07.01.2018 - Anton Schaller

100 und 50 Jahre danach

Was steht uns 2018 bevor?

Bereits ist der Alltag wieder eingekehrt und die Ziffern 2 0 1 8 gehen uns schon recht gut von der Hand. Die grossen Analysen zu 2017 und die Prognosen zu 2018 aus renommierten Zeitungen von reputierten Autorinnen und Autoren sind gelesen, wenn auch noch nicht verdaut. Ein Satz der amerikanischen Philosophin Susan Neiman, die das Einstein-Forum in Berlin leitet, lässt mich einfach nicht mehr los: „Die Profite der weltweiten Waffenindustrie aus acht Tagen genügen, um jedem Kind auf der Erde zwölf Jahre Bildung zu ermöglichen“. Und sie kommentiert: “Warum nehmen wir das hin?“

Ja, warum schreien wir nicht auf? Zwar drängt mich mein journalistisches Gewissen, den Inhalt des Satzes zu hinterfragen, nachzurecherchieren, kann das überhaupt stimmen? Die Recherchen sind weit schwieriger als gedacht, doch eine Gewissheit und erste Zahlen besänftigen mich: Wenn der Satz nur annährend der Wahrheit entspricht, so ist der Inhalt des Satzes schlicht verheerend. Und ich stelle mir zu Beginn von 2018 die Frage: Haben wir aus der Geschichte nichts gelernt?

Im Jahre 1918, 100 Jahre nach dem schrecklichen Ersten Weltkrieg, ordnete sich die Welt neu. In Russland führte die Oktober-Revolution in den folgenden Jahrzehnten zu einer Schreckensherrschaft, die nach Lenin Josef Stalin mit harter Hand etablierte. In Deutschland wurden die Fürsten und Könige entmachtet. Die Weimarer Republik erlitt Schiffbruch und Adolf Hitler putschte sich an die Macht. Europa triftete auseinander. Nazi-Deutschland entfachte den verheerenden Zweiten Weltkrieg - im Schlepptau Italien und Japan - und ging daran, die Juden systematisch zu vernichten. Ein grauenvoller Völkermord. Die Alliierten unter der Führung der USA befreiten Europa, die USA zwangen mit zwei Atombomben Japan in die Knie. Die schrecklichen Auswirkungen der nuklearen Bomben sind noch heute sichtbar: In Nagasaki und Hiroshima.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen besonnene Männer die Konsequenzen aus dem Schrecken: der Franzose Robert Schumann, der deutsche Konrad Adenauer. Über die Montanunion zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG kam es zur Europäischen Union EU. Die US-Amerikaner etablierten sich als Weltpolizisten, stellten sich dem Machtanspruch der UdSSR und Chinas, schützten Europa vor Moskau, verloren zwar den Vietnam-Krieg, nicht aber ihre Rolle als Weltmacht Nummer eins.

1968, heute vor 50 Jahren, bliesen Studenten, linke junge Menschen zum Aufstand gegen das Establishment. Daniel Cohn-Bendit stieg in Paris auf die von Studenten errichteten Barrikaden, zog mit ihnen vor die Tore der Automobilindustrie und suchte den Schulterschluss mit den Arbeitern. Ruedi Dutschke, Benno Ohnesorg symbolisieren die Revolte in Deutschland. Joschka Fischer, der damalige Steinewerfer und Demonstrant, etablierte sich später als Aussenminister mit den höchsten Zustimmungsraten in der Regierung Schröders. Den Weg frei gemacht hatte 1969 Willy Brandt, der mit dem Satz „mehr Demokratie wagen“ zum Aufbruch zu neuen Ufern bliess.

Und nun heute, 50 Jahre später, ist es nicht mehr die Linke, es sind autokrate Regimes von rechts, die sich zunehmend etablieren: Erdogan in der Türkei, Orbán in Ungarn, Kaczyński in Polen, um nur drei zu nennen. Selbst in Oesterreich gibt es jetzt eine Rechts-Regierung mit dem jüngsten Bundeskanzler aller Zeiten. In den USA sieht Donald Trump nur ein Ziel: USA first. Und Putin, Trumps Gegenspieler im Kreml, hat bereits in der Welt politisches Terrain besetzt, das bislang den USA als Weltpolizisten zustand: Einfluss über Syrien im Nahen Osten, was ihm in Russland hohe Zustimmungswerte beschert. Angela Merkel, die bislang mächtigste Frau der Welt, ist gefangen in einer Regierungsbildung, die sie in dieser aufregenden Zeit zurückbindet und schwächt.

Die einzige Lichtgestalt ist zurzeit Emmanuel Macron, der unbeirrt an ein starkes Europa glaubt, der die Werte der Demokratie hochhält, der es wagt, öffentlich vor den Kameras der Weltmedien anwesende Autokraten zu tadeln, sie an die Prinzipien des Rechtsstaates, an die Menschenrechte, an das Wesen der Demokratie zu erinnern. Macron braucht Mitstreiter, braucht Demokratinnen und Demokraten, die mit ihm in Europa in der Lage sind zu sichern, was die Gründerväter Europas erreichten: einen seit 73 Jahre dauernden Frieden. Daran ist 2018, 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, 50 Jahre nach dem Aufbruch zu mehr Demokratie, immer wieder zu erinnern.

Auch in der Schweiz, wo wir uns anschicken, immer mehr die Solidarität untereinander in Frage zu stellen, in der Altersvorsorge, in der Gesundheitspolitik und nicht zuletzt auch in der Medienpolitik, wenn es am 4. März darum geht, ein eigenständiges Radio- und Fernsehschaffen mit einem Nein zur Billag-Initiative zu sichern. Und selbst bei der Bildung beginnen wir unter dem Spardruck der SVP Abstriche zu machen. Zollikon, eine der reichsten Gemeinden im Kanton Zürich, versuchte gar beim Schulmaterial Einsparungen vorzunehmen. Dabei ist Bildung der einzige Rohstoff, den wir haben, aber auch der Schlüssel zu mehr Frieden. Oder sind eben Waffen wichtiger und vor allem der Gewinn davon, wenn wir sie produzieren, auch in der Schweiz?

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