19.10.2017 - Andreas Iten

Über das Bauchgefühl

Dem Bauchgefühl wird nachgesagt, dass es wichtige Entscheidungen fällt. Aber ist es wirklich so? 

Der Dramatiker und Dichter Friedrich Hebbel (1813 – 1863) notierte in einem Aphorismus: „Die meisten Menschen täuschen sich über sich und andere, weil sie die Vernunft für die schaffende und leistende Macht halten, da sie doch nur die erhaltende und korrigierende ist.“ Wird eine Persönlichkeit gefragt, wie sie erklären könne, dass sie eine erfolgreiche Karriere gemacht habe, lautet die Antwort häufig, sie sei dem Bauchgefühl geschuldet. Was die Persönlichkeit darunter versteht, erklärt sie nicht. Häufig bedeutet diese fast schon klischeehafte Antwort, dass sie nicht recht weiss, wie ihr Aufstieg in Gang gekommen ist. Er ist wohl angetrieben von dem, was Hebbel unter der schaffenden Macht versteht. Sie mag den Dichter bewegen, ein Werk zu schreiben. Schreibt er drauflos, wird er rasch erkennen, dass er auf die kontrollierende Vernunft angewiesen ist. Aber greift sie erst kontrollierend ein?

Aphorismen sind häufig Blitzgedanken. Im abwertenden Nur bringt Hebbel zu Ausdruck, dass die Vernunft gerade noch korrigierend eingreifen könne. Diese Nur trennt, was an sich zusammen gehört. In einem weiteren Aphorismus schreibt Hebbel, Erkenntnis und Empfindung würden immer Hand in Hand gehen. Er hätte auch schreiben können: Schöpferisches Arbeiten und Vernunft sind eineiige Zwillinge. Ohne Vernunft kommt es nicht zur Erkenntnis. Bei der Entscheidung des Bauchgefühls ist die Vernunft mit beteiligt, weil im Fühlen schon immer das Denken mitspielt. Es gibt Gefühle wie die Wut, wo das Denken ausgeklammert ist. Das Resultat ist dann entsprechend. Aber schon bei dem Nachbarn der Wut, dem Zorn ist die Vernunft wieder aktiv.

In einem Artikel der NZZ über den Atomstreit mit Nordkorea und dem Iran schreibt Andreas Rüesch: „Trump brüstet sich gerne mit seiner Gradlinigkeit und Tatkraft. In Wirklichkeit ist er ein wankelmütiger Politiker, der sich leiten lässt, was ihm sein Bauchgefühl oder ein Berater gerade eingibt.“ Und weil hier einer aus dem Bauchgefühl reagiert, kommt es oft zu scheinbar absurden Twitter Tweeds. Ist in den Gefühlen nicht die Vernunft stets schon tätig, irrt sich, was wir Bauchgefühl nennen, und trifft falsche Entscheidungen. Es will doch niemand behaupten, Trumps Karriere sei am Anfang von einem Gefühl allein bestimmt gewesen. Von Ehrgeiz vielleicht? Aber der Ehrgeiz sucht Wege, wie er sich selber befriedigen kann. Dieses Suchen ist nicht einfach ein Akt des Gefühls. Gefühle allein sind blind. Diese Blindheit wirft man oft Verliebten vor. „Sie werden die Augen schon noch öffnen, wenn der Rausch der Verliebtheit abgeklungen ist!“

Lieben hängt mit einem Wertgefühl zusammen. Wo ein Gefühl Werte erkennt, ist auch die Vernunft beteiligt. Der Neid zum Beispiel ist ein Gefühl, das darauf beruht, dass der Neider erkennt, dem Nachbarn oder einem konkurrierenden Geschäftsmann gelinge der Erfolg besser als ihm selbst. Erst diese analysierende Beobachtung löst das Gefühl aus. Das Bauchgefühl hängt wohl oft mit dem zusammen, was der Mensch an Talenten, an Können, an Leistungsfähigkeit in sich entdeckt. Diese Selbstwahrnehmung ist nicht blind. Sie kann den Menschen zu jener schaffenden Macht antreiben, die Hebbel im Aphorismus erwähnt. Das Gefühl verdichtet sich dann zum Mut, einen bestimmten Entscheid zu wagen. Die Vernunft ist dabei nicht bloss begleitend und kontrollierend, sondern Bestandteil des Gefühls. Glück hat der Mensch, wenn sein Wagnis im Einklang von Gefühl und Vernunft gelingt.

Abonnieren Sie unseren Newsletter seniornews: 
Nach Oben