Kultur

Vorstadt-Tristesse

Vorstadt-Tristesse

Karin Henkel inszeniert am Zürcher Schauspielhaus Ödön von Horvaths Meisterstück „Geschichten aus dem Wienerwald“.

Dem Anspruch, den Ödön von Horvath dereinst selbst an sein Werk stellte, wird die Inszenierung von Karin Henkel im Zürcher Pfauentheater nur allzu gerecht. Bis ins Groteske übertriebene Charaktere erzählen von einer trieborientierten, zerrütteten Welt ohne Werte und Sinnangebote. Die schonungslose Offenheit, mit der Horvath die animalischen Triebe und Exzesse hinter einem scheinbar zeitlosen kleinbürgerlichen Idyll entlarvt, findet man in der Zürcher Aufführung voll bestätigt. Die Offenheit, mit der die Regisseurin die menschlichen Abgründe und ureigenen Instinkte preisgibt, provoziert zeitweilig geradezu pikierte Anstössigkeit. Doch ob diese nun gefällt oder nicht: den Nerv des Stücks hat Karin Henkels Inszenierung eindeutig getroffen. Dieses Schauspiel, in denen die Abgründe kleiner Seelen ausgelotet werden, berührt auch heute noch eigenartig. Das Premierenpublikum bedankte sich mit langanhaltendem Applaus und etlichen Bravorufen.

Verwobene Einzelschicksale

Die „Geschichten aus dem Wienerwald“ sind eine Ansammlung von Einzelschicksalen, deren Wege jedoch unmittelbar ineinander verwoben sind. Marianne, ein verträumtes Mädchen aus der Wiener Vorstadt, wird von Papa „Zauberkönig“ mit Fleischermeister Oskar verlobt, der zwar finanzielle Sicherheit, aber ansonsten nur gähnende Langeweile bietet. Kurzerhand macht sie sich mit Alfred, dem Verlobten der Tabakwarenhändlerin Valerie, aus dem Staub, einem spielsüchtigen Taugenichts, der permanent seine Oma um ihr letztes Erspartes prellt. Sie bekommen ein Kind, das zu Alfreds Mutter und Oma in Wachau zur Obhut gegeben wird. Er haut ab, sie landet schliesslich im Rotlichtviertel.

Parallel tröstet sich die verlassene Valerie mit dem deutschen Jurastudenten Erich, der mit strammem Gleichschritt und Hitlergruss das zur Entstehungszeit des 1931 uraufgeführten Stücks aufsteigende Nazideutschland geradezu aufflackern lässt. Die nahende Katastrophe kündigt sich in der Konfrontation mit dem konservativen Rittmeister bereits an, und auch bei den Protagonisten schimmert immer wieder durch, dass sie sich des Untergangs ihrer „alten“ Welt“ nur allzu bewusst sind. Marianne kehrt schliesslich als gebrochene Frau in die heimatlichen Gefilde zurück. Als sie dann noch vom Tod ihres Sohnes Leopold erfährt, bricht schliesslich auch der letzte Funke Widerstand gegen die vermeintliche, verhasste Beschränktheit der Vorstadtgesellschaft. Oskar, der all die Jahre auf sie gewartet hat, empfängt sie endlich in seinen Armen. Alfred kehrt zurück zu Valerie. Der Vorhang fällt.

Erdrückende, morbide Enge

Gespielt wird in einer schwarz bemalten halbrunden Arena mit Galerie, die eine erdrückende Enge erzeugt (Bühnenbild: Henrike Engel). In der Bühnenmitte eingelassen ist ein sich im Kreis drehendes rundes Podest, auf dem die Verlogenheit und Verlorenheit der Akteure besungen und mimisch gekonnt dargestellt werden. Je nach Verlauf, verwandelt sich das Podest in ein Planschbecken, das zum Schauplatz mehrerer amüsanter „Reinigungsprozesse“ wird. Angereichert ist die Handlung - ein gelungener Regieeinfall - mit einem Knochenmann und einer Knochenfrau, die das omnipräsente Morbide in diesem Stück verkörpern und zweisprachig das zu erwartende Geschehen in Mikrofone hauchen. Mit von der Partie ist eine knochenbemalte Band (Dead Brothers), die für dezente Musikbegleitung sorgt. Ihre Einlagen hallen seltsam verzerrt als Leitmotiv durchs Stück. Sogar ein lebendes Schwein wird auf die Bühne gelockt und mit „mörderischem Geschrei“ zur Schlachtbank hinter der Bühne geführt.

Grandiose Besetzung

Grandios ist die Spielweise der Protagonisten: Da ist Lilith Stangenberg, die mit jungmädchenhafter Naivität, aber überaus quirlig und exzentrisch das verträumte Töchterchen Marianne mit Freiheitsdrang gibt; da ist Aurel Manthel als durchtriebener, aber durchwegs sympathischer Alfred, der sich selbstgerecht und machohaft aus seiner Verantwortung stiehlt; da ist Michael Neuenschwander als komödiantischer Zauberkönig und Mariannes Vater, der in Unterhosen seine Unmoral so schmierig und erbärmlich zur Schau stellt; da ist Friederike Wagner als die Fäden ziehende Tussi Valerie, die eine skurrile Mischung aus Tugend und Laster verkörpert; und da ist Matthias Bundschuh als schmächtiger Fleischermeister Oskar, der mit dem Messer die Fingernägel putzend seine ungebrochene Liebe zu Marianne beteuert und pseudo-religiöse Phrasen bietet. Durchwegs zu gefallen wissen Fritz Fenne und Kate Strong in ihrer Doppelrolle als Mutter und Grossmutter sowie als Knochenmann und Knochenfrau. Vorab Kate Strong als spitzzüngige, durchtriebene alte Grossmutter ist brillant. Auch Christian Baumbach und Jean-Pierre Cornu meistern ihre Rollen als strammer Nazianhänger Erich und als abgehärmter Rittmeister mit Bravour.

Triste Vorstadtidylle: Ausschnitt aus Ödön von Horvaths Meisterstück "Geschichten aus dem Wiener Wald" (Fotos: Tanja Dorendorf / T+T-Fotografie)

Weitere Spieldaten: 17., 20., 22., 30. Januar, 1., 13., 18., 25. Februar, 1. und 20. März, jeweils 20 Uhr; 22. Januar, 19. Februar, 4. März, jeweils 15 Uhr; 12. Februar, 19 Uhr.