Dieser Aufschrei der schönen Helena nach Liebe, die angeblich dem ganzen antiken Sparta fehlt, gibt den Takt vor. Ob im Cancan- oder Walzertakt, ob als Couplet oder im Duett: Liebe muss her, da sonst der gesamte Hofstaat an Langeweile zu ersticken droht. Allen voran la belle Helene, welche offenbar schon vor 4'000 Jahren als anerkannt „schönste Frau der Welt“ alle Miss World-Wahlen gewonnen hätte.
Da erscheint, von Aphrodite gesandt, der schöne Paris, Sohn des trojanischen Königs Priamos, auf dem Plan, und alles geht seinen verwickelten Gang. Da wir uns in einer französischen Opéra bouffon befinden, wird die Göttin der Liebe natürlich bei ihrem römischen Namen Venus benannt. Doch diese Göttin ist herrschsüchtig und unduldsam. Und da Helena, als mit dem spartanischen König Menelaos verheiratete Frau, zögert, sich dem Trojanerprinzen sofort bedingungslos in die Arme zu werfen – wir reden hier immer noch von der Librettofassung, nicht von der antiken Überlieferung – versetzt Venus den gesamten Hofstaat und das Volk in einen Liebestaumel, in dem natürlich mancherlei passiert.
Jacques Offenbach, der nach dem Libretto von Meilhac und Halévy La belle Hélène1864 für das Pariser Théâtre des Variétés geschrieben hatte, knüpfte mit diesem von Geist und Witz funkelnden und mit einer Unzahl grossartiger Musiknummern ausgestatteten Werk an den Erfolg seiner Opéra bouffon „Orpheus in der Unterwelt“ von 1858 an. Letztere gilt als die erste eigentliche Operette, ein „Operchen“ eben. Aber auch in der schönen Helena: was für ein Operchen! Die ironischen, ja auch boshaften Seitenhiebe auf die damalige Pariser Gesellschaft unter Napoléon III entpuppen sich in einer entschlackten Fassung wie dieser als durchaus zeitgemäss. Und dass die griechische Gesellschaft dabei nicht immer gut wegkommt, verleiht dem l50 Jahre alten Libretto gerade heute eine süffisante Würze. Wobei die Anspielungen durchaus gesamteuropäisch zutreffen dürften.
Die Rolle der Helena, eine Anspielung auf Napoleon III. Gattin, Kaiserin Eugénie, ist nicht leicht zu besetzen. Nicht nur muss die Protagonistin selbstredend schön sein. Sie muss neben einem anspruchsvollen stimmlichen Part, der gespickt ist mit Koloraturen und jeder grossen Opernrolle ebenbürtig, eine gute Prise Humor und Selbstironie mitbringen. Alle diese Eigenschaften vereinigt die bulgarische Mezzosopranistin Violetta Radomirska aufs Schönste. Weitaus grössere Häuser als die kleinen, intimen Theater von Biel und Solothurn dürften sich glücklich schätzen, eine solch passende Besetzung zu finden. Dasselbe gilt für den ebenfalls blendend aussehenden lyrischen Tenor Valery Tsarev, ein Russe wie auch der Chorleiter Valentin Vassilev, der die überaus umfangreichen und recht anspruchsvollen Chorpartien mit dem rund 20köpfigen, kleinen Theaterchor exakt und schwungvoll einstudiert hat. Die musikalische Gesamtleitung liegt in den Händen des Hausdirigenten Harald Siegel, der das Ensemble und das kleine Orchester mit immer stimmigen Tempi und exakter Zeichengebung zusammenhält.
Es würde zu weit führen, die vielen kleineren und grösseren Nebenrollen hier detailliert aufzuführen. In globo alle machen ihre Sache sehr gut, sowohl musikalisch als auch szenisch. Mit der szenischen Einrichtung steht und fällt eine solch schwungvolle Operette. Und hier kann man in Biel und Solothurn das Wunder einer geglückten schweizerischen Operetteninszenierung erleben: Was der Franzose (natürlich, was sonst?) Vincent Tavernier sich hier an Temporeichtum und nie versiegendem, sprühendem Witz einfallen liess, kann man in hiesigen Theatern lange suchen. Unterstützt wurde er dabei von einem beweglichen, mit einfach veränderbaren Versatzstücken ausgestatteten Bühnenbild (Claire Niquet). Denn auf Wanderschaft gehen müssen die antiken Heldinnen und Helden in dieser Ecke der Nordwestschweiz öfters. Das Stück wird nicht nur in Biel und Solothurn zu sehen sein, sondern auch in Winterthur, Baden, Burgdorf und Olten.
Wer sich im neuen Jahr 2012 einen Theaterabend lang vergnügen will: Hingehen! Und Prosit Neujahr!
Nächste Vorstellungen:
Biel: 3., 6., 15.1., Solothurn: 7.1., 8.2., Olten: 10.1., Burgdorf: 12.1., Baden: 21.1., Winterthur: 1.-5.2.
http://www.theater-solothurn.ch/
Fotos: © Städtebundtheater Biel-Solothurn
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