Es ist wohl für uns alle nicht wirklich vorstellbar, was Mädchen und Frauen in Kriegsgebieten an männlicher Gewalt erleben müssen. Was uns Europäerinnen in jüngerer Zeit diesbezüglich wohl am direktesten betroffen machte, waren die unglaublichen Berichte von den „Vergewaltigungslagern“ im Bosnienkrieg. Aber auch in allen anderen Kriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen, sei das im Nahen Osten oder anderswo, ist das Ausmass an Leid und Brutalität so gewaltig, dass wir – und ich nehme mich da durchaus nicht aus – öfters versucht sind, die Augen zu verschliessen, weil wir „das gar nicht mehr aushalten können.“
Vor drei Jahren ist ein Buch auf den Markt gekommen, das von einer mutigen Frau berichtet, die aus dem Alleingang heraus ein ganzes Netzwerk von Hilfseinrichtungen für kriegstraumatisierte Frauen aufgebaut hat. Das Buch, das im kleinen, engagierten Zürcher Sachbuchverlag Rüffer & Rub erschienen ist, trägt den Titel „Monika Hauser – Nicht aufhören anzufangen“. Die Journalistin und EMMA-Redaktorin Chantal Louis hat viele Berichte und Interviews sorgfältig zusammengetragen und in einem zwar betroffenen, aber durchwegs unaufgeregten, flüssig lesbaren Stil zu einem Buch geformt. Wenn ich auch zugeben muss, dass die geballte Wucht von derart viel Unrecht mich zuerst so erschlug, dass ich das Buch nach den ersten 30 Seiten erst mal zur Seite legen musste, um es mit etwas mehr Abstand später wieder hervorholen zu können.
Und ich holte es wieder hervor. Es liess mir keine Ruhe. Dennn was da auf 196 Textseiten aufgerollt wird, ist nicht nur der Bericht über die Gräuel der Kriege, sondern auch noch die Beschreibung einer aussergewöhnlichen Frau, vor der wir alle nur den Hut ziehen können. Monika Hauser, geboren 1959 im ländlichen schweizerischen Thal, abstammungsmässig Südtirolerin aus dem Vinschgau und somit italienische Staatsbürgerin, befreite sich früh aus der Enge, studierte in Innsbruck Medizin und promovierte als Fachärztin für Gynäkologie. Heute lebt sie, wenn sie mal zwischendurch zu Hause ist, in Köln.
Schon früh, durch Übergriffsversuche männlicher Verwandter, wurde ihr Empfinden für die Gefährdung von Frauen geschärft. Während ihrer ersten Spitalanstellung im südtirolischen Schlanders erlebte sie die dauernde Diskriminierung von Patientinnen innerhalb der Krankenhauswelt. „Wenn da nicht ein besonderer Name entbunden hat, sondern nur die Bäuerin XY aus dem Hintertal, dann hat er (der Chefarzt, der selber nicht Gynäkologe war) schon mal ein bisschen gezerrt oder die Zange schief angesetzt. Die Ergebnisse sind heute noch in den Tälern zu sehen.“ Hauser wird konfrontiert mit geschlagenen, von ihren Männern und Familien niedergehaltenen und ehelich vergewaltigten Frauen. Sie sah, dass psychologische Begleitung, von denen diese Frauen nur träumen konnten, für den Heilungsprozess äusserst wichtig wäre. Hilfestellung bei der Aufarbeitung war gefragt. Und sie merkte: Ich muss den Mund aufmachen. Was sie von da an immer öfter tat.
Das alles geschah im „ganz normalen“ Mitteleuropa. Hauser sollte es bald mit ungeheurer Wucht am Balkan kennen lernen.
Durch einen Artikel in der Illustrierten „Stern“ wird Monika Hauser auf die entsetzlichen Zustände aufmerksam, welche Frauen im Bosnienkrieg (1992-95) erleiden müssen. Das war die Initialzündung, die ihr ganzes weiteres Leben bestimmen sollte, das sie fortan in den Dienst kriegstraumatisierter Frauen stellte. Der Anfang war – mit unendlichen Schwierigkeiten finanzieller und organisatorische Art – im bosnischen Zenica gemacht. Am 30. März 1993 wird in der damals noch nicht besetzten Stadt die Institution Medica Zenica eröffnet. „....Wir rufen alle Menschen in Zenica und ganz Bosnien auf, uns bei unserem Versuch zu helfen, das Recht der Opfer auf Hilfe ohne jede Stigmatisierung umzusetzen. Denn es muss jedem klar sein, dass die Vergewaltiger diejenigen sind, die stigmatisiert, angeklagt und bestraft werden müssen.“ Der Aufruf wurde im Radio immer wieder gesendet. Mittels geschickten Lavierens mit dem zuständigen Imam, den Behörden und der Presse war das Zentrum bald zu einer nicht mehr wegzudenkenden Institution geworden. Hauser und ihre MitarbeiterInnen gingen dazu über, selber Frauen aus den näheren Flüchtlingslagern oder aus ihren Kellerloch-Verstecken zu holen. Schon am 15. Juli 1993 wurde Medica 2 eröffnet.
Schon Ende dieses ersten Jahres kommt der mediale Durchbruch mit der Auszeichnung „Frau des Jahres 1993“ durch die „Tagesthemen“-Redaktion des deutschen Fernsehens. Europaweites Entsetzen über die „News“, die so genau und eindringlich noch nie beschrieben worden waren, breitet sich aus. Das deutsche Fernsehpublikum zahlt in den nächsten Tagen 750'000 an Spendengeldern ein. Aber Monika Hauser hat einen hohen Preis gezahlt und kurz vor der TV-Sendung ihr ersten Kind verloren. Doch nun folgen jede Menge Ehrungen, darunter der als „Alternativer Nobelpreis“ bekannte „Right Livelihood Award“.
In ähnlichem Takt wie die Ehrungen eröffnet das Medica-Team neue Wirkungsstätten: Es wird Medica mondiale gegründet. Die Mitarbeiterinnen von Medica Kosova (ein kosovarischer Mann hat traditionell das Recht, sich scheiden zu lassen, wenn er von der Vergewaltigung seiner Ehefrau erfährt) und später Medica Tirana kämpfen geduldig gegen die gesellschaftlichen Barrieren an. Was in Bosnien schon schwierig war, ist im Kosovo ein fast unüberwindbares Hindernis. „Das Tabu war im Kosovo erbarmungslos.“ Und das Trauma der Frauen entsprechend: Vergewaltigt, alleingelassen und schweigend mussten sie mit dem Grauen fertig werden.
Die Kriegsverbrechertribunale eröffnen neue, äusserst wichtige Ansatzpunkte für Monika Hauser und ihre Mitstreiterinnen. „Damit die Welt es erfährt.“ Die unglaublich zynische Gesetzeslage noch im Nürnberger Prozess, die besagt, dass Vergewaltigung und Zwangsprostitution keine Anklagepunkte sind, sondern „Kollateralschäden des Krieges“ darstellen, durfte sich in Den Haag einfach nicht wiederholen. Vergewaltigung muss ins Völkerstrafrecht eingeschrieben werden!
Während all dieser aufreibenden Aufklärungs- und Beobachter-Arbeit rief bereits ein neuer Kriegsschauplatz: Afghanistan. Dieses traurige Kapitel des Buches ist überschrieben: „Die Russen, die Mudschaheddin, die Taliban – der ewige Krieg gegen die afghanischen Frauen“. Die Aufzählung spricht für sich. Aber auch der Titel des 12. Kapitels „Von Aceh bis Fishtown – was ein Tsunami mit sexueller Gewalt zu tun hat“. Auch vor den über 3 Millionen über 75jährigen deutschen Frauen, die nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs 12 Jahre und mehr gewesen waren, und bei denen die bisher unter Verschluss gehaltenen Erinnerungen als Angst- und Panikattacken immer häufiger aufbrechen – auch davor verschliesst medica mondiale nicht die Augen, ebenso wenig wie vor dem Problem der heimgekehrten internationalen UN-Blauhelm-Soldaten, welche die Kinder-Bordelle bevölkern.
Monika Hauser ist immer noch an der Arbeit. Aber auch wenn die Unermüdliche eines Tages aufhören sollte: Ihr grosses Werk wird immer daran erinnern, was eine einzige mutige Frau bewirken kann, wenn sie unbeirrbar ihren Weg geht.
Chantal Louis: Monika Hauser – Nicht aufhören anzufangen. Verlag Rüffer & Rub, Zürich. Das Buch verfügt über einen umfangreichen Anhang, u.a. mit dem Konzept zur Trauma- und Menschenrechtsarbeit von medica mondiale.
Foto: Laura Weidacherwww.de.wikipedia.org/wiki/Monika_Hauser
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