09.07.2018 - Herbert Ammann

„Ich habe ein Tor geschossen“

Albtraum: Weisses Kreuz auf grünem Rasen, oder Weisses Kreuz und Doppeladler

Das gibt’s ja nicht, ich habe ein Tor geschossen, das entscheidende Tor! Wie denn, ich kann nicht Fussball spielen, jetzt habe ich ein Tor geschossen, wir kommen in den Viertelfinal. Das schaffen die Schweden nicht mehr, die sind jetzt draussen! Wir sind drin! Jetzt geht’s gegen England.

Die Glückshormone überfluten mich, ich renne los, hin zu Yann, zu Granit, zu Manuel, zu Johan, zu all den anderen. Ja der Granit hatte zusammen mit dem Xerdan den Doppeladler gemacht, vor 12 Tagen gegen Serbien. Hätte ich ja auch gemacht, aber ich bin Schweizer, Schweizer mit ein paar deutschen Wurzeln, wie auch der Blocher, der Schlüer, der Wille, Wenn ich weit genug zurück gehe, gibt’s noch eine Ururgrossmutter aus Frankreich und eine aus Mähren, eine geborene Lanzowa.

Aber ich bin Schweizer, also renne ich los, voll Freude, lache, kreuze meine Unterarme zum Schweizerkreuz. Ich habe mein Tor für die Schweiz geschossen. Der Jubel des Publikums trägt mich über den Platz, weg ist die Müdigkeit nach fast neunzig intensiven Minuten, weg ist der Spott über die kleinen Schweizer, weg ist der Neid und der Hass. Ich und die Schweiz, wir sind weiter.

Doch was ist das, der Rufer Sascha, was sagt der gerade, „Sehen Sie mal, der hat noch immer nichts gelernt, der Ammann, der macht ja das Schweizerkreuz, das geht nicht, muss das sein, nach dem Skandal mit dem Doppeladler, auch noch das Schweizerkreuz! – das, liebe Zuschauer, ist ein politisches Symbol, das gehört sich nicht auf dem Fussballplatz, nein, so nicht, das auch noch der Ammann so naiv ist!!!“.

Salzgeber doppelt nach: „Darüber müssen wir halt schon auch sprechen, Beni, er meinte Benjamin Huggel, schon wieder ein politisches Zeichen als Torjubel, da kann doch etwas nicht stimmen, wer muss dafür die Verantwortung übernehmen, der Trainer, Wladimir Petkovic, der SFV?“ „Ja, das kann man sich fragen“, meint Huggel, „Mit diesem Tor schreibt unsere Mannschaft Fussballgeschichte, letztmals war sie 38 in einem Viertelfinal, nach ihrem Sieg gegen Nazideutschland – und jetzt wieder, das ist phantastisch!“ „Ja, aber“, geifert erneut Salzgeber „mit politischen Zeichen zerstören sie ihren eigenen Erfolg – sie zerstören so auch unseren Erfolg.“ „Es ist schon der Erfolg dieser Jungs, unserer Mannschaft“, erwidert Beni. „Ich freue mich, dass diese Jungs, mit so unterschiedlichen Wurzeln, zu dieser verschworenen Gemeinschaft zusammen gewachsen sind, wenn ich nur schon an Stefan Lichtsteiner denke, unseren Captain, wer hätte das gedacht, dass Lichtsteiner einmal den Doppeladler zeigen würde.“

Und dann, ein unglaubliches Stakkato von Stimmen, beissenden, sich überschlagenden, geifernden, ja auch emotionslosen Stimmen:

Akesson, der Chef der Schwedendemokraten: „Das ist eine Verhöhnung unseres Schwedenkreuzes, ich fordere unsere Regierung auf, offiziell in Bern zu intervenieren!“

Und Wobmann: “Jemand der sich nicht zu schade ist mit einem Xhaka und einem Shaquiri zusammen zu spielen, darf unser heiliges Schweizerkreuz nicht verhöhnen!“

Kathi Riklin: „Ich habe es schon nach dem Doppeladler gesagt, auf dem Fussballplatz haben politische Gesten ebenso wenig verloren, wie obszöne!“

Und Nigel Farage: „Nein, nein, das war bereits auf uns Engländer gemünzt, er hat unser englisches Kreuz verspottet, er hat ganz eindeutig mit der linken Hand in die Zukunft gewiesen, auf den Match gegen unser englisches Team, der kleine Schweizer verhöhnt unsere grossartige britische Lebensart.“

Mir wurde ganz Sturm im Kopf, da hörte ich noch unseren Verteidigungsminister Guy Parmelin: „Lasst ihn doch mal jubeln, unseren Jungen, er hat ein Tor geschossen, ein Grund zur Freude, das ist – ich war ja Weinbauer – wie die wunderbare Freude, wenn ich erstmals eine erste Kostprobe eines gelungenen neuen Jahrgangs geniessen konnte. Diese Mannschaft ist, trotz allem, ein neuer, wunderbar gelungener Jahrgang.“

Ich erwachte.

Ach bin ich froh, bin ich kein Fussballspieler, kein Natispieler, habe kein Tor geschossen und nur im Traum gejubelt. Schade, dass es nicht stimmt und wir ausgeschieden sind, schade.

Ja, im nächsten Leben werde ich zur Armee gehen, bei einem solchen Verteidigungsminister.

Gastautor: 
Herbert Ammann
Abonnieren Sie unseren Newsletter seniornews: 

 Teilen
Nach Oben