28.02.2014 - Maja Petzold

Zeitvorsorge als Form der Solidarität?

Für das dritte und vierte Lebensalter müssen neue Konzepte ersonnen werden, neue Möglichkeiten, vorhandene Ressourcen zu nutzen und Hilfsbedürftigen damit zu nützen.

Die rüstige Rentnerin geht jede Woche einmal zu einer hochaltrigen Frau in ihrer Gemeinde und liest ihr vor oder bringt den kleinen Garten in Ordnung. Der an Kontakten interessierte Senior geht regelmässig für ein altes, gebrechliches Ehepaar einkaufen oder spielt Schach mit dem Ehemann. Sehr alten Menschen kleine Freuden in ihren eingeschränkten Alltag zu bringen, ist das Ziel dieser Aktionen, echte Freiwilligentätigkeit, die unbezahlbar ist und nicht bezahlt wird. – Oder doch? "Zeitvorsorge" soll denen, die jetzt ihre Zeit für andere einsetzen, diese "zurückgeben", wenn sie selbst zu alt sind, um allein auf die Strasse und einkaufen zu gehen.

Das Prinzip leuchtet ein. Wer pensioniert ist, hat Zeit, über die er selbst verfügen kann. Warum nicht einige Stunden in die Begleitung Hochaltriger investieren und sie später ebenfalls als Zeiteinsatz anderer Freiwilliger zurückerhalten? Zeit als "Vorsorge-Währung", die dem "Spender" zum gegebenen Zeitpunkt zurückgegeben wird. Im informellen Rahmen gibt es das wohl als Nachbarschaftshilfe oder innerhalb von Kirchgemeinden. In früherer Zeit, bevor der Sozialstaat entstand, galt es – in anderer Form –als selbstverständlich, dass die Grossmutter sich mit den Kindern beschäftigte und dass diese sie betreuten, wenn die alte Frau nicht mehr beweglich war.

Da solche alten Muster nicht mehr zu funktionieren scheinen, soll die Idee nun in Vereinen verwirklicht werden. Eine Abendveranstaltung der Careum Weiterbildung stellte kürzlich in Aarau zwei Modelle zur Diskussion.

Zeit als Tauschmittel

Reinhold Harringer präsentierte sein in St. Gallen geschaffenes Modell "Zeitvorsorge": Unter seiner Federführung entstand auf Anregung des Bundesamts für Sozialversicherung 2012 eine Stiftung. Das Hauptziel sieht Harringer – wie andere auch – darin, durch intensivere Haus-Betreuung einen Heim-Übertritt hinauszögern zu können. Im Stiftungsrat sind neben der Stadt St. Gallen verschiedene Organisationen aus dem sozialen und pflegerischen Bereich vertreten. Da die Stadt zur Zeit die Betriebskosten der "Zeitvorsorge" übernimmt und garantiert, dass das angesparte Zeitguthaben später eingelöst werden kann, ist der Arbeitsbereich vorläufig nur auf St. Gallen begrenzt. Die "Zeitvorsorge" betreut diejenigen, die ihre Zeit einsetzen, und diejenigen, die Zeit benötigen. Sie entscheidet über die Auswahl, Einsatzplanung, Weiterbildung, Anerkennung. Es wird von "Leistungen" gesprochen, nicht einfach von Freiwilligenhilfe. Aber es wird auch deutlich festgehalten, dass es um Betreuung und Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags geht, nicht um pflegerische Tätigkeiten. Für später sieht die Stiftung die Perspektive, ihre Aktivitäten auch auf Behindertenorganisationen oder Mittagstisch-Angebote auszuweiten.

Das Modell KISS

"Ziel ist der Aufbau der geldfreien 4. Vorsorgesäule, die auf der direkten Unterstützung von Mensch zu Mensch aufbaut, . . . dem sozialen Kitt in der Bevölkerung, der Selbstverantwortung, einer geldfreien Unterstützung in Notsituationen und im Alter." So stellte Susanna Fassbind die Genossenschaft KISS vor, deren Name Programm ist: "Keep ismall and simple". Die Mitgliedschaft kostet einmal im Leben CHF 100.-, Dienstleistungen kosten nichts. Menschen jeden Alters leisten Zeitarbeit zum Nutzen aller Generationen. Die Guthaben können sofort eingelöst werden oder später bezogen werden und schweizweit an andere Genossenschaftsmitglieder verschenkt werden. Gedacht ist auch an Personen, deren Budget beschränkt ist bzw. die sich sozial engagieren wollen. Das soll eine faire Lastenverteilung zwischen den Generationen ermöglichen.

Das System KISS funktioniert schon in Obwalden mit einmaliger Anschubfinanzierung des Kantons und in Luzern mit Finanzierung durch Sponsoren. Der Verein KISS will die Aktivitäten in die ganze Schweiz tragen und Unterstützung zum Aufbau der Infrastruktur und im Knowhow bieten.

Kostenersparnisse durch "Zeitvorsorge"?

Den Stundeneintrag, das "Zeitsparkonto" eines Freiwilligen könne man "am ehesten . . . eine Sammlung von Verdienstmedaillen nennen", formulierte Jörg Baumberger spitz. Denn ihm ist es schwer verständlich, dass es "eine registrierte Person kraft ihrer früher freiwillig erbrachten Dienstleistung wert wäre, von einer anderen, im Moment der 'Gutschrift' noch völlig unbekannten . . . Person ihrerseits eine Dienstleistung zu erhalten." Der emer. Titularprofessor für Volkswirtschaftslehre störte sich besonders daran, dass ein System mit sozialer Ausrichtung nach geldwirtschaftlichen Prinzipien wie "Stundenbuchhaltung" und gar noch als Teil der Altersvorsorge deklariert wird. Er bezweifelt auch, dass man die Qualität der verschiedenen Freiwilligenstunden gleich bewerten dürfe. Ein Liter Süssmost sei ja auch nicht gleich einem Liter Champagner, argumentierte er. So fürchtet er, dass sich die Angebote und Nachfragen nicht ausreichend decken könnten. Und schliesslich kritisiert er die "Ankoppelung an den Staat" und zwangsläufig eine schwerfällige und kostspielige Bürokratisierung, wie er sagt, denn die Stundenkonten müssen ja über lange Zeit verwaltet werden.

Im Laufe des Abends standen sich nicht nur zwei verschiedene Modelle gegenüber: das eine kantonal gestützt, das andere vorwiegend unabhängig, aber schweizweit organisiert, sondern auch ein Vielfalt an befürwortenden und skeptischen Meinungen. Das abschliessende Round-Table-Gespräch mit Vertretern aus dem Aargau brachte als einzige Klarheit die Tatsache, dass eine Übernahme des St. Galler Modells im Aargau geprüft wird, aber noch nicht entschieden ist.

Befürchtungen wurden laut, dass durch eine Institution wie "Zeitvorsorge" die ohnehin schon knapp bemessenen pflegerischen Leistungen reduziert werden könnten. Dem wurde allerdings deutlich widersprochen. Bestehende Organisationen im Bereich soziale Fürsorge müssen wohl ihre Haltung gegenüber "Zeitvorsorge" oder "KISS" erst noch definieren. Inwieweit ist eine grossangelegte Organisation überhaupt notwendig, funktioniert diese Art von Hilfe nicht in überschaubarem Rahmen besser? Wie kommt man mit "schwierigen" Menschen zurecht, die ein Zeitguthaben einlösen wollen? Alte Menschen können ja zum Teil sehr eigenwillig werden. Finden sich in Zukunft überhaupt noch genügend Freiwillige, die durch ihre Mitarbeit Stunden sammeln wollen?

Diese Fragen zielen auf die Basis aller sozialen Systeme: Es gilt, den Zusammenhalt zu pflegen zwischen den verschiedenen Teilen der Gesellschaft, den Jüngeren und den Alten oder Älteren, den Bessergestellten und den sozial Schwachen.

Weitere Unterlagen zum Thema

Titelbild: © Tony Hegewald / pixelio.de

Kommentare

Auch ich halte nichts von dieser hehren Idee des Zeitvorsorgekontos. Die Politiker schwafeln gerne und halten wenig wenn sie wieder einmal Sparübungen machen. So wird sich auch die heutige Zusage der Politiker in St. Gallen, dass die Zeitguthaben in ferner Zukunft bei nicht möglicher Einlösung durch Freiwillige dann mit Geld abgedeckt und durch bezahlte Personen erbracht werden in Nichts  auflösen. Das ist die gleiche Art Guthaben wie das mit den Sitzplätzen in den öffentlichen Verkehrsmitteln. In meiner Jugend mussten wir die Sitzplätze den Alten überlassen und jetzt, wo dieses Guthaben eingelöst werden kann gilt, dass Sitzplätze den Schnellen, Jungen, Dynamischen gehören, möglichst den jungen Familien mit 4 Kindern und deren Gepäck=12 Sitzplätze.

 

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