27.12.2018 - Joseph Auchter

Das Ärgernis Kirche

Die christliche Botschaft, wir wissen es, ist von geradezu kühner Provokation. Auch die Institution Kirche ist für viele ein Ärgernis, wie es jüngst Kirchenaustritte von weiblicher Prominenz belegen.

Den Nächsten lieben, wie sich selbst: Schon dieser biblische Kernsatz überfordert uns masslos. Und trotzdem hängen wir Papst Franziskus an den Lippen, wenn er uns zur Nächstenliebe auffordert und „Geschwisterlichkeit“ als universale Botschaft von Weihnachten bezeichnet. Ohne die Geschwisterlichkeit, die Jesus uns geschenkt habe, behielten all unsere Bemühungen um eine gerechtere Welt einen kurzen Atem, und selbst die besten Vorhaben drohten, seelenlose Strukturen zu werden. Die menschliche Gier nach Konsum schreie zum Himmel. Die Menschen sollten sich auf spirituelle Dinge besinnen – und ihre Konsumgüter mit jenen teilen, die bedürftig sind.

Blieb jemandem bei seiner weihnächtlichen Aufforderung das Bratenstück im Halse stecken? Monika Stocker, vormals Stadträtin und Sozialvorsteherin Zürichs, und fünf ehemaligen angesehenen Politikerinnen sicher nicht. Die haben die Nase voll von der katholischen Kirche und werden den apostolischen Sege "Urbi et orbi" ins Pfefferland gewünscht haben.  Denn eine Äusserung des Papstes, wonach Abtreibung wie ein Auftragsmord zu taxieren sei, brachte sie jüngst derart in Harnisch, dass die widerspenstigen Sechs in corpore ihren Kirchenausritt medial verkündeten. Sei seien nicht länger gewillt, „den patriarchalen Machtapparat der römisch-katholischen Kirche mit ihrer Mitgliedschaft zu unterstützen.“

Was brachte das Fass zum Überlaufen? In einer Medienmitteilung hielten sie fest: „Wir haben uns diesen Entscheid nicht leichtgemacht. Seit Jahren ringen wir mit uns, ob wir als Feministinnen, die sich für Frauenrechte, Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen einsetzen, einer Institution angehören können, die diese Rechte verneint und in ihren eigenen Reihen Frauen aufgrund ihres Geschlechts aus der kirchlichen Hierarchie, der heiligen (Männer-)Herrschaft, ausschliesst.“

Meine Sympathie - und ein feministischer Trugschluss

Dieser Schritt ist nachvollziehbar, und ihre Anliegen haben meine Sympathie, bewegt sich doch die katholische Kirche in Sachen Gleichberechtigung um kein Jota. Der Elan des 2. Vatikanischen Konzils ist längst verpufft, die Frauenordination in weite Ferne gerückt und das Zölibat so sakrosankt wie je.

Dennoch, ihr Furor in Ehren, wird hier im falschen Moment ein fragwürdiges Exempel statuiert, und ihr Austritt löst kein einziges Problem. So verständlich die Frustration über die Negierung weiblicher Gleichberechtigung auch sein mag, das willentliche Auslöschen keimenden Lebens kommt auch medizinisch einer Tötung gleich. Was dann als Mord zu qualifizieren wäre, muss hier nicht zur Debatte stehen. Das Argument aber, Frauen in Not sei die Abtreibung zuzubilligen, ändert rein gar nichts an der Tatsache, dass es ethisch verwerflich ist, das eigene Leben höher zu gewichten und einem embryonalen Menschenkind das Leben zu verweigern. Slogans wie „das Recht auf den eigenen Bauch“ oder „die weibliche Selbstbestimmung geht über alles“ gehört auf die Barrikaden und manifestiert letztlich eine verwerfliche egoistische Haltung. Ob weiblich oder männlich ist einerlei. Menschenrechte sind unteilbar. Von wegen Patriarchat, der Schutz menschlichen Lebens als höchstes Gut ist keine geschlechtsspezifische Entscheidung, nein, sie gehorcht unserem ethischen Kodex.

Laut dem Katechismus der katholischen Kirche ist das menschliche Leben vom Augenblick der Empfängnis an absolut zu achten und zu schützen. Schon im ersten Augenblick seines Daseins seien dem menschlichen Wesen die Rechte der Person zuzuerkennen, darunter das unverletzliche Recht jedes unschuldigen Wesens auf das Leben. Demnach sei ein Abbruch gleichzusetzen mit der Tötung eines Menschen, die direkte Mitwirkung ein schweres Vergehen (Zitat Wikipedia). Weshalb also diese Empöruung?  Papst Franziskus rief eingentlich nur in Erinnerung, was auch den Feministinnen seit Kinderschuhen vertraut sein musste. So blauäugig konnten die Damen doch nicht sein.

Gleichwohl ist es zu bedauern, dass immer mehr Frauen den Glauben an eine „Ecclesia semper reformanda“ verlieren und feststellen müssen, dass, was seit dem Frühchristentum in Stein gemeisselt ist, aus patriarchaler Sicht auch in Stein gemeisselt bleiben soll. Die Angst vor einem Spaltpilz und vor dem Verlust von Privilegien und Macht scheint die römische Kurie zu lähmen.

Gibt es zurzeit einen einsameren Menschen als Papst Franziskus, der im Würgegriff von selbstgerechten Kurienkardinälen und eitlen Potentaten immer mehr zur Galionsfigur auf stürmischer See verkommt? Die Weihnachtsbotschaft als Maxime zur Erinnerung: Sie propagiert Geschwisterlichkeit. Fangen wir endlich damit an.

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