30.10.2018 - Sonja Kolb

Da ist er wieder, der Hochstapler

Wer ihn schon kennt, weiss natürlich, von wem die Rede ist: Johann Friedrich von Allmen. Martin Suters Detektiv wagt sich dieses Mal auf dünne Äste hinaus.

 

Er wagt sich gar so weit, dass er erpresst wird. Und hoppla: der vornehme von Allmen scheut sich auch nicht vor einem Abstecher in erotische Gefilde! Dabei ist selbstredend nicht etwa von ordinärem Porno die Rede, sondern von erlesenen, erotischen Porzellan-Figürchen. Allmen und sein Faktotum Carlos entdecken eine geheime Sammlung. Dies allerdings, weil sie erpresst werden.

 

Schon wieder pleite
 

Von Allmen wäre nicht von Allmen, hätte er nicht erneut – in seiner üblichen, sympathischen Hochstapler-Manier - über seine Verhältnisse gelebt, sprich über seine Einkünfte aus seiner kleinen Ermittlungs-Agentur. Nun muss er einen Ausweg aus der Pleite suchen. Der sonst so gewiefte Allmen begibt sich dazu in die Niederungen des gewöhnlichen Diebstahls – und lässt sich dabei auch noch erwischen. Dumm gelaufen, damit gerät er aber in die Hand eines Mitwissers.
 

Allmen wird gefilmt, als er in der Bibliothek der Literarischen Gesellschaft Sternwald eine Vitrine öffnet und ein Mini-Fabergé-Ei mitlaufen lässt. Weil Allmen Mitglied der Gesellschaft ist, hat er Zugang zu allen Räumen und ist selbstverständlich über jeden Verdacht erhaben. Aber jetzt braucht er eine Ausrede: er behauptet, er habe die Vitrine geöffnet und das kostbare Ei mitgehen lassen, um die Sicherheitsanlage zu testen.
 

Bill Krähenbühler, der ihn dabei gefilmt hat, ist vom Gesellschafts-Präsidenten mit einem Sicherheits-Update der Vitrinen beauftragt worden. Allmen scheint es zunächst zu gelingen, sich heraus zu reden.

 

Erpressung pur
 

Während der Präsident es wirklich glaubt, steht Krähenbühler wenig später vor Allmens Tür. Nicht in bester Absicht, wohlverstanden: er will ab sofort als „stiller Teilhaber“ zu einem Drittel an den Einkünften er Allmen-Agentur beteiligt werden, nicht aber an den Ausgaben. Und: er will dafür sorgen, dass sich diese Einnahmen nach oben entwickeln.
 

Krähenbühlers Idee ist denkbar einfach: als Sicherheitsexperte hat er Zugang zu vornehmen Häusern. Als Kunstexperte soll Allmen dort Wertvolles verschwinden lassen, damit Krähenbühler es später wieder auftauchen lassen und somit lukrative Aufträge ergattern kann.  Wenn Allmen nicht einverstanden ist, will Krähenbühler den Film dem Gesellschafts-Präsident zeigen. Erpressung pur! Allmen und seinem Faktotum Carlos bleibt nichts anderes übrig, als mitzumachen. Allmen hat Angst – es geht um seine Existenz. Und das Wichtigste: Er verliert seine Unabhängigkeit.
 

Krähenbühler verschafft sich unter einem Vorwand Zugang zu einem Möbellager – und damit zum Inventar der aufgelösten Porzellan-Handlung Sterner. Nur die Hälfte des Gebäudes wird als Lager benutzt, in den anderen Räumen hausen irgendwelche Leute, jeder und jede hat freien Zugang. Das passt ausgezeichnet ins Konzept von Krähenbühler. 

 

Heisse Figürchen
 

Das Inventar des früheren Porzellan-Händlers Sterner hat es in sich: unter vielen anderen heissen Figürchen lagert dort „Der indiskrete Harlekin“, erschaffen von einem renommierten Künstler der Manufaktur Meissen. Natürlich kennt Allmen die erotische Porzellan-Gruppe aus dem Rokoko. Krähenbühler behauptet, es gebe aber eine noch viel frivolere Version, die tiefen Einblick unter die Röcke der dargestellten Dame erlaube. Die Figur muss ein Vermögen wert sein, ist aber seit einer anonymen Ersteigerung verschwunden. Könnte gut sein, dass sie nun im Möbelhaus bei all den Porzellan-Schätzen liegt. Dem 92jährigen Sterner, inzwischen Mitglied einer Sekte, ist es offenbar peinlich, seine spezielle Sammlung zu verkaufen. Deshalb lagert die Ware seit 18 Jahren im Möbelhaus.
 

Also alles klar: Von Allmen und Carlos haben von ihrem neuen „Teilhaber“ den ersten Auftrag: Die Suche nach den Frivolitäten im Lagerhaus. Nicht ganz ungefährlich für die beiden, sich Zugang zum Lagerraum zu beschaffen. Aber sie werden belohnt: Reich ist die Beute – und tatsächlich höchst frivol, um nicht zu sagen obszön! Trotzdem: Allmen fühlt sich schlecht, nach der durchwachten Nacht im Lagerhaus, müde und durchfroren, kann er nicht mehr verdrängen, wie tief er gesunken ist.
 

Immerhin gelingt es ihm, einen Teil des Diebesguts vor dem Erpresser zu verstecken. Aber wieder ist etwas schiefgelaufen: Carlos und Allmen haben beim Einbruch kaum Spuren hinterlassen. Damit gibt es für Krähenbühler auch keine Argumente, einen Auftrag zu bekommen.

 

Suter bleibt Suter
 

Das heisst für Allmen, immer noch keine hohen Einnahmen, weiter darben und vor allem zu versuchen, den Erpresser los zu werden. Was allerdings mehr als schwierig ist. Dann gilt es auch noch die abgezwackte Beute los zu werden. Und – noch sind offenbar nicht alle Player im Spiel…  Aber Allmen bleibt Allmen, und für den gibt es immer irgendwo irgendwie einen Ausweg.
 

Bis dieser Ausweg gefunden ist, braucht es aber all die gewieften Tricks, die Allmen schon immer ausgezeichnet haben. Und nicht nur Allmen bleibt sich treu, auch Suter bleibt Suter und bietet einmal mehr ein unterhaltsames, spannendes Lesevergnügen.

 

Martin Suter: „Allmen und die Erotik“, erschienen bei Diogenes, 266 S., ISBN 978-2-257-07033-0 

 

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