Innovage Zürich
01.11.2018 - Erica Benz-Steffen

Teilen Sie schon oder kaufen Sie noch?

„Teilen statt besitzen“ heisst der Slogan der sogenannten „sharing community“, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat.

Man nutzt Dinge gemeinschaftlich: Auto, Wohnung, Garten, Werkzeug, Kleider. Das ist nicht nur kostengünstiger, sondern auch nachhaltiger - und es verbindet

Kaum ein Blick ins Netz und mir leuchtet die Aufforderung „share“ entgegen. Sei es eine schlecht gelaunte Katze, die ich „teilen“ soll, oder eine banale Meinungsäusserung einer mir fremden Person. Überall kann ich Teil werden der grossen Netzgemeinschaft, die die gleichen Seiten anschaut wie ich. „Ein weltumspannendes Netz der Solidarität“ wird entstehen, verspricht uns das Silicon Valley.

Doch die gegenwärtige Entwicklung zeigt, dass share oder teilen mehr bedeutet als ein Mausklick. Inzwischen ist eine sharing community im Entstehen, die bewusst auf Teilen setzt und sich gegen ständiges Anhäufen von neuem Eigentum entscheidet. Bei Autos, Velos oder Wohnungen hat sich dieser „Trend“ längst etabliert. Aber auch das Teilen von Kleidern und Gebrauchsgegenständen zieht immer weitere Kreise.

Share: gesellschaftlicher Trend oder Wertewandel

Studien zeigen, dass gerade junge Leute sich immer öfter von Konsumrausch und Wegwerfgesellschaft abwenden und Alternativen suchen. Kosten sparen ist gemäss Umfragen ein wichtiges Motiv, aber auch ökologische Beweggründe, die Idee des gemeinsamen Nutzens und Teilens, spielen eine wesentliche Rolle.

Allerdings lässt sich nicht übersehen, dass sich die sharing community, hinter der eine gemeinsame Weltanschauung steht, auch rasch zu einer sharing economy auswachsen kann (Airbnb, Uber). Der altruistische Ansatz des social sharing steht dabei offensichtlich nicht mehr im Vordergrund.

Inzwischen hat die alternative Konsumkultur (Welle) auch Innovage erreicht. Eine Gruppe initiativer junger Menschen möchte eine Onlineplattform für das Ausleihen von Gebrauchsgegenständen entwickeln, die regional ausgerichtet sein soll. Räumliche Nähe erhöht die Chancen der Nutzung.

Hinter der Idee steckt mehr als ein weiteres Geschäftsmodell, das vom Trend profitieren möchte. Sie ist Ausdruck einer neuen Einstellung zum Konsum, eines Wertewandels, von dem die Gruppe hofft, dass er „ansteckend“ wirkt. Angestossen wurden das Projekt und der Verein „Shaare“ von Sarah, deren privates und berufliches Anliegen Nachhaltigkeit ist.

Da es bereits verschiedene Plattformen zum Teilen und Tauschen gibt, lohnt sich eine Analyse der bestehenden und gescheiterten Modelle, bevor über die eigene Ausrichtung entschieden wird. Die Netzwerke Innovage Zürich und Nordwestschweiz initiierten dazu einen ersten Workshop, an dem der engere Kreis des bereits bestehenden Vereins „Shaare“ die verschiedenen Möglichkeiten durchleuchtete.

Bei einer weiteren Projektanfrage geht es um das Ausleihen von Kleidern. Die Devise der Gründerinnen: warum muss ich Kleider zu jeder Gelegenheit im Schrank haben und selber kaufen, wenn ich sie mir ausleihen kann. Damit diese Idee bekannter wird und sich der Kreis der Nutzerinnen ausweitet, wurde Innovage um Unterstützung angefragt.  

Inwieweit sich diese Projekte mit rein ideellem Hintergrund gegen die gewinnorientierten Unternehmen durchsetzen können, wird sich zeigen.

Die Meinungen der Spezialisten zur Entwicklung der sharing community sind widersprüchlich. Die ernüchternde Prognose von Robert Lose, Professor für Kulturreflexion, „Das marktwirtschaftliche System wird diese soziokulturelle Innovation als Frischzellenkultur nutzen“, erweist sich hoffentlich als Fehleinschätzung.

Erica Benz-Steffen ist Präsidentin des Innovage Netzwerk Zürich.

Gastautor: 
Erica Benz-Steffen
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