08.01.2019 - Hanspeter Stalder

Das Mädchen vom Tahrir-Platz

Der Film «Amal» von Mohamed Siam ist das Porträt einer jungen Frau während der Ägyptischen Revolution, eine Analyse des Arabischen Frühlings, das Gleichnis einer Welt im Umbruch.

2011 stand die vierzehnjährige Amal, die Tochter eines vor Kurzem getöteten ägyptischen Polizisten, auf dem Tahrir-Platz und protestierte gegen das Mubarak-Regime, weshalb sie von Sicherheitskräften brutal misshandelt wurde. – 2012 begann der Dokumentarfilmer Mohamed Siam, die Halbwüchsige zu porträtieren, während den sechs Jahren der intensivsten Zeit der politischen Unruhen im Land. Er drehte 25 Stunden Film, für die Véronique Lagoarde-Ségot eine informative Struktur und einen angenehmen Rhythmus fand.

«Eines Tages wird es in Ägypten eine Revolution geben. Tu was du willst, aber hab keine Angst.» Das hörte Amal immer wieder von ihrem Vater und wurde allmählich zur Hüterin dieser Prophezeiung, für die der Vater ihr Mentor, ihr Schutzengel und schliesslich ihr Gott wurde. Mit der Energie einer Pubertierenden mischte sie sich in die von Männern dominierte Welt der Kairoer Ultras ein, die ihren Kampf im Namen einer missverstandenen Revolution durchzogen und oft teuer bezahlten. Der Filmemacher beschreibt in seinem Doku-Drama die Wirren und Kämpfe auf dem Tahrir-Platz und im übrigen Land, ergänzt mit Aufnahmen aus dem Leben der Familie. Siam begleitet die Menschen auf ihrem langen Weg, durch die anfänglichen Versprechungen und die postulieren und zu leicht geglaubten Hoffnungen bis hin zur Desillusionierung in der Morsi-Zeit und zum konterrevolutionären Staatsstreich von General Sissi.

Wie ein Entwicklungsroman verfolgt der Regisseur Amal dokumentarisch von der Jugend bis ins Erwachsenenalter, ergänzt von Super-8-Filmchen ihrer Kindergeburtstage, gefilmt von ihrem Vater. Der politisch und menschlich interessante Film «Amal» ist gleichzeitig die psychologische Studie einer Emanzipation, einer Befreiung aus alten patriarchalen Schemata, wie sie auch in andern Gesellschaften und Ländern weltweit herrschen. Der Regisseur nennt seine Heldin oder Anti-Heldin denn auch voll Überzeugung «ein Kind der Revolution».

Mit Achtzehn wird Amal ihre persönliche Ertüchtigung wichtig

Zur Vorgeschichte des Arabischen Frühlings

Der Arabische Frühling begann, wie wir wissen, im Dezember 2010 in Tunesien und verbreitete sich wie ein Flächenbrand über den Norden Afrikas, über Marokko und Syrien bis Ägypten. Zeugnisse dieser Bewegung in Form von persönlichen Lebensgeschichten sind in zahlreichen Filmen, so auch den drei folgenden, zu finden:

«As I Open My Eyes»: Am Vorabend des Arabischen Frühlings: Porträt einer jungen Frau in Tunis, die gegen männliche Strukturen Sturm läuft. Der Erstlingsfilm von Leyla Bouzid ist berührend, explosiv und aufklärend.

«Hedi»: Eine tunesische Liebesgeschichte: Kurz vor seiner arrangierten Hochzeit verliebt sich der Tunesier Hedi in eine Sportanimatorin, die in ihm die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben weckt. Prämierter Erstlingsfilm von Mohamed Ben Attia.

«La belle et la meute»: Vom Staat vergewaltigt: Polizisten vergewaltigen eine Frau, doch das Opfer wird zur Schuldigen gemacht. Die Tunesierin Kaouther Ben Hania entlarvt mit dem Trauerspiel «La belle et la meute» den Machismo in ihrem Land.

Zwanzigjährig: angepasst oder integriert?

Aus einem Interview mit dem Regisseur Mohamed Siam

In der Eröffnungsszene trägt Amal ein Superman-T-Shirt. Sehen Sie Amal als Superfrau?

Ja, sie ist eine Superfrau, angesichts der Umstände, in denen sie lebt. Doch sie ist keine Kämpferin, sondern ist anpassungsfähig, eine grosse Überlebende. Wie all die kleinen Kinder in den dunkelsten Märchen furchtbare Hindernisse überwinden müssen und weitermachen, egal was passiert.

Wie haben Sie Amal getroffen und was hat Sie fasziniert, sie zur Hauptfigur eines Films zu machen?

Ich war auf der Suche nach Figuren aus der Fussballszene, den Ultras, fast ausschliesslich männlichen Teenagern. Von ihnen wollte ich erfahren, wie das zukünftige Gesicht Ägyptens aussehen könnte. Unter diesen Männern entdeckte ich eine kleine Person, mit lauter Stimme, in einem Kapuzenpulli. Sie sah wie neutral aus, weder wirklich ein Mädchen, noch wirklich ein Junge. Sie führte eine Männer-Gruppe an. Ich fragte mich: Wer zum Teufel ist das? Sie bemerkte mich und meine Kamera, änderte ihr Verhalten aber nicht. Ich sah, dass sie eine grossartige Persönlichkeit ist. Doch zu jener Zeit, kurz nach der Revolution, wusste ich nicht, was ich eigentlich wollte, lediglich, dass ich ihr folgen musste.

Können Sie den sozialen, politischen und historischen Kontext erklären, in dem der Film handelt?

Amal wurde im Januar 1997 geboren, war 2011, als die Revolution begann, vierzehn. 2012 gab es die ersten freien Wahlen, bei denen die Muslimbrüder an die Macht kamen. Bis zum Staatsstreich 2014 lebte Amal nach deren orthodoxen Regeln. Am Ende des Films war sie zwanzig und die Revolution war vorbei. Jahr für Jahr haben wichtige Ereignisse die ägyptische Geschichte und ihr Leben geprägt.

Amal sagt zu den Männern auf der Strasse: «Sprecht mit mir als Jungen, nicht als Mädchen».

Ihre Aktionen sind für sie ein konkreter Weg, sich Respekt zu verschaffen, aber auch Ausdruck einer Geschlechterkonfusion, wie sie in diesem Alter häufig vorkommt. Einmal sagt sie, dass sie glücklich sei, als Junge behandelt zu werden, gleichzeitig schmerzt es sie, nicht als Frau wahrgenommen zu werden. Eines der Themen des Films ist also auch ihre persönliche Identitätsfindung.

Amal spricht leidenschaftlich über Politik. Ist das in Ägypten üblich?

Das ist neu. In dem Moment, als Amal in diese Welt eintrat, sah sie, wie ihre ganze Generation, Möglichkeiten für Veränderungen. Sie erlebte aber auch, wie Freunde von der Polizei verfolgt, geschlagen, getötet oder ins Gefängnis gesteckt wurden, und sie sah ihren ersten Freund sterben. Im Gegensatz zur älteren Generation war das Interesse an Politik bei den Jungen aufrichtig, sie glaubten wirklich, dass Veränderungen in Reichweite waren. Vielleicht ist es kein Zufall, dass der Name Amal Hoffnung bedeutet.

Interview von Pamela Pianezza für das Tess-Magazine, frei übersetzt von HS

Titelbild: Action pur, lebensgefährlich und lustvoll

Regie: Mohamed Siam, Produktion: 2017, Länge: 83 min, Verleih: trigon-film

Kinostart 13. Januar

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