11.01.2018 - Andreas Iten

2018: Die Sowohl-als-auch Schweiz?

Wir leben in der Zeit des verhärteten Denkens. Wir haben das feine erotische Spiel verlernt.

Es mag dreissig Jahre her sein, als ich enthusiastisch eine Kolumne schrieb, behauptete, die Zeit des Entweder-Oder sei vorbei, die neue Zeit fordere ein Sowohl-als-auch. Ich sprach dem differenzierenden Denken das Wort. Daraus wurde leider nichts. Mein Wunsch wurde weggewischt durch das laute Wort Wischiwaschi. Das Entweder-Oder begann sich zu etablieren: Hier die Vertreter des Volkes, dort die Eliten und Intellektuellen. Wir sind das Volk, dort seine Verräter. Diejenigen allerdings, die das Entweder-Oder als politische Strategie anwandten und grosse Erfolge feierten, hockten schön angenehm und fett im Sowohl-als-auch. Der taktische Hammer des Wortes Wischiwaschi zerschlug dagegen meine Hoffnung.

Das Jahr 2017 endete in der Schweiz mit einer lauten Sexismus-Debatte. Ich befürchtete nämlich, dass die Diskussion auch den ältesten und zugleich jüngsten Gott der griechischen Götter, nämlich Eros vertreiben würde. Eros war schon bei Homer, achthundert vor Chr., der grösste Gott, obwohl ihm Zeus, der Donnerer, als Gott des Entweder-Oder vor der Nase stand. Eros ist der Gott, der die Fäden zwischen den Geschlechtern spinnt. Der verschiedene Farben sieht, nicht nur Schwarz und Weiss. Er geht bei seinen Unternehmungen klug und feinfühlig vor. Sein Wort ist mehrdeutig, und darin liegt seine Stärke, denn es fordert zum Gespräch heraus. Eine Liebe wird stets fein eingefädelt. Erotik hat nichts mit Sexismus zu tun. Wenn sich aber die Debatte auf dem niedrigen Niveau der Beschimpfung abspielt, verzieht sich Eros. Zurück bleibt das Eindeutige. Es zerstört das Gespräch und schneidet die Fäden durch.

Seit sich in der Schweiz eine Entweder-Oder-Haltung in der Politik eingenistet hat, ist Eros auch aus der Politik verschwunden. An seiner Stelle schwingt Gott Haiphestos, der Schmied, den Hammer und am Rand guckt stets der kriegerisch gesinnte Ares, der römische Mars, auf den Kampfplatz. Wenn ich frage, was aus meiner Hoffnung geworden ist, so ist die Antwort eindeutig. Die Entweder-Oder-Helden dominieren: in Polen, in Ungarn, in der Türkei, in Russland und in allen Kriegsgebieten, die Papst Franziskus bei der Urbi-et-Orbi-Ansprache an Weihnachten erwähnt hat. Sogar in den USA bläht sich ein Entweder-Oder-Mensch auf. America first!

Wie aber steht es bei uns, im Land, das dem Sowohl-als-auch viel, fast alles, zu verdanken hat. Ein Massstab sind die Initiativen, die anstehen. No-Billag-Initiative ein Entweder-Oder! Ja, bedeutet: Weg ist die SRG! Das vernebelte Oder kommt zum Zug. Das Burka-Verbot ruft nach Ja oder Nein. Verschleierte Frauen habe ich bis jetzt nur im Fernsehen zu sehen bekommen. Schweizerrecht vor Völkerrecht, ein unglaublich arrogantes Entweder-Oder! Eine noch heissere Abstimmung über die bilateralen Verträge könnte folgen. Dabei liesse sich das Verhältnis mit der EU mit ein wenig Sowohl-als-auch bestens lösen. Man müsste nur nicht hinter Blöcken hocken.

Fazit, auch die Schweiz steckt mitten im Entweder-Oder. Das Flair für politische Lösungen ist längst verspielt. Auch im sonst nihilistischen Treiben der Zeit habe ich Mühe, den Eros, den Feinfühligen, zu entdecken. Denn auch auf dem gesellschaftlichen Boden gilt das Entweder-Oder. Entweder meine Ellbogen oder deine. Handelt es sich bei den politischen Initiativen um taktische Geplänkel, so herrscht auf der wirtschaftlichen Ebene existenzieller Ernst. Entweder Amazon oder die kleinen Geschäfte! Entweder Buchpreisbindung oder freier Markt.

Eine Kolumne allerdings sollte zu Beginn eines neuen Jahres ein wenig Zuversicht verbreiten. Zuversicht bleibt, wenn viele Menschen den Eros hüten und bereit sind, die Dinge sowohl-als-auch zu betrachten. Das bleibt aber angesichts der Gesamtlage der Gesellschaft Aufgabe jedes Einzelnen.

Abonnieren Sie den neuen Newsletter von Seniorweb: 

 Teilen
Nach Oben