Kultur

Einer, der alles erinnert

Einer, der alles erinnert

Wieviel Verantwortung tragen wir für die Vergangenheit? Davon handelt das am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführte Stück „Zwanzigtausend Seiten“ von Lukas Bärfuss.

Der Berner Lukas Bärfuss gehört zu den gefragtesten Dramatikern Europas. In seinen Stücken thematisiert er immer wieder moralische Verfehlungen der Schweiz, so auch in seinem neusten Werk „Zwanzigtausend Seiten“, das am 2. Februar in der Schiffbau-Box uraufgeführt wurde. Diesmal geisselt er das menschenverachtende Verhalten der Schweiz gegenüber jüdischen und anderen Flüchtlingen während des Zweiten Weltkrieges. Lukas Bärfuss arbeitet mit den Mitteln der Verfremdung, schafft aus Bekanntem eine raffinierte Mischung aus dramatischem Ernst und theatralischem Klamauk.

In Mittelpunkt des neuen Stücks steht der Tagträumer Tony, der durch einen Unfall in seinem Kopf 20 000 Seiten umfassende Dokumente zum Schicksal von abgeschobenen Flüchtlingen gespeichert hat. Ein Wissen, mit dem er ringt, weil es ihn nicht loslässt, das er am Ende aber nur noch löschen möchte. Man fühle sich halt schlecht, wenn man immer über das Elend anderer nachdenke, heisst es da. Und wer wolle sich da schon dauernd schlechtfühlen? Verdrängung statt Bewältigung.

Obskure Bekanntschaften

Vor allem die Geschichte des jüdischen Flüchtlings Oskar beschäftigt Tony. In einer TV-Show, in der er mit seiner phänomenalen Gedächtnisleistung gegen eine Schlager singende Busfahrerin antritt, breitet er das Schicksal von Oskar aus, der von Schweizern zurückgeschafft und später ins KZ Auschwitz kam. Als er noch fragte, wieso Nutzniesser des Weltkrieges in der Schweiz unbehelligt blieben, fliegt er raus. Es siegt die trällernde Busfahrerin, durchaus eine moderne Parabel auf das Verdrängen der eigenen Geschichte.

Das Ensemble im Wettstreit für die TV-Show "Das Megatalent". (Bilder: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie)

Gespickt ist die Inszenierung mit weiteren obskuren Begegnungen, so mit skurrilen Zuhörern eines alternativen Bürgerradios, mit einem wirren Geschichtsprofessor, der sich mit der Kategorisierung von Knöpfen beschäftigt, mit einem köstlich wippenden Alternativexistentialisten, mit einem sensationslüsternen Agenten, der Tony in die TV-Show „Das Megatalent“ lotst. Sie alle verkörpern das Vergessen, das Verdrängen, gieren nach Selbstverwirklichung im Heute. Selbst seine Freundin Lisa reagiert verständnislos auf Tonys historische Verwicklung. Auch der ergraute Oskar will sich nicht mehr erinnern, sondern nur noch amüsieren. Und so bleibt Tony am Ende nur, dass er sich das Gedächtnis mit einem gewagten Experiment erneuern lässt.

Groteske Rollen und Szenen

Die dialogstarke Geschichte von Tony spielt auf einer leeren Bühne, die von einem Bücherregal mit Hunderten von Ordnern umschlossen ist. Die Zuschauer sitzen zweireihig an allen vier Seiten, ganz nahe am Geschehen, so dass man versucht ist, einfach mitzureden (Bühnenbild: Robert Schweer). Der gebürtige Rostocker Regisseur Lars-Ole Walburg bemüht sich um eine stringente Inszenierung mit grotesken Rollen und Szenen. Er kämpft mit einigen deklamatorischen Längen, die interessant anzuhören sind, aber die Theatralik unnötig bremsen. Doch insgesamt wird ein schillerndes und irritierendes Stück mit etlichen Höhepunkten gezeigt. Das Premierenpublikum war tief beeindruckt über die bittere Farce und bedankte sich mit langanhaltendem Beifall.

Applaus verdienen vorab die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler, von denen wahrlich viel abverlangt wird. Sie teilen sich mit Ausnahme von Tony in nicht weniger als zwei Dutzend Rollen. Sean Mc Donagh gibt den träumerischen Tony sehr überzeugend mit gelungenen Slapstick-Einlagen. Sein Spiel ist schlichtweg brillant. Franziska Machens als Tonys Freundin Lisa spielt ihre hilflose Opportunismus-Rolle gekonnt ironisiert. Auch die übrigen Darsteller (Ursula Doll, Klaus Brömmelmeier, Ludwig Boettger und Lukas Holzhausen) gefallen mit ihren komödiantischen, teils schrillen Auftritten. Sie alle erbringen mit ihren vielen Rollen- und Kostümwechseln eine bewundernswerte Parforce-Leistung.

Weitere Spieldaten: 3., 6., 7., 9., 13., 15., 21., 22., 27. Februar,  5., 7., 9., 12., 13., 15. März, jeweils  20 Uhr; 26. Februar, 19 Uhr.