03.05.2018 - Andreas Iten

Blütenpracht, ich hab' dich gesehen!

Ein kleiner Ärger wird zu einer wundersamen Überraschung.

Reiselustig wollte ich mit dem Zug von Luzern nach Genf fahren. Es sollte eine der entspannten Fahrten durch das Land werden. Der Frühling leuchtete in den schönsten Farben. Als ich in Luzern rechtzeitig im Zug nach Genf sass, ertönte aus dem Lautsprecher eine Frauenstimme, wegen eines Unfalls sei die Strecke gesperrt. Ich irrte ein wenig im Bahnhof herum, geriet auf den Perron 3, wo der Zugbegleiter vergebens auf den Basler Zug, der ins Tessin weiter fahren sollte, wartete. Ich hatte mich blitzschnell zu einer Fahrt ins Tessin entschlossen. Wann der nächste Zug fahre, fragte ich ihn. Vorne auf Perron 2 fahre in ein paar Minuten ein Zug ab. Ich müsste in Goldau umsteigen. Ich eilte und sass kurz darnach im Voralpen Express. Eine Fahrt in die Ostschweiz sinnierte ich, wäre der Fahrt ins Tessin ebenbürtig. Also blieb ich sitzen, stieg in Herisau aus und wechselte in die „Thurbo", in die S-Bahn der Bodenseeregion.

Ich bewundere und liebe blühende Bäume. In meiner Gegend stehen sie einzeln oder in Gruppen auf Wiesen und in Gärten. Ganz in der Nähe meines Hauses blüht gerade prachtvoll ein Birnbaum. Ich glaubte, ihn noch selten so strahlend gesehen zu haben. Mein Auge kann sich nicht satt sehen an diesem weissen mächtigen in der Höhe ausgebreiteten Strauss. Als nun die Bahn im Schneckentempo von Herisau zum Bodensee ratterte, ja, es war teilweise ein Rattern, überraschte mich ein schneeweisser Flor von seltener Vollkommenheit. In den Wiesen blühten die Bäume um die Wette. Hätte ich mein Gefühl, das ich meinem Birnbaum gegenüber hege, addiert durch Tausende von Blütenschirmen, wäre es in mir zu einer seelischen Explosion gekommen. Da standen auf den Wiesen Baum an Baum. Es schien mir, sie wetteiferten mit ihrer Schönheit um den ersten Preis. Die Hochstammbäume schöner als die mit niedrigen Stämmen. Sie standen freier auf den Wiesen als die kleinstämmigen, alleenartig ausgerichteten. Sie hatten auch mehr Charakter und jeder eine individuelle ausgeprägte Form. Da sie die Wiesen übersäten, entstanden da und dort Blütenteppiche in seltener Einheit. So hatte ich die Blütenzeit noch nicht gesehen.

Der unfreiwillige Stopp in Luzern entschädigte mich mit dem unglaublichen Erlebnis. An diesem Tag, am 25. April, nicht einen Tag früher, nicht einen später, entfaltete sich die Blütenpracht als Schauspiel sondergleichen. Mein Buch, das ich als Lektüre mit dabei hatte, blieb in der Tasche. Immer wieder vernahm ich die Stimmen von zwei ältere Frauen, die in erstaunten Jubel ausbrachen. „Dort, schau, wie wunderbar, einzigartig!“ „Und dort drüben!“ rief die andere. Ich hätte Mörike oder Eichendorf sein mögen, um für den Anblick die passenden poetischen Reime zu finden. Über der weissen Pracht lachte der blaue Himmel. Die Bienen würden sicher in diesem Reich der Düfte Nektar wie in einem Eldorado finden. Kein Gedanke, dass es um viele Bienenvölker schlecht bestellt ist, vermochte meine Freude zu trüben.

Es gibt Tage, an denen ich über schlechte Nachrichten einen Schirm ziehe. Ich lese keine Zeitung, und bin einfach nur froh. Nun, schreibe ich, zurückblickend, über diese Frühlingsfahrt. Der Schimmel eines bösen Gedankens soll sich nicht über mein Gemüt legen. Ich hatte früher einmal eine Kolumne geschrieben mit dem Titel: „Mir fehlt der Mai.“ Dieser Titel ist mir geblieben, und ich hoffe, dass der Mai dieses Jahres an die letzten Tage im April anknüpft. Beschreibe ich den Eindruck dieser Blütenpracht, wird er länger haften als in Wirklichkeit. Ich bewahre ihn als Geschenk auf. Worte verschwinden nicht einfach, sie sind das Schatzkästchen der Erinnerung. Und noch etwas ist geblieben: Es braucht im Leben nicht immer alles nach einem Plan zu gehen. Überraschungen können auf Umwege führen, die Wunderbares bringen und Neues entdecken lassen.

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