25.02.2019 - Linus Baur

100 Jahre Bauhaus – Die Welt neu denken

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Das Bauhaus in Berlin, Weimar und Dessau war im 20. Jahrhundert die bahnbrechende Schule der Moderne. In diesem Jahr wird gross der 100. Geburtstag gefeiert. Eingeläutet wurde das Jahr mit einem grossen Eröffnungsfestival unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
 

1919 – also vor genau 100 Jahren – trat der Berliner Architekt Walter Gropius (1883–1969) in Weimar an, Architektur, Kunst und Design neu zu denken. Die traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs steckten den jungen Architekten und Künstlern in den Knochen. Bauen, Wohnen, Leben – nichts sollte mehr so sein, wie es war. Dazu gehörte ein radikaler Bruch mit dem verspielt-lieblichen Jugendstil und den nostalgisch-pompösen Baustilen des 19. Jahrhunderts.

Was Gropius wollte, war völlig neu: Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Handwerk sollten wiedervereinigt werden. Das Handwerk galt ihm als «Königsdisziplin». Denn Handwerk kann man lehren, so Gropius, Kunst nicht. «Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück», forderte Gropius. Dafür holte er berühmte Lehrer an seine Hochschule: Lyonel Feininger, Johannes Itten, Ludwig Mies van der Rohe, László Moholy-Nagy, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Gerhard Marcks und Oskar Schlemmer und viele andere mehr.

Porträt Walter Gropius, um 1922–1923 Alle Bilder: zvg

Für jedermann erschwinglich
Die Produkte des Bauhauses wie Stühle, Lampen, Geschirr und Tapeten sollten industriell gefertigt werden und für jedermann erschwinglich sein. Doch dazu kam es nicht mehr. Schon wenige Jahre nach dessen Gründung drohte dem Bauhaus die Pleite. Die avantgardistischen Lehransätze der Hochschule kamen in der Öffentlichkeit nicht gut an, die staatlichen Geldgeber drehten den Hahn zu. Also zog die Hochschule für ein paar Jahre um nach Dessau, später noch für ganz kurze Zeit nach Berlin. 1933 machten die Nazis endgültig Schluss mit dem Bauhaus. Die Bauhauskünstler und -architekten emigrierten, viele von ihnen wie Gropius, Mies und Moholy sind nach Amerika gegangen und haben die revolutionären Ideen dort verbreitet.

Ausser den Hochschulgebäuden in Dessau und Weimar haben die Bauhausarchitekten viele – aus heutiger Sicht schlichte, aus der Perspektive der 20/30er-Jahre spektakuläre – Gebäude hinterlassen. In Berlin entstanden in den 30er-Jahren moderne Wohnsiedlungen, die zwar nicht direkt von Bauhausarchitekten entworfen wurden, aber zur vom Bauhaus beeinflussten Moderne zählen: die Ringsiedlung in Siemensstadt, die «Weisse Stadt» in Reinickendorf, die Hufeisensiedlung in Britz und die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg. Sie gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Richtungsweisend für Max Bill
Zu den Schülern des Bauhauses gehörte der bekannte Zürcher Künstler Max Bill. Am Bauhaus Dessau studierte er zwei Jahre lang bei Albers, Kandinsky, Klee, Moholy-Nagy und Schlemmer – eine prägende und richtungsweisende Zeit für den jungen Bill. Am bekanntesten wurde Bill als treibende Kraft bei der Gründung und Planung der Hochschule für Gestaltung Ulm, die er als erster Rektor der Schule leitete (1950–1956). Für den ersten Unterricht hatte Bill Bekannte aus seiner Zeit am Bauhaus geholt: Josef Albers, Walter Peterhans, Johannes Itten und Helene Nonné-Schmidt unterrichteten die ersten 21 Studenten in provisorischen Räumlichkeiten. Gleichzeitig war Baubeginn des Hochschulcampus nach den Plänen von Max Bill. Hier sollten Studierende und Dozenten zusammenleben und -arbeiten – ein Konzept, das Gropius schon für das Bauhaus realisiert hatte und das zum Beispiel auch am Black Mountain College gelebt wurde. 1955 wurde die Anlage offiziell eröffnet. Der Berufsstand des Designers, wie wir ihn heute kennen, wurde massgeblich geprägt von der Lehre an der Hochschule für Gestaltung Ulm und von Publikationen und Vorträgen Max Bills über Design.

Relevante Ideen für das 21. Jahrhundert
«Für uns ist das Jubiläum eine Plattform, um das Bauhaus mit seinen bis heute relevanten Ideen im 21. Jahrhundert zu vermitteln», sagt Annemarie Jaeggi die Direktorin des Berliner Bauhaus-Archivs, das die weltweit grösste Sammlung zur Geschichte der Hochschule hat. Die drei Bauhaus-Institutionen – die Klassik Stiftung Weimar, die Stiftung Bauhaus Dessau und das Bauhaus-Archiv in Berlin – spielen im Jubiläumsjahr eine zentrale Rolle. In drei grossen Ausstellungen stellen sie das Erbe ihrer Vorväter und -mütter umfassend dar – auch anhand von bislang nie gezeigten Sammlungsschätzen.

Eingeläutet wurde das Jahr mit einem grossen Eröffnungsfestival unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Berlin. Schon seit Frühjahr 2018 läuft das Ausstellungs- und Forschungsprojekt «bauhaus imaginista». In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und namhaften Museen in Japan und China, Russland und Brasilien gehen Forscher und Künstler den globalen Verflechtungen des Bauhauses weltweit nach. Auch Indien, die USA, Marokko und Nigeria beteiligen sich. Die Ergebnisse sollen 2019 in einer grossen Gesamtschau im Berliner Haus der Kulturen der Welt vorgestellt werden. Auch in der Schweiz wird mit verschiedenen Veranstaltungen und in Vorträgen der kulturellen Errungenschaften des Bauhauses gedacht.

Gastautor: 
Linus Baur
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