02.03.2018 - Rudolf Strahm

Zukunft: Wider die Diktatur des Kurzfristigen

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Was haben uns die Zukunftsforscher und Visions-Schmiede in den letzten Jahrzehnten nicht alles an Prophezeiungen, an Paradies-Visionen oder Horror-Szenarien präsentiert! Deren Treffsicherheit war etwa gleich gut wie bei der Astrologie: fünfzig Prozent zutreffend und fünfzig Prozent daneben.

 

Die üblichen Prognosen verlängern meist den Gegenwartstrend bloss mehr oder weniger weit in die Zukunft. Oder sie setzen die gerade aktuellen Zeitgeistthemen in «Visionen» um. 

Wichtiger, als neue Visionen für eine Schweiz von morgen in die Medien zu setzen, scheint mir die Frage, ob unsere politischen Akteure und die Elite überhaupt fähig sind, in die Zukunft zu denken und zu handeln. Wir leben mit der Optik des Kurzfristigen. Nur wenige Exponenten der Politik und der Wirtschaft sind befähigt, in längeren Zeiträumen zu denken und zu handeln.

Unter den Finanzmarktspezialisten ist kaum einer fähig, über den gerade ablaufenden Konjunkturzyklus hinauszudenken. Das rächt sich ständig. Bereits in den Jahren 1999 und 2001 gab es politische Vorstösse, welche als Konsequenz aus der Asienkrise von 1997 den Banken strengere Eigenmittelvorschriften für mehr Sicherheit aufbürden wollten. Doch kaum jemand in der Bankenszene, deren Exponenten sich damals für «Masters of the Universe» hielten, entwickelte eine Perspektive – bis dann 2008 der grosse Crash eintrat. Unsere Regierung hatte nicht die Kraft, das Haus bezüglich Finanzplatz in Ordnung zu bringen – bis dann der Druck aus dem Ausland zum Handeln zwang.

Oder ein anderes Themenfeld: Unsere Erfahrungen in der Migrationsfrage: Ich fragte eine Magistratsperson, wie sie sich die Schweiz in zwanzig Jahren vorstelle, wenn die Zuwanderung weiterhin Jahr für zahlenmässig in der Grössenordnung einer Stadt wie Biel oder Luzern andauern werde. Keine Antwort! Ich fragte, was es heisse, die 60 000 bis 80 000 jungen Männer, die meist untätig in den Asylunterkünften leben, in die Arbeitswelt zu integrieren. Von ihnen sind heute 90 % Sozialhilfebezüger. Die Antwort: ein Schulterzucken.

Wir besuchten kürzlich auf einer Wanderung den Rhonegletscher zuoberst im Wallis. Zum Schutz vor der Sonne war er mit weissen Tüchern abgedeckt. Die Langfristprognosen der Wissenschafter geben ihm noch 80 Jahre. Wenn meine Enkelkinder (heute 2 ½ und 5 ½) so alt sind wie ich, wird es den Rhonegletscher nicht mehr geben. Doch die Politik ist nicht in der Lage, in der Zeitperspektive bis Ende des Jahrhunderts zu denken und zu handeln?

Die Politiker denken in der Regel für die nächsten vier Jahre, bis zur Wiederwahl. Die Wirtschaftsmanager denken noch kurzfristiger. Mit ihrem Röhrenblick starren sie auf die nächste Quartalsbilanz, bestenfalls auf die nächste Jahresbilanz. Ihre Verweildauer als Konzern-CEO ist noch durchschnittlich 4 bis 5 Jahre. In der börsenabhängigen Konzernwelt herrscht die Diktatur des Kurzsichtigen. 

Zukunftspolitik heisst langfristiges Vorausdenken. Manche Entwicklungen lassen sich nicht prognostizieren. Vor allem Trendbrüche kommen immer abrupt und überraschend. Aber gewisse Langfristtrends mit Ursprung in der Gegenwart sind erkennbar und unleugbar.

So viel zur Strategie des Handelns. Was darf man von einer Schweiz von morgen erwarten? Was wäre eine «Zukunftsvision», um dieses hochtrabende Wort zu gebrauchen? 

Ich fühle mich nicht berufen, eine Schweiz für die nächsten hundert Jahre zu «planen». Aber ich wünschte, dass gewisse Grundwerte bleiben. Ich wünsche mir eine Schweiz, in der langfristig das Gemeinwohl als Leitbild bestehen bleibt. Ich wünsche eine Eidgenossenschaft, in der die gemeinsamen Werte, die öffentlichen Dienste, der Service public und der soziale Ausgleich auch in Zukunft funktionieren. 

Solche Wünsche tönen banal, aber sie sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Wer den radikalen, fast fundamentalistischen Anti-Etatismus wahrnimmt, wer den Steuerwettbewerb zwischen den paar reichen Monaco-ähnlichen Kantonen und der Mehrheit der anderen in die Zukunft verlängert, weiss in langfristiger Optik um das Sprengpotenzial für unser Land. 

Was wir Ältere der Schweiz wünschen können, sind Männer und Frauen, die sich nicht der Diktatur des Kurzfristigen unterwerfen und die sich den langfris­t­igen Werten des Gemeinwohls verpflichtet fühlen.

  
   Rudolf Strahm (74)

Ursprünglich Laborantenlehre, dann Chemiestudium, fünf Jahre Industrie­tätigkeit, anschliessend Studium in Volks- und Betriebswirtschaft. Von 1991 bis 2004 Nationalrat (SP, Bern) und von 2004 bis 2008 Eidgenössischer Preisüberwacher. Nach der Pensio­­n­ierung Lehrtätigkeit an den Unis Bern und Freiburg. Kolumnist beim Tages­anzeiger, Dr. h. c. Immer noch aktiv in Fragen der Berufsbildung und zudem aktiver Grossvater (zwei Grosskinder, 5 ½ und 2 ½ Jahre alt). Strahm wohnt in Herrenschwanden bei Bern.

 

Gastautor: 
Rudolf Strahm

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