25.01.2018 - Andreas Iten

Ausser sich, aber schön

Die Fastnachtszeit ist die Zeit der Narren. Es ist eine Zeit, in der sich der Mensch auch einmal von der andern Seite zeigen darf. 

Ich habe mich in jüngeren Jahren stets auf die Fastnacht gefreut, viel erlebt, habe selbst mit einem klassischen Kostüm, einem Blätz, am Brauchtum des Dorfes teilgenommen. Das führte mich auch zu Anlässen der schwäbisch-alemannischen Narrenzünfte. Ich schaute dem Narrentreiben zu oder nahm selbst daran teil. Da konnte ich ein wenig ausser mir sein und die Welt von einer anderen Seite betrachten. Reflektierte ich, was ich dann tat, sah ich mich in einem anderen Licht. Der Mensch ist immer auch ein anderer. So sollte er sich auch in seiner dunkleren Seite analysieren. C. G. Jung nannte sie den Schatten. Erst, wenn einer ihn erkennt und annimmt, wird er ein ganzer Mensch.

Narren sind stets ein wenig ausser sich. Bei dem grossen Jubiläumsumzug in Willstätten und der Hexenzunft, die ihr sechzig jähriges Bestehen am letzten Sonntag feierten, ging es kunterbunt zu und her. Das Südwestfernsehen übertrug und kommentierte das grandiose Fest. Von meinem Fernsehstuhl aus konnte ich die Narren bequem verfolgen. Übermütig, laut und farbenprächtig zogen die Gruppen und Zünfte durch die Hauptstrasse. Es wurde allerlei Ulk, Spott und Hohn getrieben. Mädchen wurden von wilden Tieren gefangen und in Käfigen oder Drehgehäusen eingesperrt. Frösche quakten durch die Menschenmenge. Gruppen mit originellen Holzmasken schritten majestätisch einher und präsentierten ihre Kostüme. Es herrschte lautes Geschrei, Lärm und schrille Musik gab allem einen schrägen Ton. Der Kommentator auf der Bühne erklärte das Brauchtum der Zünfte, sah, wie sie Spass trieben, drollig herum purzelten, und er rief, selbst überrascht: „Ja, ja die Fastnacht, die Menschen sind ausser sich, aber schön.“ Dieses „Schön-ausser-sich-sein“ gefiel mir. Die fröhliche Torheit musste den Zuschauerinnen und Zuschauern, Gross und Klein, gefallen.

Ich hatte noch einen Satz von Roman Bucheli in den Ohren, den er im Essay „Wir sind noch längst nicht närrisch genug“ (NZZ 17. 01. 18) in den Ohren: „Wer in den Windmühlen immer nur Windmühlen sieht oder zu sehen bereit ist, hat von der Welt nicht allzu viel verstanden.“ Es muss ja nicht jeder ein Don Quijote sein und in den Windmühlen feindliche Ritter sehen. Aber er sollte von seinen sturen Vorurteilen wegkommen und die Schablonen im Kopf aufbrechen. Der Fastnachtsumzug, bei dem sich Teilnehmer verstellen, lässt das Ausser sich, aber schön, zu. Dieses farbige Bild des Maskenaufmarsches überall in den Dörfern und Städten lässt sich leicht auf den Alltag übertragen. Jeder, der eine Rolle spielt, geht ein wenig maskiert. Falls die Leute sein Spiel schön finden, hat er gewonnen.

Wieder im medialen Alltag. Die Welt scheint ausser sich, aber böse und streitsüchtig. Es findet ein Um- und Aufzug statt, der weniger bunt und farbenprächtig ist, vielmehr schillernd und schimmernd. Es tauchen Propheten, Wahrsager, Weise, Redner, Zauberer, Mischer, Spekulanten, Mörder, Krieger, Götter, wie Poseidon mit Proteus, dem Gott, der sich nach der Sage in alle möglichen Figuren verwandeln kann. Die Zuschauer und Leser stehen verblüfft zwischen Harmonien und Dissonanzen, die über die Medien, über Twitter und Facebook den Weg in die Öffentlichkeit finden. Die Welt ist ein Narrenschiff, wie Sebastian Brant sie schon im 15. Jahrhundert glossiert hat. Seine Gedichte, in denen er die Laster schildert, beginnen mit „Ein Narr ist ...“.   Oder: „Das ist ein Narr, der Wünsche tut, / die ihm mehr schädlich sind als gut; / denn wenn er's hätt' und würd' ihm wahr - / er blieb' der Narr doch, der er war. / Der König Midas wünscht ' als Sold, / was er berührte, würde Gold…“. König Midas war erst ausser sich, als sich auch das Brot in Gold verwandelte.

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