Kultur

Ritus von Liebe und Tod

Ritus von Liebe und Tod

Explosionsgefahr auf der Basler Opernbühne

 

Die neue Basler Carmen-Inszenierung steht unter dem Zeichen andauernder Brandgefahr. Oder besser noch: Explosionsgefahr.

Die Bereitschaft dazu ist nicht nur in den meisten Charakteren der Hauptfiguren zu spüren. Explosionsgefahr ist der rote Faden, der diese Inszenierung  des Spaniers Calixto Bieito durchzieht. Man ist von diesem noch relativ jungen Regisseur der Extra-Klasse ja einiges gewohnt und erwartete viel, ja, man befürchtete fast zuviel an Brutalität auf der Bühne.  Was Bieito, der sich seit 14 Jahren mit dem Carmen-Stoff auseinandersetzt, jedoch vorführt, hat fast nie etwas mit direkter Gewalt zu tun. Umso mehr aber mit unterdrückter, andauernder Gewaltbereitschaft, die sich zum Teil in Ersatzhandlungen wie dem Peitschen des Bodens anstelle der direkten Konfrontation mit einem Gegner ausdrückt.

Ich war an der Premiere manchmal an jene berühmte Anekdote von der Aktion des Perserkönigs Xerxes erinnert, der nach seiner historischen Niederlage in der Seeschlacht von Salamis seinen Leuten befahl, das Meer auszupeitschen. Calixto Bieito peitscht nicht direkt, sondern führt unerbittlich die Gratwanderung der durch Armut und Lebensgier angestachelten heissblütigen Menschen am Rande der Gesellschaft vor. Einzig der Torero Escamillo (Eung Kwang Lee) gehört der bürgerlichen, offiziellen Gesellschaftsschicht an, doch auch er nur als geduldetes - wenn auch vielbejubeltes - Produkt der transformierten Aggression.

Andauerndes Donnergrollen

Ein andauerndes Donnergrollen durchzieht die Handlung. Und wenn sich das Unwetter der sozialen Misere in dieser andalusischen Gewitterschwüle endlich entlädt, fordert es natürlich seine Opfer. Vordergründig Carmen (Tanja Ariane Baumgartner), welche vom für sie desertierten Soldaten José (Will Hartman) getötet wird, dann José selbst, dessen Leben mit dieser Tat für immer zerstört wird.

Die Vibrationen dieser Sicht der Dinge wurden schon während des ersten Aufzuges deutlich. Statt pittoreskem andalusischem Volkstreiben, wie man dies von herkömmlichen Carmen-Inszenierungen her gewohnt ist,  wird in düsterstem Licht die Suppenausgabe einer Armenküche vorgeführt. Und auch die in ihrem gelangweilten Ritus gefangenen militärischen Kontrollorgane Sevillas, welchen der  brave Brigadier José angehört. Ein Mädchen, eindeutig aus der Provinz, das sich mit Stöckelschuhen und Glitzerkleidchen fein gemacht hat für das Rendezvous mit dem von ferne Geliebten, Micaela (Svetlana Ignatovich), skizziert die unschuldige dörfliche Gegenwelt. Nicht lieblich-sentimental, sondern trotz aller Unsicherheit und Naivität mutig und sich ihres Auftrages bewusst.

Die Szenerie belebt sich jedoch schlagartig mit dem Hereinströmen der Tabakarbeiterinnen und dem lange erwarteten Auftritt Carmens, Welche mit ihrer Habanera („L’amour est un oiseau rebelle“) den armen José zum Liebessklaven macht und damit eine alte Geschichte ins Rollen bringt: jene der Unvereinbarkeit von anarchischer Lebensgier und Freiheitsdrang gegenüber besitzergreifender, auf Dauer angelegter Liebe, die vergeblich  alles dafür aufgibt und schliesslich daran zerbricht. Oder, wie Bieito es im Programmheft ausdrückt: „Wir vernichten das, was wir nicht kennen und was wir nicht besitzen können.“

Ritus von Sex und Tod

Dieser „Ritus von Sex und Tod“ nach der Novelle „Carmen“ des Franzosen Prosper Mérimée (1803-1870) und dem Libretto von Heilhac und Halévy entwickelt natürlich erst mit der Musik von Georges Bizet seine unwiderstehliche Wirkung. Mérimée erlebte die anfänglich schlecht aufgenommene Pariser Uraufführung der Oper (1875) nicht mehr, und Bizet selbst überlebte sie nur um drei Monate.  Die mitreissende Verschmelzung zweier kultureller Ausprägungen, der französischen mit der spanischen, lässt aber das heutige  internationale Publikum immer wieder von neuem erschauern. „Carmen“ besetzt nicht umsonst nach „Die Zauberflöte“ und „La Bohème“ den dritten Aufführungsplatz der Opernhäuser weltweit.

Aber auch eine vom Szenischen her so faszinierende Operninszenierung wie diese in Basel wird zur Hauptsache von der Musik getragen. Gabriel Feltz, erster Gastdirigent des Theater Basel, der hier schon in vielen Aufführungen brilliert hatte, erarbeitete mit dem Basler Sinfonieorchester zwar einen mitreissenden, unsentimentalen Orchesterklang, enttäuschte jedoch in der Führung der Protagonisten auf der Bühne, die er manchmal buchstäblich im Regen stehen liess. Dies führte an der Premiere zu diversen Unsicherheiten, die hoffentlich in den weiteren Aufführungen ausgemerzt werden. Gesanglich und schauspielerisch steht die Aufführung auf hohem Niveau, wenn auch hier in den beiden entscheidenden Solopartien unerklärliche Intonationsschwächen hörbar wurden. Tatjana Ariane Baumgartner, welche 2007/08 mit ihrer glanzvollen Interpretation von Schoecks „Pentesilea“ das Basler Theater zum Titel „Opernhaus des Jahres“ geführt hatte, ist aber im Ganzen gesehen sowohl schauspielerisch als auch stimmlich eine hinreissende, begehrenswerte Carmen, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Auch alle anderen Solopartien, allen voran Svetlana Ignatovich als Micaela sowie der grossartige Basler Theaterchor, sind gut bis sehr gut besetzt. Eine Carmen-Aufführung, die mit mutiger Todesverachtung ins neue Jahr hinüber leitet.