alten System: S'hätt, so lang's hätt!

Für Körper und Gemüt

Dann, am 25. Dezember, um 5 Uhr nachmittags, ist es endlich so weit. Wichtig sind natürlich besinnliche Worte und das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern. Endlich kommt dann auch der traditionelle heisse Schinken mit Kartoffel- und anderem Salat auf den Tisch. Und im Päckli für jeden sind neben allerhand Feinem auch handgestrickte Socken drin, die von vielen fleissigen StrickerInnen produziert worden sind - das ist Tradition. Die Besetzung der musikalischen Umrahmung ändert jedes Jahr, wird aber bis zuletzt geheim gehalten – auch dies eine kleine Überraschung für den Weihnachtstag. So auch dieses Jahr, wie jedes Jahr. Und wenn etwas übrig bleibt, wird es portionenweise abgefüllt und mitgegeben, für „zu Hause“, wo auch immer das ist. Vielleicht ist ja Weihnacht doch überall.

Kundenweihnacht, Quartierzentrum Union, Basel, Klybeckstrasse 95.   Türöffnung 16.40 Uhr.

Spenden werden gerne entgegengenommen über PC 40-417-8 (Christlicher Verein junger Menschen „Kundenweihnacht“ 4051 Basel) oder am Schalter der Basler Zeitung, Basel, Aeschenplatz.

Foto: Hans Eberhard 
 

Kommentare

Bild des Benutzers Brigitte Poltera

Das Fest mit anderen teilen

Auch ich habe die Mitternachtsmesse während Jahrzehnten regelmässig besucht, sie gehörte zu unserer Weihnachtsfeier, verlieh ihr den feierlichen Charakter, tröstlich für die Mütter auch dann, wenns zu Hause dem Alter der Kinder entsprechend turbulent zu ging. Meist trafen wir uns im Freien im Dunkeln und in der Kälte mit einem grossen Teil unserer Nachbarn, ohne Absprache. Die kleinsten Kinder liessen wir allein zu Hause. Unsere Gäste nahmen wir selbstverständlich mit.

Nie fühlte ich eine so grosse weltumspannende, tiefe Glaubensverbundenheit mit anderen Menschen wie während der Mitternachtsmesse (trotzdem ich nicht katholisch bin).

Später wechselten wir in die reformierte Kirche, weils hier noch Sitzplätze gab – immer wieder vermisse ich hier die Liturgie, es ist nie ganz voraussehbar, ob wir nun ein klassisches Konzert oder ein kindliches Fest angeboten bekommen.

Seit einigen Jahren gehen wir am Weihnachtsabend nicht mehr zur Kirche, weil unsere Kinder das Erlebnis nicht mehr nachvollziehen können und unser Weggehen aus der Familienfeier stören würde. Nun ist ja auch die Pflege einer Familien-Weihnachtsfeier ein zutiefst christliches Ereignis. Und wir versuchen, auch Alleinstehende dazu einzuladen. Schön, dass es auch Weihnachtsfeiern gibt wie die Basler Kundenweihnacht.

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Meine Kundenweihnacht in Basel 1955

 

Normalerweise fuhren meine Eltern und ich am Heiligen Abend von Basel, unserem Wohnsitz, nach Zürich, zu Grossmama und Tante Marguerite. Aber am 24. Dezember 1955 lagen meine Eltern mit Grippe im Bett. Ich hätte vorausfahren können, nach Zürich, doch das wollte ich nicht. Ich wollte einmal „andere Weihnachten“ erleben.

Mit 19 ist man kein Familienmensch mehr oder noch kein neuer. Also suchte ich in den Basler Nachrichten nach Orten und Gelegenheiten, wo ich Weihnachten miterleben konnte. Zuerst wurde ich fündig im Bahnhofbuffet, wo für einsame Menschen ein Weihnachtsfest angesagt war. Tatsächlich traf ich im Buffet 2. Klasse viele allein stehende Menschen, die Kaffee oder einen Punsch tranken. Vom Lautsprecher rieselte Weihnachtsmusik herab und ein grosser Weihnachtsbaum leuchtete am Ende des Saales. Man sah, dass hier einige Menschen waren, für die dieses Bahnhofbuffet-Weihnachtsfest nicht das erste Mal stattfand. Sie gesellten sich zu einander und sprachen leise mit einander. Andere waren aber gehemmt und trauten der Stimmung nicht ganz. Aber vielleicht würde die Atmosphäre später gelöster. Ich beschloss, zwei Stunden später wieder zu kommen. Als ich aber um 22.15 Uhr wieder im Bahnhofbuffet vorbeischaute, leuchteten die Kerzen am Baum nicht mehr, die Einsamen hatten sich verzogen und im Bahnhofbuffet waren noch einige wenige Zuggäste, die auf ihren Anschluss warteten. – Business as usual.

Rhygass und Kundenweihnacht

Mein nächstes Ziel war die Rheingasse, wo ich Stammgast war in einer Jugendbar, die aber an diesem Abend geschlossen war. Ich schaute in einige Restaurants, in zweien wurde gejasst, keine Spur von Weihnachten, in einem anderen Lokal war wenigstens ein Tannenbaum geschmückt. Ich fuhr mit dem Trämli ins Kleinbasel und besuchte die dortige Kundenweihnacht.


Die hat den 19-jährigen Berni stark beeindruckt. Da kamen verwahrloste Männer, die aber einen abgegriffenen Schlips um den Hals gebunden hatten. Befehlsgemäss liessen sie ihre mitgebrachten Wermutflaschen auf der Treppe stehen und begaben sich in de geschmückten Saal. Auf jeden der mittelalterlichen und alten Männer wartete eine Tasse Tee, ein Weihnachtsessen und ein Päckli, natürlich mit etwas Süssem und den obligaten Socken. Beim Auspacken erwischte ich manchen, der Tränen der Rührung abwischte. Zwei oder drei heulten hemmungslos. Zwei Jahre vorher hatte Kurt Früh in seinem Film „Bäckerei Zürrer“ unter Obdachlosen eine ebenso hoffnungslose wie gleichzeitig berührende Szene gedreht.

Weihnachtsmesse in der Antoniuskirche

Nach meinem zweiten Abstecher ins Bahnhofbuffet ging ich in die St. Marienkirche an der Holbeinstrasse und erlebte die Mitternachtsmesse. Mich, den konfirmierten Agnostiker packte der Ritus und der einfache, aber würdige Ablauf der Messe. Ich war so davon beeindruckt, dass ich auch viele Jahre später, selbst als ich aus Glaubensgründen jeder Religionsrichtung abschwor, die Mitternachtsmesse besuchte. In Erinnerung blieben mir Messen in kleinen Kirchlein in der Lüneburger Heide, in Schmitten im Taunus, in Adliswil und in Mägenwil, in Grenchen und später in der Kapelle von Wohlen-Anglikon. Erst eine bittere Enttäuschung in der Klosterkirche St. Urban – die Kirche war nicht geheizt, der Gottesdienst dauerte ewig und die Priester salbaderten – brachte ein Ende meiner langjährigen Mitternachtsmessen. Die reformierte Kirche in meinem heutigen Wohnort, die ich an Weihnachten oft als Journalist besuchen musste, hat mich nicht erwärmen können. Meist dauerte auch dort die Weihnachtsandacht viel zu lang, weil sich irgendwelche Musikgruppen profilieren wollten, während die meisten Kirchgänger auf einen Gut-Nacht-Trunk unter dem eigenen Tannenbaum warteten.

Die schönsten Weihnachtsfeste, die ich unterdessen erleben durfte, waren jene im kleinen Kreis der eigenen Familie. Selbstverständlich liest auch bei uns jedes Jahr jemand die Geschichte der Geburt Christi aus dem Lukasevangelium vor.

 

Bernhard