03.09.2018 - Linus Baur

Die neuen Freiwilligen wollen mitreden

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Freiwillige zu finden, wird immer schwieriger. Wer sich heute engagiert, will keine langfristigen Verpflichtungen eingehen, sondern schnell und projektbezogen mithelfen. Das ist das Fazit der Studie «Die neuen Freiwilligen» des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI), die im Auftrag des Migros-Kulturprozent verfasst worden ist.
 
Wer engagiert sich im 21. Jahrhundert noch freiwillig? Hat der Egoismus in unserer Gesellschaft überhandgenommen? Denken vor allem jüngere Menschen nur noch an sich? Tatsache ist, dass sich Jahr für Jahr immer weniger Schweizerinnen und Schweizer freiwillig engagieren: Musikvereinen fehlen die Aktuare, Gemeinden die Präsidentinnen und Präsidenten, der Feuerwehr die Helferinnen und Helfer. Was nicht nur Vereine und andere Institutionen schwächt, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet. 

Laut Freiwilligenmonitor 2016 haben vorab die formellen Engagements, das sind freiwillige und ehrenamtliche Tätigkeiten in Vereinen und Organisationen, an Beliebtheit verloren, während die informellen Engagements, also Tätigkeiten, die nicht an eine Organisation gebunden sind, recht stabil geblieben sind. Die Gründe für den Rückgang liegen in gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen (Multioptionsgesellschaft mit immer mehr Auswahlmöglichkeiten, erhöhte Mobilität, Fernsehkonsum, Internet). 

Was dieser Rückgang für die Gesellschaft bedeutet und welche Chancen sich daraus ergeben, zeigt die Studie «Die neuen Freiwilligen» des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI). Die im Auftrag des Migros Kulturprozent – Abteilung Soziales verfasste GDI-Studie ergründet Ursachen und Konsequenzen. Zudem beschreibt sie zentrale Rahmenbedingungen für zukünftiges zivilgesellschaftliches Engagement.

Klassische Freiwilligenarbeit ist rückläufig 
Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel. So lautet die zentrale These der Studie: «Statt von Freiwilligenarbeit, sollten wir von Partizipation sprechen», betonte Mitautor Jakob Sumachoviec an der Präsentation der Studie. Denn in einer Multioptionsgesellschaft werden regelmässige Verpflichtungen immer unbeliebter, was zusammen mit der zunehmenden Individualisierung zu einem Rückgang der klassischen Freiwilligenarbeit führt. 

Im Gegenzug nehmen kurzfristige und projektbezogene Engagements zu: die Teilnahme an einer Tauschbörse, der Projektchor mit Flüchtlingen, das Mithelfen in einem Gemeinschaftsgarten, das Verfassen von Wikipedia-Einträgen. Statt um Pflichten geht es dabei immer häufiger um das Erlebnis, um Lernerfahrungen, Gemeinschaft, Anerkennung, persönliche Autonomie und Wirksamkeitserfahrungen. 

Neue Formen der Freiwilligenarbeit sind gefragt
Für einen erfolgreichen Wechsel zu dieser neuen Freiwilligkeit müssen gemäss der Studie verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein: Die neuen Freiwilligen sind partizipativer, potenzorientierter und wollen mitreden statt nur ausführen. Das erfordert viel mehr Diskussion über die Ziele, die man erreichen will. Dieses Engagement einfach als Luxus und Eigennutz anzutun, ist laut Studie falsch: «Selbst wenn jemand nur aus Eigennutz oder Statusgründen zu einem Grillfest im Quartier lädt, stärkt dieses Engagement den sozialen Kitt in der Nachbarschaft. Es erhöht das Vertrauen innerhalb der Gemeinschaft und stärkt das Netzwerk». 

Dabei hilft auch die fortschreitende Digitalisierung, die den Austausch mit den Interessierten vereinfacht. Die digitale Welt bietet eine nie dagewesene Fülle an Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen und sich zu engagieren. Projekte können neu weitgehend hierarchiefrei verhandelt und entwickelt werden. So lässt sich Individualismus mit Gemeinschaftlichkeit vereinen. Und damit auch der gesellschaftliche Zusammenhalt stärken. 

Die Studie «Die neuen Freiwilligen» ist als kostenloser Download in Deutsch und Französisch erhältlich: www.gdi.ch/freiwillige2018

 

Carmen Walker Späh Regierungsrätin und Volkswirtschafts­direktion des Kantons Zürich, liberale Politikerin, Mitglied der FDP

Was bedeutet die Freiwilligenarbeit für ­die ­Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich? Unsere Gesellschaft, insbesondere auch unsere Volkswirtschaft, ist ohne die unzähligen Menschen, welche freiwillige Arbeit leisten, nicht denkbar. Sie leisten ­einen unverzichtbaren Beitrag am Funktionieren ­unseres Gemeinwesens. Wir müssen der Freiwilligenarbeit Sorge tragen und dürfen sie nicht durch staat­liche Auflagen und Bürokratie erschweren.

Was unternehmen Sie, die Freiwilligenarbeit ­zu fördern? Als Volkswirtschaftsdirektorin möchte ich mich ­zuallererst von Herzen bei jenen Menschen bedanken, welche durch ihren unentgeltlichen Einsatz einen wertvollen Beitrag für die Allgemeinheit leisten. Gerade in der heutigen Zeit ist es nicht selbstverständlich, dass Menschen arbeiten, ohne dafür entschädigt zu werden. Deshalb verdienen sie meine allerhöchste Wertschätzung. Im Rahmen meiner Amtstätigkeit trage ich ihnen bestmöglich Rechnung.

 

Franjo Ambroz Vorsitzender der Geschäftsleitung,  Pro Senectute Kanton Zürich

Was bedeutet die Freiwilligenarbeit  für Ihre Institution?
Pro Senectute Kanton Zürich ist vor mehr als 100 Jahren aus Kreisen von freiwillig Engagierten, und somit aus der Freiwilligenarbeit, entstanden. Sehr viele unserer Dienstleistungen zugunsten der älteren Bevölkerung waren schon früher, und sind auch heute noch, ohne unsere über 3800 Freiwilligen und Ehrenamt­lichen gar nicht denkbar. Die jährlich erbrachten 370 000 Einsatzstunden unserer Freiwilligen sind für unsere private, gemeinnützige Stiftung ein wichtiger Stützpfeiler in der Leistungserbringung. Dieses Engagement trägt massgeblich dazu bei, die Lebensqualität und Autonomie der älteren Bevölkerung im Kanton Zürich zu verbessern.

Was unternehmen Sie, um Freiwillige zu gewinnen?
Wir begleiten unsere Freiwilligen professionell und aufgabenbezogen auf Augenhöhe, so dass sie unsere Organisation in ihrem Bekanntenkreis immer wieder aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen weiterempfehlen. Bei uns sind die möglichen Einsatzgebiete klar umschrieben und definiert, ebenso die fachliche Einführung und Begleitung, sowie die Rechte und Pflichten, Wertschätzung und Anerkennung und die Spesenentschädigung – das macht ein Engagement bei uns transparent und klar. Unsere Freiwilligen kommen zudem in den Genuss einer grossen Auswahl an kostenlosen Kursen und Weiterbildungen, dies als unser Dankeschön für ihr grosses Engagement.

 

«Freiwilligenarbeit gehört zu uns»

Soziologin Cornelia Hürzeler ist seit mehreren Jahren beim Migros-Kulturprozent als Projektleiterin verantwortlich für die Bereiche Zivilgesellschaft, Quartierentwicklung und Demographie. Sie hat die GDI-Studie «Die neuen Freiwilligen» in Auftrag gegeben. Mit Cornelia Hürzeler sprach Linus Baur.

Was hat Migros-Kulturprozent bewogen, eine Studie über die Freiwilligenarbeit in Auftrag zu geben? 
Megatrends wie Individualisierung, Mobilität und ­Flexibilisierung beeinflussen und verändern unsere Gesellschaft und auch die Art, wie wir uns gesellschaftlich engagieren und uns für andere oder eine gute Sache einsetzen. Wir glauben, dass die Heraus­forderungen der Zukunft nicht alleine von der Politik, ­Familie oder Markt gelöst werden können. Es braucht dazu die Kraft der Freiwilligen, um neue und trag­fähige Lösungen zu finden. Es ist heute ein guter Zeitpunkt, um nach vorne zu schauen und zu überlegen, wie das freiwillige Engagement auch in Zukunft stark bleibt und Vertrauen und Zusammenhalt fördert.

Welche Ergebnisse der Studie haben Sie am meisten überrascht? Welches persönliche Fazit ziehen Sie aus der Studie? 
Eigentlich finde ich alle Teile der Studie sehr spannend. Für die eigene Arbeit sehr inspirierend  sind die Themen über die Partizipation und die Freiräume, die gesellschaftliches Engagement begünstigen. Freiwillige wollen zunehmend mitbestimmen, auch über das «wie». Und es braucht Freiräume, in denen sich Freiwilligenarbeit entfalten kann. Mich interessiert im Moment die Frage, wieviel Moderation solche Freiräume brauchen und wieviel Selbstorganisation möglich ist. Solche Fragen stellen z.B. Einsatzorganisationen und Gemeinden vor neue Herausforderungen.

Wie gedenkt Migros Kulturprozent, den Diskurs über den Stellenwert der Freiwilligenarbeit in unserer Gesellschaft weiterzuführen?
Wir fördern die Freiwilligenarbeit mit der Unterstützung von Dritten, durch Kooperationen und durch eigene Projekte. Insbesondere durch unsere eigenen Projekte wie z.B. der Fachstelle «vitamin B» für Vereinsarbeit oder durch Plattformen wie die «GrossmütterRevolution» sind wir eng mit der Realität der Praxis verbunden. Im Dialog mit unseren Förderpartnern entwickeln wir Konzepte für die Zukunft und werden dort aktiv, wo wir einen gesellschaftlichen Bedarf sehen. Im Moment beschäftigt uns z.B. die Frage, wie wir lokale Quartierinitiativen stärken können, zugunsten einer alternden Gesellschaft.

Was muss getan werden, damit die Freiwilligenarbeit auch in Zukunft relevant gestaltet werden kann? 
Freiwilligenarbeit gehört zu uns, von der Wiege bis zur Bahre. Manchmal engagieren wir uns und manchmal profitieren wir davon. Es braucht auch flexible und zeitlich begrenzte Möglichkeiten, welche je nach Lebenssituation allen die Chance geben, sich einzubringen und teilzuhaben. Und es braucht einen neuen Blick auf die Zivilgesellschaft, diese ist nicht Lückenbüsser, sondern gestaltet den Wandel aktiv mit. Freiwillige sind Förderpartner auf Augenhöhe für Staat und Einsatzorganisationen und müssen als Kooperationspartner ernst genommen werden. Wenn wir hier nicht neue Wege gehen, dann heisst es irgendwann einpacken statt anpacken.

Cover der Studie «Die neuen Freiwilligen»

Freiwilligenarbeit: Gemeinsam anpacken

 

Cornelia Hürzeler

(*1961), Sozio­login, ist Projektleiterin Soziales beim Migros-Kulturprozent. Sie leitet unter anderem die Fachstelle «vitamin B» zur Unterstützung von Vereinsarbeit und fördert mit «Service-Learning» zivilgesellschaftliches Engagement an Schulen und Universitäten.

Gastautor: 
Linus Baur
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