07.08.2018 - Judith Stamm

Augenzeugenbericht

Vor einer Woche wurde uns am Bundesfeiertag in zahlreichen Ansprachen Vieles ans Herz gelegt. Es kann doch nicht sein, dass das alles schon wieder verpufft und vergessen sein soll!

Zuerst wollte ich in meiner letzten Kolumne vor dem ersten August auf den Tag Bezug nehmen. Und erzählen, wie es im 19. Jahrhundert durch Beschluss des Bundesrates 1891 zur ersten Bundesfeier gekommen war. Und entdeckte noch rechtzeitig, dass ich das ja bereits 2015 gemacht hatte.

Dann beschloss ich, mich mit den Bundesfeierreden zu befassen. Dafür eignen sich ja die Reden der Mitglieder unserer Landesregierung hervorragend. Und entdeckte noch rechtzeitig, dass ich das bereits letztes Jahr gemacht hatte.

Also erzähle ich heuer, wie ich selbst diesen Tag erlebt habe.

Mich zog die Feier der Stadt Zürich am Morgen des ersten August an. Laut Programm gab es einen Umzug vom Werdmühleplatz über die Bahnhofstrasse zur Bürklianlage. Den Umzug begleitete ich aber nicht. Lieber wollte ich mir einen guten Platz nahe der Rednertribüne im Schatten der Bäume sichern.

Was mich an dieser Züricher Veranstaltung so fasziniert, ist ihre traditionelle Ausrichtung. Alles, "was zu einer Bundesfeier gehört", war vorhanden: eine Historische Zürcher Miliz Compagnie 1861. Diese putzte ihre Gewehrläufe und jagte dann krachende Salutschüsse in den Himmel. Das Publikum war gewarnt worden und wurde auch orientiert, dass auf die Salutschüsse am frühen Morgen im Albisgüetli aufgrund der Wetterlage verzichtet worden sei. Alphornbläserinnen und Alphornbläser, Jodlerinnen und Jodler, die Stadtmusik Zürich, der Chorverband Zürich-See, Fahnendelegationen und weitere bunte Gruppen marschierten auf dem Veranstaltungsplatz auf. Sogar eine Kindertrachtengruppe mit einem Plakat: "Seelisberg grüsst Zürich" entdeckte ich. Und heitere musikalische Beiträge umrahmten die Feier.

Von einer jungen Frau wurde der Bundesbrief von 1291 vorgelesen Die Flut an kritischen historischen Forschungen kann diesem Dokument vorläufig nichts anhaben. Ein Banklehrling und eine Kantonsschülerin bildeten mit ihren Vorreden den Auftakt zur Festansprache. Beide versuchten sie, aus dem üblichen Redenkorsett auszubrechen: einerseits mit der Schilderung eines Fahrradunfalls und geglückter Rehabilitation (Moral von der Geschichte: wenn man will, kann man...). Anderseits mit dem Vergleich von Zürich und Dresden. Dabei schwang Dresden hinsichtlich geselliger Menschlichkeit obenaus.

Hinter mir liess ein Besucher als Kommentar zu den Reden der Jungen verlauten: "wieder einmal ein Beweis, dass niemand unter 50 in die Politik gehen sollte". Ich drehte mich um und sagte ihm: "Im Gegenteil, möglichst viele junge Menschen sollten in die Politik gehen" und wurde vom Umfeld einerseits unterstützt, anderseits missbilligend beäugt.

Die Festansprache war dann "perfekt": die Schweiz eine Erfolgsgeschichte, Aufruf zu Toleranz und Konkordanz, ungelöste Fragen im Hinblick auf die AHV, das ganze politische Repertoire wurde ausgebreitet. Und darauf folgend sang das Publikum mit Inbrunst, unterstützt durch zwei Tenöre, den Schweizer Psalm, die traditionelle Fassung!

Warum fasziniert mich diese Feier so? Weil sie in der knallharten Business-Stadt Zürich stattfindet! Auf dem Bürkliareal, unmittelbar vor dem Gebäude der schweizerischen Nationalbank. Und weil ich weiss, dass unweit vom Geschehen, am Banken- und Paradeplatz via SWIFT (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication) pausenlos Milliarden von Finanztransaktionen rund um den Erdball gejagt werden. Für mich kontrastiert diese Feier zu ihrer Umgebung in fast nicht formulierbarer Weise.

"Bemesst den Schritt! Bemesst den Schwung! Die Erde bleibt noch lange jung!" heisst es im Säerspruch von Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898). Die Umzugsteilnehmer würden auf diese Aufforderung hören. SWIFT ist durch solche Gedankengänge nicht beeinflussbar!

Nicht nur in der Festrede auf dem Bürkliplatz, auch in vielen anderen Reden, über die in den Medien berichtet wurde, vermisste ich einen ernsthaften Hinweis auf den Zustand unseres Planeten, auf unseren Anteil an dessen Zerstörung.

Einer Medienmitteilung des WWF konnten wir vor kurzem entnehmen, dass im laufenden Jahr auf den 1. August auch der Overshootday, der Weltüberlastungs- oder auch Welterschöpfungstag fällt. Auf die Schweiz allein bezogen, war dieser Zustand bereits am 7. Mai erreicht. Die Forschungsorganisation Global Footprint rechnet jeweils aus, wann die Ressourcen verbraucht sind, die innerhalb eines Jahres auch wieder nachwachsen könnten, also nachhaltig verfügbar sind.

Anzufügen wäre in einer Erstaugustrede, dass die Pflicht zum nachhaltigen Wirtschaften in unserer Bundesverfassung enthalten ist. In Art. 2 Abs. 4 heisst es, dass sich die Schweizerische Eidgenossenschaft einsetzt "für die dauerhafte Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen". Und in Art. 73 wird das noch näher ausgeführt: "Bund und Kantone streben ein auf die Dauer ausgewogenes Verhältnis zwischen der Natur und ihrer Erneuerungsfähigkeit einerseits und ihrer Beanspruchung durch den Menschen anderseits an".

Warum wurde dieses Thema in den Reden am Bundesfeiertag kaum oder nur spärlich angetippt? Was für eine naive Frage! Weil es sich mit dem Lobpreis des "Erfolgsmodells Schweiz" nicht verträgt. Denn Nachhaltigkeit könnte nur erreicht werden mit einem "Verzichtsmodell Schweiz"!

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