Kultur

Ein Wintermärchen mit dunklen Flecken

Ein Wintermärchen mit dunklen Flecken

Das Kunsthaus Zürich zeigt Winterbilder aus fünf Jahrhunderten.

Passend zum Wetter draussen hat auch im Kunsthaus Zürich der Winter Einzug gehalten. "Ein Wintermärchen" zeigt zum ersten Mal die Darstellung des Winters in der europäischen Kunst von der Renaissance bis zu den Impressionisten. Die über 130 Werke umfassende Ausstellung wurde im Wesentlichen vom Kunsthistorischen Museum Wien übernommen und mit eigenen Werken und originalen Schlitten aus dem österreichischen Herrscherhaus – samt Pferden – sowie kostbaren Tapisserien ergänzt.

Wer beim Thema Winter in der Kunst nur an holländische Malerei oder die Impressionisten denkt, der wird im grossen Bührlesaal des Kunsthauses überrascht sein von der Fülle der Motive, von den vielen Facetten dieses Themas und vom Umstand, dass diese "Wintermärchen" über weite Strecken dunkle, unheimliche Geschichten von Armut, Hunger, Kampf und Leiden sind. Das knüpft an die uralten Mythen an, in denen der Winter immer als Strafe, Plage, als Symbol des Sterbens und Vergehens apostrophiert wurde. Ein Paradies, Adam und Eva im Winter? Unvorstellbar. Jugend und Winter? Ausser in den Sportbildern und den allerdings häufigen Genrebildern vom sich auf dem Eis vergnügenden Volk undenkbar. Der Winter wird in der Allegorienmalerei als alter Mann dargestellt, die holden Jungfrauen sind dem Frühling und dem Sommer zugeordnet. Selbst auf den Stillleben herrscht im Winter Kargheit, fehlt die üppige Farbenpracht des Sommers oder Herbstes: Fleisch, Fisch, Zwiebeln und Kohlköpfe.

Die dunklen Seiten des Winters

Auch in der Landschaftsmalerei ist der Winter vielfach negativ konnotiert. Vincent van Gogh malt eine Winterlandschaft wie ein Schlachtfeld, Edvard Munchs "Winternacht" ist eine in Schatten versinkende Gegend unter tiefhängendem bleiernem Himmel. Und sogar Giovanni Segantini, der die Winter in Maloja so liebte und zauberhafte Winterlandschaften geschaffen hat, siedelt seine "Bösen Mütter" und die "Strafe der Wollüstigen" in düsteren Schneelandschaften an. Dazu kommen die Kriegsbilder. In der Zürcher Ausstellung schliesst das Monumentalgemälde von Jacques-Louis David "Napoleon überquert die Alpen" (datiert 1801) eine Schmalseite des Bührlesaales ab. Das Bild des Empereur auf dem Grossen St. Bernhard, zum ersten Mal überhaupt in der Schweiz ausgestellt, kündet zwar vom Triumph des Herrschers über Eis und Schnee auf dem Russlandfeldzug, zwei weitere Bilder aber zeigen das ganze Elend, in dem die siegreiche napoleonische Armee auf ihrem Rückzug aus dem Moskauer Winter versank.

Die ganze Farbenpracht des Schnees

Aber natürlich fehlen auch die Bilder nicht, die der Ausstellung den Titel "Ein Wintermärchen" gaben. Angefangen bei den Szenen um die Geburt Jesu, auf denen im Hintergrund Schneefelder glänzen über die flämischen Winterszenen von Pieter Bruegel d.Ä. und seines Sohnes über die vielen Vergnügungen auf gefrorenen Seen, Bächen und Wassergräben – Pierre Maximilien Delafontaines "Schlittschuhläufer" (1879) scheint geradezu einem solchen Bild entsprungen zu sein – bis zu den Schlittenfahrten, zu denen etliche reichverzierte Exponate bereitzustehen scheinen. Und dann die Landschaften. Teils hochdramatisch wie die im Eis festsitzenden Korvetten von Louis de Breton (1838-1841), die mit den Bildern von eisbedeckten Segelschiffen am Genfersee, die vor einigen Tagen in der Presse publiziert waren, einen aktuellen Bezug erhalten haben.  Dann wieder idyllisch wie die "Eisvögel" von Emilie Claus ((1890/91) oder die wunderbaren Monet-Bilder. Voller Farbe sind die  "Winternebel" von Giovanni Giacometti und wunderbar sind die vermummten Gestalten "nach dem Schneesturm" von Kasimir Malewitsch.

Ergänzt werden die Bilder durch kostbare flämische Tapisserien, die ja, von den Darstellungen mal abgesehen, gut in ein "Wintermärchen" passen. Schliesslich hielten die reichbestickten Wandteppiche in den zugigen Schlössern die Kälte ab, die durch die zwar dicken, aber schlecht isolierenden Mauern drang. "Diese Winterausstellung war  ein guter Entscheid" meinte Kunsthaus-Direktor Christoph Becker bei der Presseführung. "Ein grosses Thema wurde mit einer grossen Inszenierung verbunden". Und das stimmt: "Ein Wintermärchen" ist ein visuelles und sinnliches Erlebnis – auch wenn draussen vor dem Museum Schnee, Eis und Kälte hoffentlich nicht mehr allzu lange Zeit ein Thema bleibt.

Informationen unter www.kunsthaus.ch

Bildlegenden: Pieter Brueghel d.J. : Der Trunkenbold wird von seiner Frau nach Hause geführt, nach 1616. The Montreal Museum of Fine Arts, Schenkung der Familie Maxwell 1955 (grosses Bild)

Edvard Munch: Winternacht, um 1900. Kunsthaus Zürich.

Kasimir Malewitsch: Morgen im Dorf nach dem Schneesturm, 1912. Solomon R. Guggenheim Museum, New York.

Emile Claus: Die Eisvögel, 1890/91. Museum voor Schone Kunsten, Gent.

Giovanni Giacometti: Winternebel, 1910. Kunsthaus Zürich, Vereinigung Zürcher Kunstfreunde.