19.11.2018 - Jürg Bachmann

Vergisst der Bundesrat die älteren Menschen?

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Mit der Strategie «Digitale Schweiz»¹ will der Bundesrat erreichen, dass alle Menschen in unserem Land von den Vorteilen der Digitalisierung profitieren können. Ältere Menschen werden in diesem Bericht erstaun­licherweise nur im gleichen Satz mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen genannt.
 

Wie sollen ältere Menschen aber von der Digitalisierung der Gesellschaft profitieren? Jürg Bachmann hat Phi­lipp Metzger, Direktor des federführenden Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM) interviewt:

Sind ältere Menschen für die «Digitale Schweiz» Personen mit einem Defizit?
Philipp Metzger: Nein, die Strategie «Digitale Schweiz» unterscheidet die Menschen nicht nach Alter. Sie gilt für alle Personen in der Schweiz gleichermassen. Daher war es dem Bundesrat wichtig, den Grundsatz «Den Menschen in den Mittelpunkt stellen» ganz an den Anfang der neuen Strategie «Digitale Schweiz» zu stellen. Er verfolgt eine Digitalpolitik, die auf eine inklusive demokratische Informations- und Wissensgesellschaft ausgerichtet ist. Gleichzeitig ist es dem Bundesrat ­jedoch bewusst, dass bestimmte Menschengruppen ­ in unserem Land spezielle Bedürfnisse bezüglich Digitalisierung haben. Die Vorteile der neuen Technologien sollen genutzt werden, um die Hindernisse für einen chancengleichen, barriere- und diskriminierungsfreien Zugang aller Einwohnerinnen und Einwohner zur digitalen Schweiz abzubauen.

Ältere Menschen sind sich gewohnt, selber und gemeinsam Projekte auf die Beine zu stellen. Wie will der Bund Initiativen fördern, die älteren Menschen den Zugang zur digitalen Welt sichern?
Philipp Metzger: Um auch älteren Menschen den Zugang zur digitalen Welt zu sichern, spielen die Medienkompetenz und die lebenslange Weiterbildung eine zentrale Rolle. Das Bundesgesetz über die Weiterbildung (WeBiG), das am 1. Januar 2017 in Kraft getreten ist, bezweckt die Förderung der Qualität und der Transparenz der Weiterbildungsangebote sowie der Chancengleichheit. Um die gesamte Bevölkerung für das lebenslange Lernen zu sensibilisieren, kann der Bund kraft des WeBiG Leistungsvereinbarungen mit Organisationen der Weiterbildung abschliessen. Zudem regelt das Gesetz die Förderung des Erwerbs und des Erhalts von Grundkompetenzen Erwachsener und gibt dem Bund die Möglichkeit, zu diesem Zweck Finanzhilfen an die Kantone zu leisten. Weiter sieht das Bundesgesetz über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG) in Artikel 101 bis die Möglichkeit vor, Beiträge an gesamtschweizerisch tätige private Institutionen, wie etwa Pro Senectute, auszurichten, die Aufgaben zugunsten älterer Menschen erbringen.

Welche Voraussetzungen müssen solche Institutionen erfüllen? Welche Instrumente stehen dem Bund zur Verfügung?
Philipp Metzger: Auf der Basis des AHV-Gesetzes kann der Bund nur Beiträge an gesamtschweizerisch tätige private Altersinstitutionen ausrichten. Auch das BAKOM besitzt keine gesetzlichen Grundlagen für eine Unterstützung privater Initiativen wie der Plattform Seniorweb. Im Sinne einer moralischen Unterstützung und um Seniorweb einem breiteren Kreis bekannt zu machen, lade ich Sie jedoch gerne ein, einen Beitrag an den Dialog zu aktuellen Fragen der Digitalisierung auf unserer Website www.digitaldialog.swiss zu leisten.  2

Danke, die Anregung nehmen wir gern auf. Viele Menschen leben möglichst lang zu Hause und befürchten, von der Gesellschaft abgehängt zu werden. Braucht es bald eine Spitex für digitale Integration?
Philipp Metzger: Die digitale Integration kann nicht isoliert betrachtet werden. Sie hängt eng mit der sozialen und beruflichen Integration der Menschen in der Schweiz zusammen. Das heisst, dass es heute, wie bereits früher schon, sehr wichtig ist, dass sich die Menschen vernetzen – offline wie online –, um sich auszutauschen und sich gegenseitig bei Internetfragen zu unterstützen. Eine Spitex für digitale Integration braucht es daher nicht, solange es private Initiativen wie die Ihrige gibt, um ältere Menschen zu vernetzen.

Was raten Sie älteren Menschen in Ihrer Familie, die den Anschluss an die digitale Welt behalten wollen?
Philipp Metzger: Bei der Digitalisierung soll der Mensch im Mittelpunkt stehen. Deshalb ist es auch für ältere Menschen das Beste, wenn sie mithilfe ihrer Nächsten am Ball bleiben können. Natürlich gibt es auch Kurse oder erfahrene IT-Spezialisten, die gerne Leute im persönlichen Kontakt beraten – übrigens oft gegen ein nur bescheidenes Entgelt. Aber ich persönlich finde es immer wieder beglückend, wenn ich beispielsweise meinem Vater eine neue App zeigen oder meiner Tante bei einer Online-Buchung behilflich sein kann. Die Intensität des «Aha»-Erlebnisses ist dann in der Regel proportional zur Grösse des Lerneffekts. Oder um es frei nach Neil Armstrong zu sagen: Ein kleiner Schritt für einen einzelnen Menschen, aber ein grosser Schritt für die digitale Integration.

1«Strategie Digitale Schweiz» und «Aktionsplan ­Digitale Schweiz», vom Bundesrat am 5. September 2018 verabschiedet.

2 Die für die Website verantwortliche Geschäftsstelle «Digitale Schweiz» des BAKOM erreichen Sie unter der Telefonnummer: +41 58 460 55 05 oder unter der E-Mail-Adresse: infosociety@bakom.admin.ch.

Philipp Metzger ist seit 1. Januar 2014 der Direktor des Bundesamts für Kommuni­kation (BAKOM).

Philipp Metzger war zuvor Stellvertretender ­Direktor des Entwicklungsbüros der Inter­nationalen Fernmeldeunion ITU mit Sitz in Genf. Er war bereits einmal beim BAKOM tätig, ab 2007 als Vizedirektor und Leiter der Abteilung Telecomdienste und ab 2012 als Stellvertretender Direktor. Früher arbeitete er in schweizerischen und ausländischen Anwaltspraxen, im IT-Bereich sowie bei der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA). Er verfügt ­über ein Anwaltspatent und einen Master-Abschluss des Collège d’Europe. Philipp Metzger ist Mitglied der ITU/UNESCO-Breitband­kommission für nachhaltige Entwicklung.

 

Gastautor: 
Jürg Bachmann
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