11.06.2018 - Fritz Vollenweider

Über Altern und Sterben

Urs Frauchiger, bekannt von vielfachen kulturellen Tätigkeiten und als feinsinniger Denker und Autor, schreibt sehr persönlich über dieses berührende Thema.

Es berührt uns alle, spätestens wenn wir selber zur Generation der Altgewordenen gehören: Wie werden wir alt? Was empfinden, erfahren, erleiden wir dabei? Dass wir sterben werden, wissen wir. Aber auch wenn wir darüber lesen, sprechen, denken können, oder unsere Lieben im Sterben begleiten, dabei beobachten: Der Tod bleibt dennoch, wie die Geburt, ein Geheimnis, dem wir nur mit Ahnung begegnen. Rückgewandt ist die Ahnung der Geburt, vorausahnend nähern wir uns dem Tod.

Urs Frauchiger, geboren 1936, der so berührende Bücher geschrieben hat wie (unter anderem) «Mein Mozart» (2005) und «Damals, ganz im Anfang» (2010), hat sich in seinem kürzlich in zweiter Auflage erschienenen Buch mit einem recht sperrigen Titel mit diesem Thema auseinandergesetzt. «Woran um Himmelswillen sollen wir noch sterben? Plädoyer für das eigene Leben und den eigenen Tod», so der Buchtitel, und die Sperrigkeit, ob gewollt oder ungewollt gesetzt, lässt ahnen, wie schwierig heutzutage und in der aktuellen gesellschaftlichen Grosswetterlage Altern und Sterben sind. Geworden sind? Oder war das schon immer schwierig?

Urs Frauchiger. Bild © Verlag elfundzehn.

Des Autors Antwort auf solche Erwägungen ist vielfältig. Urs Frauchiger geht, schreibend sich annähernd, von einem (fiktiven?) Lebenslauf aus: «Herr S. wird noch älter». Er schildert Gesprächs- und Schreibabstürze – Suche das treffende Wort! – die sich mit den Jahren zunehmend einstellen und einen zur Verzweiflung bringen können. Er verweist mehrmals auf einen Begriff, dem ich in diesem Buch zum ersten Mal begegne: «l’esprit d’escalier» – beim Weggehen von einer Gesprächsrunde fällt einem unten an der Treppe vor der Haustüre das Wort endlich ein, das man vergeblich gesucht hat.

Noch einige weitere altersbedingte Ungereimtheiten breitet Urs Frauchiger vor seinen Lesern aus. Manches davon erkennt man mit einem teils sarkastisch-selbstkritischen innerlichen Lächeln. Man ahnt: Die Sache ist keinesfalls einfach, und einfach hat sich der Autor die Sache auch nicht gemacht. Er schreibt ehrlich, doch so persönlich, wir man nur als guter Beobachter, aufmerksamer Zuhörer und mit reifem Bewusstsein schreiben kann. Wo er gegenwärtige fragwürdige Strömungen geisselt, klingt es sachlich und klar, nicht ohne eine gewisse Animosität manchmal, immer jedoch ohne emotionalen Jammerton.

In der Tat gibt es viel Fragwürdiges zu kritisieren. Zitat: «Könnte es eine Parallele geben zwischen der einstigen Bewirtschaftung und Kolonisierung unbekannter Kontinente und der heutigen Bewirtschaftung des unbekannten Kontinentes ‘’Tod’’?» Doch Urs Frauchiger verficht ohne Einschränkung das Recht jedes Menschen auf seinen eigenen Tod. Er spricht sowohl demokratisch zu treffenden Entscheiden der Öffentlichkeit als auch Anordnungen von Institutionen oder Behörden das Recht ab, diesbezüglich entscheidende Vorschriften zu erlassen.

Fragen stellt er auch zu lebensverlängernden medizinischen Massnahmen. Der Forschung, die heute alles daran setzt, die Überwindung des Alterns und vielleicht auch des Sterbens zu ermöglichen, hält er entgegen (Zitat): «Sie vergessen, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem es nicht mehr erlaubt ist, alles Machbare zu machen.»

Der intimste Teil aller dieser Gedanken um das eigene Leben und den eigenen Tod ist Urs Frauchigers Bericht über den Verlauf und die Heilung seines Krebsleidens. Man soll es lesen, nicht zerredet soll es hier werden. Immerhin zwei Hinweise: Der Geheilte ärgert sich am meisten über Leute, die ihm schreiben, «…du hast den Krebs besiegt…». Sind denn alle die daran Verstorbenen Verlierer?, fragt er. Und als letztes Zitat: «Krankheiten sind Brücken. Wohin sie führen, wissen wir nicht. Sie können zurück ins Leben führen und uns etwas geduldiger, mitmenschlicher machen, vielleicht sogar eine Spur bescheidener. Krankheiten können aber auch Brücken sein hinüber in den Tod, einen Teil des Lebens wie die Geburt.»

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