Arbeit

Vom Blei zur schwarzen Kunst

Vom Blei zur schwarzen Kunst

Bernhard hat Setzer gelernt – seine Grundausbildung für Werbung und Journalismus. >>> Es wäre schön, wenn noch weitere SWler/innen sich an die Zeit ihrer Ausbildung und der früheren Berufswelt erinnern würden. Diese persönlichen Berichte könnten im Lauf des Jahres 2012 hier im SW erscheinen. Kontaktadresse: hannes.kohler@seniorweb.ch
Von den Anfängen .... Erinnerungen von Bernhard Schindler

Als ich ein halbes Jahr vor der Matur aus dem Realgymnasium Basel „relegiert“ wurde, ging mein Vater zum Klassen- und Mathematiklehrer Dr. Liebl und fragte ihn, was er denn in Gottes Namen mit seinem missratenen Sohn anfangen solle. Dr. Liebl meinte, am besten sei wohl, „wenn der Bernhard Kaufmann wird und das KV besucht“. Da brauste mein Vater – Vizedirektor einer Treuhand in Basel - auf: „Was zum Teufel, sollen wir mit den Idioten anfangen, die nicht fürs Gymnasium genügen?“

Ich war knapp 19. Ich wollte Journalist werden und so bald wie möglich Schriftsteller und Dichter. Das war aber meinem Vater suspekt. „Wenn Du meinst, Du kannst jetzt den Bohemien spielen, morgens nicht aufstehen und nachts in den Kneipen rumsaufen, dann hast Du Dich geschnitten!“ Wir suchten nach einer Berufslehre für mich. Zuerst schnupperte ich in der Universitätsbibliothek. Ich nahm Bestellungen entgegen und kommissionierte die Bände. In den drei Wochen, die ich im Staub des Bücherarsenals abarbeitete, las ich alle Hemingways und Faulkner, deren ich habhaft werden konnte. Schliesslich fand mein Vater eine Lehrstelle für mich: Ich sollte Schriftsetzer werden, was schon mein Grossvater geworden war, bevor er Korrektor und später Redaktor wurde am Kaufmännischen Zentralblatt in Zürich.

Vorbereitungskurs mit Würfeln

Die Lehre konnte ich erst im kommenden April beginnen. Um mich ja nicht untätig zu lassen, verordnete mein Vater einen Vorbereitungskurs für Grafiker in der Gewerbeschule. Anschliessend sollte es abgehen in die Rekrutenschule. Vom Kurs in der Basler Gewerbeschule sind mir hauptsächlich alle Würfel in Erinnerung, die ich zeichnen musste: als rein geometrische Form, als architektonische Pläne, in der Perspektive des Betrachters von oben, von unten, seitlich, als Grundelement zu jeder Form: Selbst die Kugel wurde aus dem Würfel herausgearbeitet. Würfel, Würfel, Würfel. Die Welt setzte sich damals für mich allein aus Würfeln zusammen, und auch später, wenn ich als Hobbymaler einen Krug für ein Stillleben zeichnete, wurde der Krug aus dem Würfel geboren!

In der Rekrutenschule war ich der einzige „Intellektuelle“ unter lauter Bauern, Handwerkern und Elektrospezialisten; wir gehörten zum Übermittlungssystem in der Artillerie. Ich war eigentlich nirgends zu gebrauchen, weder beim Exerzieren noch beim Handgranatenwerfen. Aber ich konnte Schreibmaschine tippen und landete auf der Schreibstube unseres Kadis, wo ich bald auch die Funktionen des Fouriers übernehmen musste, weil unsere eigentliche Kompaniemutter erkrankt war. Immer, wenn mich die Korporale in die Mange bekamen, war ich Kompaniekalb und totaler Versager – im Batteriebüro aber waren sie mir untertan, denn kaum einer konnte Schreibmaschine schreiben und einige waren sogar froh, wenn ich ihnen ihre Rapporte korrigierte. Natürlich machte ich das nicht gratis. So hatte ich immer einen geheimen Vorrat an 2dl-Weinfläschchen, und jeder Korporal wusste meine Zigarettenmarke.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Zurück vom Waffenplatz Bière begann ich die Schriftsetzerlehre in der VSK-Druckerei, wo alle Zeitungen und Werbemittel des Verbands Schweizerischer Konsumvereine, der späteren COOP, gedruckt wurden. Ich heuerte in der Handsetzerei an, wo Drucksachen vom einfachen Visitenkärtli bis zu den kompliziertesten Formularen gesetzt wurden. Ich hatte einen angenehmen und fürsorglichen „Anführgespan“, der mich in die schwarze Kunst einführte. Schwarz waren zunächst hauptsächlich meine Finger, denn die Bleilettern, die ich im Winkelhaken (siehe Titelbild) zu einem Schriftwerk („Glatter Satz“) zusammensetzen musste, färbten ab. Druckerschwärze, aber auch Staub waren überall auf und zwischen den Holzkommoden, in denen die Setzkästen staken..

SetzkastenZusammen mit einem Stift, der bereits ein Jahr länger hier war, musste ich jeden Samstag Vormittag die Regale abstauben, den Boden wischen und mit Wasser aufnehmen und natürlich allerhand Dienstleistungen für die Setzer erbringen, wie Bier holen, wenn einer Geburtstag feierte oder kleinere Drucksachen „unter der Hand“ für andere Mitarbeiter anfertigen. Ein Buchbinder belästigte mich immer wieder, weil er freiberuflich noch ein Uhrengeschäft betrieb. Erst als ich einmal einen seiner Werbetexte für sein Schaufenster leicht abänderte und dieser zum Gelächter der Passanten beitrug, wurde ich von seinen Forderungen verschont. Der Text lautete:

Revidierte Bauernuhren wieder wie neu und mit angenehmem Gebimmel für die Stube oder das Schlafzimmer“. Ja, ich geb’s zu, es war kein Druckfehlerteufelchen, das das „h“ in „Bauernuhren“ um einen Buchstaben nach vorne verschob. Ich war’s, auch wenn ich nachher hoch und heilig meine Unschuld beteuerte.

Die Arbeit eines Schriftsetzers

Der Setzer, später auch die Setzerin, musste gut Deutsch und Französisch sprechen und verstehen, Ahnung haben von Orthografie und Satzzeichenkunde, denn die Manuskripte, die wir erhielten – selbst von ehrenwerten Hochschulprofessoren – waren nicht immer „über alle Zweifel erhaben“. Oft gab es Streit zwischen dem Korrektor, der sich ans Manuskript hielt und dem Setzerlehrling, der alles besser wusste. Aber zweimal hat mir ein Professor, der eine Dissertation seines Doktoranwärters allzu flüchtig durchgelesen hatte, für meine Mithilfe oder dem „Lektorat“ der Arbeit gedankt. –

Seit rund dreissig Jahren ist das Blei aus den Druckereien verschwunden. Heute wird nur mit Fotosatz gearbeitet, die Autoren setzen ihre Texte am Computer selber. Aus dem Schriftsetzer ist ein ganz anderer Berufsmann, mehr in Richtung digitale Technik und Grafik, geworden.

Wie gesagt, bestand das Buchdruckergewerbe einerseits aus der Kunde des zu erstellenden Satzes und andererseits der perfekten Druckwiedergabe in der Druckpresse, schwarz/weiss oder farbig. Der Schriftsetzer erhielt damals nur wenige gezeichnete Vorgaben wie eine Drucksache zu gestalten sei. Ich hatte meist freie Hand und lernte, Texte als Elemente zu betrachten, die in einer möglichst spannenden Platzierung zu einander grafisch wirken sollten. Setzer

Beim glatten Satz mit einer 10- oder 12-Punkt-Schrift wurden beim ausgelernten Setzer rund 2000 Buchstaben in der Stunde (inklusive Zwischenräume) verlangt, die zudem möglichst fehlerfrei gesetzt werden mussten (wehe, wenn ein Vorgänger am Setzkasten beim Letternablegen in die einzelnen Buchstaben- und Zeichenfächlein gepfuscht hatte... Jeder erst im Satz erkannte falsche Buchstabe musste ausgewechselt werden.)

Schwierig waren Formulare mit vielen Linien. Diese mussten ebenfalls in die Blei-Regletten, welche nicht die Druckhöhe erreichten und somit freien Raum darstellten, im Baukastensystem eingefügt werden. Das konnte man meistens nicht im Winkelhaken machen, sondern musste die Gestaltung auf dem erhöhten Schreibpult nach einer selbst gemachten Skizze ausführen und dann die einzelnen Texte in die entstandenen Kästlein einfügen.

Auf Kosten des Lehrlings gelacht

War ein Bleisatz vollständig, wurde er mit einer dünnen Schnur ausgebunden, damit für die Korrektur ein Papierabzug gedruckt werden konnte. Je nach Grösse des Satzes wurde die Bleiwüste immer schwerer. Einmal ist mir eine ganze Seite eines Rheinhafen-Fahrplans in der Grösse von 21 cm Breite und 50 cm Länge vom Setzter-SchiffSchiff gerutscht. Ich musste die einzelnen, herausgequollenen Lettern wieder an die richtige Stelle bringen, zusammengefallenen Text restaurieren, den „Durchschuss“ wieder richtig platzieren (Durchschuss = Zwischenraum der einzelnen Zeilen), eine Heidenbüetz, von den ausgelernten Setzern hämisch begrinst. Ich wusste nicht, dass mein Anführgespan den ganzen Satz bereits in der Maschinensatz-Giesserei neu bestellt hatte, die besassen von jedem Mono-Bleisatz-Text ein Lochband, das man nochmals durch die Maschine jagen konnte. –

Setzer arbeiteten den ganzen Tag stehend, mit leicht gebeugten Rücken und bekamen fast alle ein „Buggeli“. Ihre Werkzeuge waren der Winkelhaken, der Typometer (mit typografischen und normalem Massstab), eine Schürze, um die Kleider nicht dreckig zu machen, Schnüre zum Ausbinden, eine Pinzette, um Text zu korrigieren und dann natürlich die Linien, Regletten und Schriften in mehreren Schriftgrössen, zudem kursiv und fett, in den einzelnen Setzkästen – die heute meistens in Wohnungen als lustiges Bild an der Wand zum Aufbewahren von allerlei originellem Krimskrams dienen.

Wir Setzerstifte waren immer wieder Opfer sich anschliessend halb tot lachender Berufskollegen. So bekam ich einmal den Befehl, in den Kisten mit dem abgelegten Bleisatz (also den Lettern und Regletten, die nicht mehr gebraucht und wieder eingeschmolzen wurden) nach Bleiwürmern zu suchen. Natürlich fand ich keine, vielleicht deshalb, weil ich mich vor Würmern ekelte und nur sehr flüchtig einige Bleiplättchen auflüpfte...

Schriftsetzer waren Fachleute

Das Buchdruckgewerbe brauchte Leute, die zupacken konnten, aber auch Lehrlinge mit Grips. Leider waren die Saläre der Schriftsetzer trotz vierjähriger Berufslehre mit strenger Gewerbeschulausbildung und vielen freiwilligen Nebenkursen nicht allzu gross, eine Familie jedenfalls konnte nicht vom Lohn eines Schriftsetzers leben. So haben sich viele ausgelernte Schriftsetzer bald von ihrem Beruf verabschiedet, sich zum Maschinensetzer oder Korrektor, zum Grafiker oder Werbemann weiter ausgebildet und den Beruf bald verlassen. Wir Schriftsetzer, die vor 51 Jahren unsere Lehre abgeschlossen haben, trafen uns vor einem Jahr in Basel, und nur noch ein einziger ist bis zur Pensionierung seinem Beruf treu geblieben. Viele wurden wie ich Quereinsteiger im Journalismus, wo uns, so lange noch mit Bleisatz gearbeitet wurde, die Berufskenntnisse immer wieder zu gute kamen, beispielsweise, wenn ein Schriftsetzer partout behauptete, man könne einen Kommentar nicht mit Durchschuss „aufblähen“, damit er in die vorgesehene Lücke passte.

Gegautscht und endlich aufgenommen

Nach der Berufslehre wussten wir Lehrlinge, dass ein besonderes Erlebnis auf uns wartete. Natürlich waren die Kollegen geheimnisvoll und verrieten nicht, wann der Zeitpunkt des Gautschens gekommen sei. Und tatsächlich, mitten in der Arbeit, als ich an alles ausser an diesen alten Brauch dachte, packten mich starke Arme und meine Kollegen schleppten mich zu einem nahen Brunnen, wo ich nach alter Väter Sitte gegautscht – getaucht – und auf einen nassen Schwamm gesetzt wurde. Dann wurde ein feierliches Dokument verlesen, ich hatte eine Gautschfeier zu spendieren und endlich war der 24jährige Bernhard, von allen Bääärni gerufen, während wir natürlich die Ausgelernten nur siezten, aufgenommen in die Zunft. Und, durfte dem Herrn Dübendorfer, meinem Anführgespan, Kari sagen.

Später arbeitete ich als Schriftsetzer in Norwegen. Ein halbes Jahr darauf wurde ich Schriftsachverständiger in einer Werbeagentur in Hamburg, dann besuchte ich die Werbefachschule. Aber das sind ja wieder ganz andere Geschichten!

Vom Schriftsetzer zum Mediengestalter

Link zu allgemeinen Berufsinfos

Bildlegenden von oben nach unten:

Der Winkelhaken war des Setzers wichtigstes Arbeitsinstrument. Dieses konnte auf die Breite einer Satzspalte eingestellt werden, da hinein gelangten die Blei-Lettern aus dem Setzkasten, die ihrerseits einen Druckstock bildeten.

Der Setzkasten war für eine Schrift und deren Schriftgrade eingerichtet. Aus den Fächern klaubten die Setzer die Buchstaben, die sie zum Satz zusammenfügten.

Regal mit Blindmaterial oder Regletten: Alle Teile in einem Satz, die drucken mussten, waren auf Drückhöhe, die Zwischenräume zwischen Wörtern und Zeilen wurden mit Bleiregletten ausgespart.

"Schiff" auf welchem der Satz bereitgestellt wurde. War er fertig, wurde er mit der Schnur ausgebunden.

Bilderquelle:

Basler Papiermühle
Schweizerisches Museum für Papier
Schrift und Druck
St. Alban-Tal 37, CH-4052 Basel 
Telefon + 41 (0)61 225 90 90
Fax + 41 (0)61 272 09 93
Öffnungszeiten Museum und Shop
Di - Fr und So  11 - 17 Uhr, Sa 13 - 17 Uhr
Montag geschlossen
www.papiermuseum.ch
info@papiermuseum.ch 



Danke Bernhard Schindler, für deinen Einsatz für diesen Bericht ! 

Hannes Kohler,  Redaktion Arbeit