11.03.2018 - Linus Baur

Abgesang einer Autorin

Nicht Trump ist verrückt, sondern die Verhältnisse sind es: Stefan Pucher inszeniert am Schauspielhaus Zürich «Am Königsweg» von Elfriede Jelinek.

Sein Name fällt nie, aber es ist klar: Elfriede Jelinek nimmt in «Am Königsweg» den US-Präsidenten Donald Trump ins Visier. Dieser ist Anlass, aber nicht Essenz des neuen Stücks, das im Zürcher Pfauen seine schweizerische Erstaufführung erlebte. Trump ist bloss Symptom und das behandelte Problem grösser. Auch ist er im Stück nicht nur Präsident, sondern gar König, der mit seiner grotesken Selbstinszenierung die perfekte Steilvorlage für Jelineks düstere Parodie liefert.

In wechslnden Prachtroben (v.l.): Isabelle Menke, Sandra Gerling, Elisa Plüss, Miriam Maertens, Henrike Johanna Jörissen, Julia Kreusch, hinten die beiden Musikerinnen Réka Csiszér und Becky Lee Walters.

Wortgewaltig wird alles Ungute dieser Welt zelebriert: Rechtspopulismus, Oligarchie, Globalisierungswahnsinn, Fake News, Klimawandel, Superkapitalismus, Mauerbau, Flüchtlingskrise, Twittersucht. Alles packt Jelinek mit Biss und Wut in ihre düstere Generalabrechnung ein. Trump tritt als blinder, verblendeter, verstümmelter König in der Tradition des König Ödipus auf, als Auswuchs einer verblendeten Gesellschaft, deren Teil wir alle selber sind. Die zugleich subjektive Begrenzung wie globale Erweiterung des Phänomens Trump macht die besondere Wucht dieses Werks aus.

Orgie an Ausstattung, Masken und Videos

Regisseur Stefan Pucher hat die Rollen ausschliesslich mit Frauen besetzt. Auch hat er den mehrstündigen komplexen Text auf zwei Stunden gekürzt. Sanft ist der Anfang: Auf einer geschlossenen Bühnenwand (Bühnenbild: Barbara Ehnes) prangt ein Loch, in das eine blinde Seherin tritt, ihre kurzen Puppenbeine wie im Kasperlitheater über den Lochrand schwingt und wortreich als Alter Ego Jenileks monologisiert.

Trump als Entertainment-Clown, gespielt von Sandra Gerling, Julia Kreusch auf Projektion. (Fotos: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie) 

Dann bricht eine Orgie an Ausstattung, Masken und Video-Material los. Die sechs Darstellerinnen springen beim chorischen Sprechen und Singen abrupt ins Monologisieren, auf allen Wänden flimmern stakkatoartig und pausenlos Bilder vom Zustand einer Welt, wie man sie sich nicht wünscht – und wie sie doch bleiben wird auf unabsehbare Zeit. Die Sprecherinnen agieren in wechselnden Prachtroben, mit Muppet-Show-Köpfen und in Ku-Klux-Klan-Kapuzen (Kostüme: Annabelle Witt). Auch eine Begleitmusik mit den beiden Live-Musikerinnen Becky Lee Walters und Réka Csiszér ist dabei, steuert drängende Elektro-Klänge bei.

Wechselnde Kostüme und Frisuren

Grossartig ist das tolle Spiel der sechs Sprecherinnen in wechselnden Kostümen: Sandra Gerling, Henrike Johanna Jörissen, Isabelle Menke, Elisa Plüss, Miriam Maertens und Julia Keusch. Gekonnt mäandrieren sie chorisch und solo über den Trumpismus, kalauern durch wucherndes Wortgestrüpp, schlüpfen dauernd in neue Roben und Masken, erzählen im Video mit angeklebten Bärten von Abraham und Isaak. Besondere Erwähnung verdient Miriam Maertens, die als blinde Seherin die verzagte Autorin und deren Abgesang grandios heiter wiedergibt.

Laute, schrille und leise, intensive Szenen hat Pucher kunstvoll miteinander verwoben, auch wenn einzelne Passagen und Monologe etwas langatmig geraten sind. Der rhetorisch-polemische Rundumschlag wird mit revue- und kabarettartigen Einlagen aufgelockert, was dem panoptischen Monolog guttut und das Publikum nicht allzu überfordert. Insgesamt verfehlt die Zürcher Aufführung ihre soghafte Bühnenwirkung nicht, bringt das quälende, desillusionierende Unbehagen der Autorin über den Zustand der Welt auf den Punkt. Es ist das Eingeständnis des Scheiterns einer Ruferin und Warnerin, die die frustrierten Schauspielerinnen zum Schluss sprechen lässt: «Jetzt gehen uns auch noch die Worte aus». Das Premierenpublikum war sehr angetan von der bunten Aufführung und bedankte sich mit grossem Applaus.

Weitere Spieldaten: 12., 16., 18., 23. März, 13., 19., 23., 26. April

 

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