22.03.2018 - Andreas Iten

Bildung in der medialen Welt

Die Pädagogik steht heute vor enormen Herausforderungen.

Geht der Mensch in der medialen Welt auf, wird sie zum Surrogat, also zu einem Ersatz von Realität mit geringerer Qualität. Er lässt sich mit der entwirklichten und entsinnlichten Welt abspeisen, ohne dass er es merkt. In dieser Welt ist es leicht, Täuschungen zu erliegen. Man nennt sie heute Fake News. Wie aber begegnet man einer Welt von Surrogaten? Die Antwort ist einfach: durch Bildung. Bildung ist mehr als blosses Wissen und Kompetenzen in einem bestimmten Fach. Bildung ist im Grunde die entfaltete Anschauungskraft. Wer in der Bildungsdiskussion mit diesen Begriffen argumentiert, wird kaum mehr gehört. Es geht um Kompetenzen und Digitalisierung.

Was versteht man unter Anschauungskraft? Wer dies wissen möchte, wendet sich am besten an kluge und erfolgreiche Menschen. So las ich ein Porträt von Lydia Bieri aus Sempach, die Mathematik-Professorin an der Michigan Universität in den USA geworden ist. Sie erzählt, dass sie aus einfachen Verhältnissen stamme. Der Vater war Viehhändler. Zu Hause sei viel über die Natur und Tiere gesprochen worden. „Die Eltern haben uns auf den Weg gegeben, die Dinge zu hinterfragen und sich selber eine Meinung zu bilden. Das hat meinen Bruder und mich geprägt.“ (Neue Luzerner Zeitung, 11. März) Lydia sei nicht gerne zur Schule gegangen. Lieber habe sie draussen die Natur betrachtet und vor allem den Sternenhimmel. Heute erforscht sie sogar die Schwarzen Löcher im All. Bevor sie die Matura bestanden und später Physik und Mathematik studiert habe, absolvierte sie eine kaufmännische Lehre und arbeitete bei einer Bank.

Anschauung entfaltet sich an sinnlichen Dingen. Was heute überlaut gefordert wird, ist Kreativität. Sie entzündet sich an einer herausfordernden Situation, in der die Wahrnehmung und die Phantasie beteiligt sind. Wirft der Sternenhimmel nicht tausend Fragen auf? Lydia Bieri stellte sie sich als Kind und geht ihnen heute als Professorin nach. Man darf Phantasie nicht mit Kreativität verwechseln. Die Phantasie interpretiert fortwährend das Wahrnehmungsfeld. Sie ist also vorhanden, bevor der Mensch sie kreativ verändert. Dies zeigt auf, was bei der Erziehung und Bildung des Kindes zuerst kommen muss, nämlich die sinnliche Wahrnehmung der Welt. Wenn jetzt die Digitalisierung schon in der Primarschule gefordert wird, dann geht sie von vorgegebenen Bildern aus und nicht von ursprünglichen Phänomenen. Diese Umkehr führt nicht zur Kreativität.

Eine Annahme: Wie ist die Bildwelt von Lydia Bieri entstanden? Zuerst nahm das Kind Nachahmungsbilder in sich auf. Es lernte die Verhaltensregeln und gewann Orientierungsbilder. An Erlebnissen entzündeten sich Wunschphantasien. Durch den Unterricht, das Studium und die Bildungsangebote kam es zum erkennenden Sehen. Ist dann die innere Bildwelt stabil, dann wird die digitale Welt hinterfragbar. Der umgekehrte Weg, von der digitalen Bild- und Wissenswelt zu den realen Dingen ist ein Irrweg. Er macht den Menschen massenhörig, unkritisch und verführbar. Er durchschaut Fake News nicht. Er hat nicht gelernt zu fragen, ob eine Behauptung plausibel ist. Lydia Bieris Aussage „Die USA sind mehr als ein Präsident“ ist mehr als plausibel. Fake News und wahnhafte Superlative sind durchschaubar.

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