Gesellschaft

Der Generationenvertrag hält!

Der Generationenvertrag hält!

Norbert Blüm nimmt Stellung zum Verhältnis zwischen den Generationen.

Der Generationenvertrag gehört zum unveränderbaren Grundbestand der Gesellschaft. Davon zeigte sich Dr. Norbert Blüm, Minister a.D. für Arbeit und Soziales der Bundesrepublik Deutschland, fest überzeugt. Im Rahmen der Jahrestagung der SENEVITA AG in Bern sprach er zum Thema: "Droht die Kündigung des Generationenvertrags?" und fand unmissverständliche Worte: "Wer diesen Vertrag verwässert, zerstört den Zusammenhang unter den Generationen.  . . .  In der Generationensolidarität liegt die Stärke unserer Zivilisation begründet: Die Kinder tragen die Errungenschaften der Eltern weiter.  . . .  Von der Wiege bis zur Bahre sind wir aufeinander angewiesen."

Zwar stellen sich unserer Gesellschaft heute neue Herausforderungen, diese sind aber laut Blüm durchaus zu meistern. Dazu gehören besonders die demographischen Veränderungen:
- der Geburtenrückgang in den europäischen Ländern,
- die erhöhte Lebenserwartung und
- die Migration.

Für jede dieser Herausforderungen müssen differenzierte Lösungen gefunden werden. So könnte der Geburtenrückgang mit höherer Produktivität aufgefangen werden. Für das Alter gilt, dass heute den Kapazitäten der alten Menschen zu wenig Rechnung getragen wird, – 2/3 der 90-jährigen leben heute selbständig und sind in der Lage, noch ihren Haushalt zu führen. Die Migration der arbeitswilligen Menschen aus aussereuropäischen Ländern ist nicht hinwegzuzaubern, die Gesellschaft müsse sich jedoch bewusst machen, dass der "Import" von aussereuropäischen Fachkräften keine dauernde Lösung sein kann, warnte Blüm. Er erinnerte daran, dass zu Zeiten des Kolonialismus die Bodenschätze der Drittweltländer ausgebeutet wurden, heute nützt man in gleicher Weise die Kapazitäten der indischen Informatiker oder der philippinischen Krankenschwestern aus.

Leistung und sozialer Ausgleich müssen Hand in Hand gehen. Jungen Leuten muss die Chance auf einen festen Arbeitsvertrag gegeben werden, denn sein Leben planen kann nur, wer auf eine gewisse soziale Sicherheit bauen kann. Diese sollte einerseits vom Staat gewährt werden, aber auch privat und genossenschaftlich abgestützt werden. Die gegenseitige Unterstützung, Basis aller genossenschaftlicher Formen von Gemeinschaft, hält Blüm für einen wesentlichen Pfeiler der zukünftigen Gesellschaft. Erziehung zur Mit-Menschlichkeit, (Wieder-)Aufbau von Vertrauen und Bereitschaft zu gemeinsamem Handeln sind Voraussetzungen dafür. "Egoismus macht nicht glücklich", sagte Blüm, "das grösste Glück liegt darin, etwas für andere getan zu haben. Das alte Römische Reich ist untergegangen, als die Bürger ihre res publica, ihre Sorge für das Gemeinwohl vernachlässigten."

Anschliessend hatte Seniorweb Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch:
Herr Blüm, noch heute gelten Sie als Autorität in Fragen der sozialen Sicherheit. Die Verhältnisse in der Schweiz unterscheiden sich nicht grundlegend von denen in Deutschland. -  Ist die Rentenversicherung in Gefahr?

Norbert Blüm:  Das würde ich nicht sagen. Wenn die Versicherung auf private Anbieter verlagert wird, kostet die Altersvorsorge allerdings sehr viel mehr. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass der sichere Grundstock der Rentenversicherung über staatliche Renten für jeden gesetzlich geregelt sein sollte. Allerdings werden die einzuzahlenden Beiträge steigen müssen, statt früher 10% nun vielleicht 20%. Dafür sind aber auch die Löhne in den letzten Jahrzehnten gestiegen. – Es hat keinen Sinn, dieses System zu ändern. Seit Jahrtausenden bezahlen die jungen Aktiven für die Alten in der Gesellschaft.
SWb:  Dazu braucht es auch eine Erhöhung des Rentenalters, sagen viele.
NB:  Das Rentenalter darf in Zukunft nicht mehr einheitlich auf eine Altersgrenze fixiert werden. Menschen mit körperlich anstrengenden Berufen, Plattenlegern z.B. oder Bauarbeitern, ist nicht zuzumuten, länger als bis 60 die physischen Belastungen ihres Berufes zu ertragen. Die Löhne für solche Tätigkeiten müssen so hoch angesetzt werden, dass für diese Berufe ein früherer Rentenbezug möglich wird. Grundsätzlich sollten die Steuern den sozialen Verhältnissen angepasst und das Rentenalter flexibel sein.
SWb:  Als Organisation, die auf mehr als 100 freiwillige Mitarbeitende zählt, interessiert uns natürlich auch, welchen Platz Sie für die Freiwilligenarbeit in unserer Gesellschaft sehen.
NB:  Freiwilligenarbeit kann und darf bezahlte Arbeit nicht ersetzen. In vielen Bereichen kann sie aber sehr nützlich sein, gerade auch um die Blindheit von Experten durch den unverstellten Blick der Amateure zu korrigieren. Ich denke hier natürlich besonders an den Bereich der Altenbetreuung, von dem hier am SENE FORUM besonders die Rede war. Es darf einfach nicht auf einen Konflikt zwischen hie Profi, da Freiwillige hinauslaufen.
SWb:  Sie haben in Ihrem Vortrag auch über die Werte und ihre Beachtung in unserer Gesellschaft gesprochen. Müssen wir diese Werte wieder mehr pflegen?
NB:  Eine Gemeinschaft funktioniert so gut wie die Menschen, die in ihr leben. Egoismus ruiniert den Zusammenhalt der Gesellschaft; eine Gesellschaft ohne Moral wird sehr, sehr teuer. Aber ich bin da nicht so pessimistisch. Viele Menschen haben verstanden, dass Geld nicht alles ist. Gerade die Finanzkrise hat uns das gezeigt. Der Neoliberalismus ist in meinen Augen eine Sackgasse, ihm gehört die Zukunft nicht. Es werden allenthalben starke Ideen entwickelt, die auf solidarische, partnerschaftliche Ordnungsformen zielen. Darin sehe ich unsere Zukunft.
SWb:  Was liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen? Wofür engagieren Sie sich am stärksten?
NB:  Mir ist es ganz und gar nicht egal, wie meine Enkel leben werden! Dafür kämpfe ich, für eine Welt, in der meine Enkel glücklich leben können. Ganz konkret arbeite ich in verschiedenen Stiftungen für Kinder in Not mit, und – wie heute - mische ich mich gern aktiv in den aktuellen Diskurs ein.
SWb:  Dafür wünschen wir Ihnen weiterhin viel Erfolg! Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das SENE FORUM hatte für 2012 das Thema "Was wollen Senioren? Marketing für Betreutes Wohnen und Pflege im Alter" gewählt. Einige der Vorträge sind auf der Webseite nachzulesen, dort ist auch der gesamte Vortrag von Norbert Blüm nachzuhören. Neben Fachreferaten zu Marketing, Arbeitsmarktfragen und Unternehmertum erwies sich besonders das Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit als engagiert diskutierter Gesprächsstoff.

Fotos:
© Micha Riechsteiner,
mit freundlicher Genehmigung von SENE FORUM.