08.06.2018 - Bernadette Reichlin

Belle de jour für einen Monat

Der Garten im Juni. Wie zarte Schmetterlinge schaukeln sie auf ihren Stielen, verzaubern den Garten – und sind auch schon wieder weg. Iris sind flüchtige Gartengäste.

Sie blühen nur wenige Wochen, brauchen einiges an Platz und sind für den Rest des Jahres mit ihren grossen Lanzettenblättern keine grosse Zierde. Und doch: Wenn sie nach Mitte Mai aufblühen, dann geht einem auch das Herz auf. Seit Jahrhunderten bezaubern Iris oder Schwertlilien die Menschen.

Die Göttin gab den Namen

Benannt sind die vergänglichen Schönheiten nach der römischen Göttin des Regenbogens – und die vielen hundert Sorten dieser Blütenpflanzen blühen denn auch in allen Regenbogenfarben. Dazu kommt, dass Schwertlilien je nach Art fast überall gedeihen.

Iris blühen in allen Regenbogenfarben, bezaubernd wie federleichte Schmetterlinge auf langen Stielen. (alle Fotos B.Reichlin)

Die Schwertlilien, die am Rande von Gewässern noch wild vorkommen, sind wohl allgemein bekannt. Sie lieben den sumpfigen Boden, kommen aber auch klar, wenn im Sommer der Wasserspiegel deutlich absinkt. Andere Irisarten sind Steppenpflanzen. Das heisst, sie nehmen bei uns mit normalem Gartenboden vorlieb, brauchen aber viel Sonne. Also, so heisst es wenigstens in den Gartenratgebern. Sie blühen aber auch in einer eher schattigen Ecke ganz wunderbar und ihr Blätterhorst wird Jahr für Jahr mächtiger.

Verliebt in das Himmelblau

Das war für mich auch der Grund, dass ich nach dem Umzug von unserem Haus mit grossem Garten in eine Gartenwohnung beschloss, auf Iris zu verzichten. Ein kurzer Blütenrausch und für den Rest des Sommers nur spitze, starre Blätter? Nein danke. Bis ich in einem Garten dieser wunderhübschen, kleinen Iris in einem Blau wie der Frühlingshimmel und mit einem goldenen Herzen begegnete. Und mich so sehr verliebte, dass ich unbedingt einen Ableger davon haben musste.

Wer kann da widerstehen? Meine himmelblaue Schönheit mit dem goldenen Herzen.

Botaniker teilen die Iris nach ihren Wurzeln in zwei grosse Gruppen ein: Die Zwiebeliris und die Rhizomiris. Zwiebeliris werden heute während fast des ganzen Jahres als Schnittblumen angeboten. Die Iris in den Gärten wachsen dagegen meist aus Rhizomen, also aus verdickten Sprossen, die Nährstoffe speichern. Die Ingwerknolle zum Beispiel ist ein typisches Rhizom. Sie lassen sich gut ausgraben und wachsen willig weiter am neuen Standort. Was sich am Beispiel meiner himmelblauen Schönheit gut belegen lässt.

Die Gräfin und der Krieg

Um die Iris rankt sich auch eine ganz besondere Geschichte: Die deutsche Gräfin Helene von Stein-Zeppelin (1905–1995) war seit ihrer Kindheit eine grosse Irisliebhaberin und -sammlerin. Sie studierte Gartenbau und kultivierte auf ihrem Weingut im badischen Laufen historische Irissorten.

Und dann kam der Krieg. Die Irispflanzungen wurden umgepflügt und zu Kartoffelfeldern. Die Gräfin versuchte zu retten, was noch zu retten war und versteckte Rhizome von jeder Sorte in Hausgärten, Mauerspalten oder zwischen den Steinen von Burgruinen.

Nach dem Krieg baute sie ihre Sammlung wieder auf. Es sind zu einem grossen Teil historische Sorten, deren Geschichte sich zwar rückverfolgen lässt, die aber im Handel nicht mehr erhältlich sind. Ende der 1960er Jahre blühten bei der Gräfin rund 1500 verschiedene Sorten. Eine einzigartige Sammlung – und ein immenser Pflegeaufwand.

Ein wunderbares Geschenk

Deshalb entschloss sich die Gräfin 1969, ihre Sammlung weiterzugeben. Im ehemaligen Botanische Garten Brüglingen in Basel – auf dem Gelände der nachmaligen Gartenbauausstellung Grün 80 – fand sie ein interessiertes Umfeld und machte den heutigen Meriangärten die Irissammlung zum Geschenk.

Die Sammlung der Gräfin von Stein-Zeppelin in den Meriangärten in Basel ist im Frühsommer ein beliebtes Ausflugsziel.

So kommt es, dass die Blumen der Gräfin Zeppelin in der europaweit grössten öffentlich zugänglichen Sammlung historischer Bartiris, in der Schweiz, in Basel, weiterblühen. Die Iris sind nach Farbe und Blütentyp angeordnet in weitläufigen Beeten angepflanzt. Wer diese vergänglichen Schönheiten liebt, die nur wenige Wochen blühen, muss einfach mal im Frühsommer die Meriangärten besuchen. Man kann sich fast nicht mehr losreissen von dieser Blütenfülle und Vielfalt.

Die Merian Gärten sind öffentlich zugänglich und auch mit öffentlichen Verkehrsmittel gut zu erreichen. www.meriangaerten.ch

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