25.02.2019 - Linus Baur

Klage über Hausärztemangel in der Schweiz bald beendet?

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Der Beruf des Hausarztes hat in den letzten Jahren einen besseren Ruf erhalten. Das stimmt zuversichtlich, dass der Versorgungsengpass bald überwunden ist. Unser Gesundheitswesen steht vor mehreren Herausforderungen. Eine davon betrifft den Hausärztemangel.
 

So haben beispielweise 40 Prozent aller Thurgauer Gemeinden keinen Hausarzt mehr. In anderen Kantonen sieht es nicht viel besser aus. Die Situation dürfte sich in Zukunft zuspitzen. Denn viele Hausärzte haben ein fortgeschrittenes Alter. Eine Nachfolgeregelung gestaltet sich oft schwierig. Wie eine Studie der Universität Bern aus dem Jahre 2016 zeigt, bevorzugen junge Ärzte eine Gruppenpraxis. Zudem wollen die jungen Ärzte zu Beginn ihrer Laufbahn angestellt sein.

Es gibt mannigfache Gründe, warum der Beruf des Hausarztes an Attraktivität verloren hat. Einmal braucht man als Hausarzt ein breites medizinisches Wissen. Zum anderen ist man als Hausarzt auch Unternehmer, hat Angestellte, eine finanzielle Verantwortung, unregelmässige Arbeitszeiten. Hinzu kommt die geringere Entlöhnung gegenüber den Spezialisten. Zusätzlich sehen sich die Hausärzte neuen Anforderungen ausgesetzt. Die Patienten werden immer fordernder, kommen mit einer gegoogelten Selbstdiagnose in die Praxis, wollen die perfekte Behandlung, unverzüglich die optimale Behandlung, verlangen die sofortige Überweisung an Spezialisten. So hat sich die Überweisungsrate in den Jahren 1989 bis 2013 fast verdreifacht. Hinzu kommt, dass seit Jahren die Klagen gegen Ärzte zunehmen, was nicht heissen muss, dass Ärzte mehr Fehler machen, sondern, dass Patienten sich vermehrt wehren, wenn sie sich falsch behandelt fühlen. Es gibt nicht wenige Hausärzte, die über Frust, Erschöpfung, gelegentliche Resignation klagen.

Sinnhaftigkeit wieder stärker im Vordergrund
Doch es gibt Anzeichen, dass sich die Situation ändert. Hat die Klage über den Hausärztemangel also bald ein Ende? Nach Philippe Luchsinger, Präsident des Verbandes Hausärzte Schweiz, sind die dunklen Zeiten des Hausärztemangels in ein paar Jahren vorbei. Denn immer mehr Medizinstudierende wollen Hausärztin oder Hausarzt werden. Gemäss Umfragen sind es heute bis zu 40 Prozent der Studienanfänger, vor ein paar Jahren waren es nur 2 Prozent. Offensichtlich spielt die Nähe zum Menschen eine immer stärkere Rolle bei der Berufswahl. «Wenn Sie Beziehungen pflegen wollen, dann ist die Hausarztmedizin die Fachrichtung, die dies am meisten tut», sagt Luchsinger in einem Interview. Auch in der Ausbildung versucht man, die Hausarztmedizin gezielt zu fördern. Heute kann jemand eine hausärztliche Praxis eröffnen, ohne zuvor in einer Praxis geschult worden zu sein. In anderen Ländern erfolgt die Weiterbildung zu einem grossen Teil in Hausarztpraxen statt Spitälern, so werden spezifische Kompetenzen geschult.

Erfreulich ist, dass bei jungen Ärztinnen und Ärzten die Sinnhaftigkeit des Berufs wieder stärker im Vordergrund steht und immer mehr den Beruf des Hausarztes wählen, trotz grosser Arbeitslast und verhältnismässig geringer Entlöhnung. Ein langjähriger Chirurg und Oberarzt, der in eine Hausarztpraxis wechselte, umschrieb seinen Wechsel wie folgt: «Ein Spezialist hat seinen klar umrissenen Garten, der weiss ganz genau, was wo wächst und was auf ihn zukommt. Beim Hausarzt ist es eher eine Landschaft, ein Wald, ein Dschungel, plötzlich kommt da ein Löwe aus dem Gebüsch. Da muss man schon etwas abenteuerlustig und mutig sein. Ja, ich denke, es braucht wieder mehr Abenteuerlust und Romantik, denn was gibt es Schöneres, als Landarzt zu sein, Hausarzt auf dem Land.»

Gemeinschaftspraxen gefragter denn je
Die Gemeinden sind an einer medizinischen Grundversorgung interessiert, wollen nicht tatenlos zusehen, wie Hausarztpraxen verschwinden. Klar ist: Verfügt eine Gemeinde über einen Hausarzt, ist das ein eindeutiger Standortvorteil. So finanzieren immer mehr Gemeinden den Ärzten die Infrastruktur, zahlen die Miete für deren Praxis und für die medizinischen Geräte. Gemeinden spannen zusammen, um ein gemeinsames Gesundheitszentrum finanzieren zu können. Für Jörg Kündig, Präsident des Zürcher Gemeindepräsidentenverbandes, sind Gesundheitszentren ein tragfähiges Zukunftsmodell gegen den Hausarztmangel: «Ich glaube, dass Gemeinschaftspraxen, Ärzte im Anstellungsverhältnis, die Zukunft sein werden.» Im Kanton Thurgau wurde Anfang 2019 eine Anlaufstelle für Hausärzte und Gemeinden geschaffen. Diese soll informieren, vermitteln und unterstützen.

An guten Ansätzen zur Behebung des Hausärztemangels fehlt es nicht. Der Gemeinde- und der Hausärzteverband sind zuversichtlich, dass mit Gemeinschaftspraxen und mit Hausärzten im Anstellungsverhältnis künftig wieder genügend Hausärztinnen und Hausärzte tätig sein werden – im besten Fall schon in fünf Jahren. 

 

Hausärzte betrachten den Patienten als Ganzes.

Gastautor: 
Linus Baur
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