Bonnard gleich Bonheur – als Maler des Glücks wird er seit der grossen Ausstellung von 1984 in Paris definitiv nicht mehr belächelt.
Damals veröffentlichte Jean Clair einen Essay mit dem Titel: Die Abenteuer des Sehnervs und rückte Bonnard aus der gutbürgerlichen Kunst weg in neue Zusammenhänge als einen jener figurativ Malenden, welche die Abstraktion mit ihrer Obsession der Farbfläche und des Lichts vorbereiteten. Bonnard, anerkannter Klassiker der Moderne darf heute sogar wichtige Sammlungsobjekte von Beyeler wie Monets Seerosenbild kurzzeitig verdrängen. Dennoch, die Malerei von Pierre Bonnard (1867 - 1947) stellt auf den ersten Blick nichts als friedvolle und heitere Idylle des bürgerlichen Alltagslebens dar, welches sich nicht um gesellschaftliche Fragen oder Weltpolitik kümmert: Gedeckte Mittagstische und belebte Badezimmer, besonnte Gärten und helle Intérieurs sind die Bildthemen, und darin wiederholt seine langjährige Lebenspartnerin und spätere Ehefrau Marthe. (Nebenbei: Katzenliebhaber und Hundefreunde kommen bei Bonnard auf ihre Rechnung!)
Farbe und Licht
Nach seiner Akademieausbildung, welche er, angeregt von Paul Gauguin nach einem Jurastudium an der Sorbonne absolvierte, gründete er gemeinsam mit Paul Sérusier und anderen die Künstlergruppe der Nabis, zog sich aber bald wieder zurück. Damals begann er mit seiner typischen Malerei von Farbflächen, welcher er in einem jahrelangen Prozess weiterentwickelte.
Malerei war ihm das Festhalten des Augenblicks in einem Prozess des Sehens, Farbe ein Mittel zur Beeinflussung der Seele. Es scheint, als habe er sein ganzes Dasein dem Malen untergeordnet, seine Wohnorte waren ihm Atelier und Motiv, seine Lebenspartnerin Modell auf Lebzeiten, seine wichtigsten Bekannten ihrerseits Maler. So pflegte er, als er eine Zeitlang in der Nähe von Giverny lebte, regelmässigen Kontakt mit Claude Monet, dem am Ende seine Seerosen Malmotiv genug waren. Wie Monet liess auch Bonnard den Impressionismus hinter oder vielleicht besser neben sich liegen. Zentral war das Sehen und die Leinwand, auf welcher er sein Gesehenes als Gemaltes in einer Fülle von Farbflecken aufschlüsselte. So hatte er mit der Perspektive entschieden kein Problem, vielmehr kann ein Bild mehrere Blickpunkte vereinen – wir sehen an einen Tisch und zugleich auf denselben. Je später er ein Bild vollendete, desto kühner ging er mit den Farbflächen um, die er als

Eindruck des Sehens gewonnen hatte: «Ich habe alle meine Motive in unmittelbarer Nähe. Ich gehe hin und schaue sie mir an. Ich mache mir Notizen. Dann kehre ich wieder heim. Und ehe ich zu malen beginne, denke ich nach und träume.»
Schönheit ist unvergänglich
Ausstellungsmacher Ulf Küster zeigt uns keine chronologische Retrospektive. Das erschwert zwar den Nachvollzug von Bonnards malerischer Entwicklung, aber eröffnet umso eindrücklichere Sichten auf das Gesamtwerk: Wir werden durch ein Bonnardsches Haus geführt, vom urbanen Aussenraum (Place Clichy) in die Innenräume bis zum geräumigen Bad, welches bei aller Intimität wiederum mit grossen Fenstern und Türen Aussenwelten einschliesst, vor allem kultivierte Natur. Bonnard lebte meist zurückgezogen in seinen Häusern – zunächst in der Normandie, später bis zu seinem Tod in Südfrankreich. Er malte oft jahre- mitunter jahrzehntelang an seinen Bildern, so kam das Licht des Südens in Landschaften aus nördlichen Provinzen. War das wohl mit ein Grund, warum sein liebstes Aktmodell Marthe in den vierzig Jahren ihres Zusammenseins nie wirklich gealtert ist? Ob Marthe nun im Kabinett neben einem Badzuber steht oder ob sie später in Südfrankreich in der Badewanne liegt, ist und bleibt sie die immer gleich Schöne.
Das Badezimmer steht also bei Beyeler mitten im Zentrum der Anlage als grösster, aufregendster Raum, der seinerseits Durchblicke in andere Bonnard-Gemächer (Esszimmer, Spiegel, Garten etc) eröffnet, so wie fast jedes Bild Einblicke, Durchgänge und Spiegelungen zeigt und damit klare Grenzen verwischt. Sich den möglichen Abgründen in Bonnards Leben zu nähern ist trotz der gutbürgerlichen Grundthematik hier und dort möglich: Beispielsweise im Bild Der Mann und die Frau, oder im Selbstportrait: Der Boxer, wo unterdrückte Wut und Verzweiflung offensichtlich werden.

Neben den über sechzig Gemälden aus der halben Welt (hierbei ist das Netzwerk des verstorbenen Kunsthändler Beyeler nach wie vor von unschätzbarem Wert) sind auch das erfolgreiche Champagner-Plakat von 1889 zu sehen, welches ganz am Anfang von Bonnards kommerziellem Erfolg stand, sowie – unerwartet – ein ein witziger Paravent.
Die Ausstellung dauert bis zum 13. Mai 2012 und ist täglich geöffnet.
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