09.07.2013 - Dieter Schupp

Das Modellprojekt hat einen Namen

Frau A. kann nicht stricken und nicht stopfen, nicht mailen und nicht simsen, hat noch nie einen Hefekuchen gebacken, tut sich schwer, pünktlich zu sein.

An den monatlichen Sitzungen des Seniorenbeirats teilzunehmen verkneift sie sich. Auch vergisst sie immer mal wieder, sich an die Hausordnung zu halten.

„Ehrenamtliches Engagement hat gerade im sozialen Bereich eine lange Tradition, findet  jedoch in vielen Bereichen noch immer nicht die notwendige Beachtung und auf Grund  enormer Professionalisierungsbestrebungen die notwendige Integration“.

Frau A. kann leise lachen und auch sehr laut. Sie weiss zu unterscheiden, wen sie im Heim umarmen kann und darf und wen nicht. Wer sich über einen Besuch freut und wer sich das Recht nimmt, in Ruhe gelassen zu werden. Sie vermeidet es, Fragen zu stellen, raten zu lassen, etwas besser zu wissen. „Hier gibt es Menschen wie überall“, sagt Frau A., „die haben keine Fragen mehr und es gibt die anderen. Leute, die allem aus dem Weg gehen, nichts hören und nichts wissen wollen.
Das ist so.“

„Im Zuge immer knapper werdender Mittel der öffentlichen Haushalte gerade im Gesundheits-und Sozialbereich wächst die Einsicht, dass die sekundären Unterstützungssysteme freiwilliger Hilfe von Bürgern, die sich mitverantwortlich fühlen für das Gelingen des Zusammenlebens in ihrem Gemeinwesen, eine tragende Säule des Sozialstaates sind.“

Frau A. weiss, dass manche Petitesse keine Petitesse ist, dass es Probleme gibt, die nur einen Tag lang gültig sind, dass das eine oder das andere halt seine Zeit braucht.

Die meisten Fremdwörter sind ihr fremd. Sie hat nicht auf alles eine Antwort. Sie kennt noch die alte Redensart „Das wird schon.“

Sie selbst hat graue, kurz geschnittene Haare und kleine braune Flecken auf den Armen und Handrücken. Paul besteht darauf, von ihr mit seinem Vornamen angesprochen zu werden.

Liest sie am Schwarzen Brett das „Tagesmenue“, geht sie in die Küche und erinnert die Köchinnen daran, dass doch Paul und Frau H. alles, nur keinen Reis essen.

„Ehrenamt, bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe sind unverzichtbare Voraussetzungen für gelebte Demokratie und ein humanes Miteinander.“

Es ist Freitag morgen, kurz nach zehn. Ich bin gerade in einem Gespräch mit der Leiterin des Senioren-und Pflegeheimes, da tippt mir jemand von hinten auf die Schulter und sagt: „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz... Steht schon in der Bibel!“

Wir protestieren zaghaft, doch Frau A. schüttelt nur den Kopf. „Und was haben Sie denn da in Ihrer Tasche?“, wollen wir wissen.

Ihre Antwort: „Zwei Bücher mit Gedichten. Stadtbibliothek. Die schönen alten Balladen vor allem. Von Heine zum Beispiel, Schiller und all die anderen.“ 

Wir beide erfahren, dass Frau J., 2. Etage, Zimmer 48 und ihr Nachbar, schräg gegenüber, unzählig viele Gedichte auswendig aufsagen können, und sich anschliessend mit einem Glas Rotwein belohnen.

„Es handelt sich beim sozialen Ehrenamt um Aktivitäten oder eine Arbeit, die von einem Menschen aus freiem Willen zugunsten anderer Menschen (ausserhalb  der unmittelbaren Familie) ohne Bezahlung ausgeführt werden.“

An Freitagen geht Frau A. von Zimmer zu Zimmer und fragt nach, wer mit ihr gemeinsam ins Kino gehen möchte, in ein Konzert, ins Museum, in die Kirche oder zu einem Fussballspiel. Sie organisiert dann die Karten, das Abholen und Heimbringen. Solche Sachen.

Im vergangenen Jahr fehlten einmal zur gleichen Zeit gleich drei Pflegerinnen im Heim wegen Krankheit. Da stellte Frau A. den Wecker wieder auf sechs Uhr morgens, so wie früher, als ihre Kinder noch im Haus waren.
„Ich habe ja all das nicht gelernt“, sagt sie, „bin keine ausgebildete Altenpflegerin. Aber was ich kann, kann ich.
Den Erinnerungen zuhören, die ich erzählt bekomme. Das geht oft kreuz und quer. Die Eltern, die Geschwister, die Grosseltern, die Nachbarn, die Freunde. Lang, lang ist’s her. Als Kind im Park, am Dorfteich, auf der Strasse, in der Schule.

Von Hühnern und Hunden, Anfängen und Abschieden in der Jugend, von Hochzeiten und Trennungen, tragischen Begebenheiten, Krankheiten und Lebenskrisen.

Vom täglichen Zusammenleben und vom Alleinsein, von ihrem Möbel, ihren Büchern, ihren Bildern. Alles, was in der Erinnerung noch da ist und was sich erzählen lässt, - selten nicht ohne schlechtes Gewissen.

Da geht es kreuz und quer, wie schon gesagt. Und ich sitze da auf meinen Stuhl und muss gar nichts tun. Nur zuhören. Und denke zuweilen: Es gibt so viele Geschichten, Gedanken und Worte, für die es leider Gottes keine Ohren gibt.“

„Generell konnte anhand verschiedener Untersuchungen eine positive Auswirkung der sozialen Unterstützung, im Sinne von nutzbringenden Auswirkungen sozialer Beziehungen, auf das psychische Wohlbefinden älterer Menschen nachgewiesen werden. Das trifft in besonderem Masse auf die emotionale Unterstützung zu.“
 
{*} Kursiv: Auszüge aus dem Abschlussbericht zum Modellprojekt „Ehrenamt in der Pflege“, Halle/S., wissenschaftlich begleitet vom Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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