13.03.2018 - Adalbert Hofmann

Der Brockhaus muss weg!

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

Es war alt und veraltet, vergilbt, zerlesen und zerfleddert, mit offenem Rücken, der nicht mehr zu operieren war. Und so fiel bei unserer letzten Räumungsaktion das Verdikt einstimmig aus: «Das Buch muss weg!»

Unser «Volksbrockhaus A-Z» aus dem Jahr 1978, die 15. Auflage.

40 lange Jahre hatte er uns treue Dienste geleistet, unser (oft halt nicht so vorhandenes) Wissen ergänzt und aufdatiert – nicht bloss bei der Lösung von Kreuzworträtseln. Er hatte uns über die verschiedenen Stilrichtungen in der Malerei aufgeklärt, über die Zusammensetzung des Sonnensystems, das Funktionieren der Kernspaltung, die Gründung der Türkei oder den Untergang der Titanic. Und er half, mit dem Lernfortschritt der Drittklässlerin einigermassen Schritt zu halten oder mit einem klugen Einwurf (zuvor heimlich nachgelesen) die Überlegenheit der Eltern zu demonstrieren.

Doch wann hatte zuletzt jemand aus der Familie zum vermeintlichen Alleswisser gegriffen? Das war – eigentlich vor nicht allzu langer Zeit – ehe das Internet zuschlug, Wikipedia und Google & Co. innert Sekundenbruchteilen alles Wissenswerte zu vermitteln begannen und auch so manches, das gar niemanden interessiert. So geriet die Enzyklopädie hoffnungslos ins Hintertreffen, und 2014, nach über 200 Jahren, gab die gedruckte Form ihren Geist auf und räumte das Feld endgültig der Onlineausgabe.

Der Brockhaus muss weg. Das Brockenhaus kommt wegen des lädierten Gesundheitszustandes nicht in Frage, zumal heutzutage in den Brockis angesichts von Büchern das Kopfschütteln meist auch noch von einem Nasenrümpfen begleitet wird.

Also in die Abfallsammlung damit, angesichts des Nicht-mehr-zu-Gebrauchens kein Problem. Denn unter uns: Unter den 52000 Stichwörtern findet sich zwischen «Pute» und «Putsch» kein «Putin», im Nationalrat von 1975 war die SVP gerademal vierstärkste Kraft, und die Karte von Jugoslawien aus heutiger Sicht: mein Gott!

Der Brockhaus muss weg. Doch beim Gang zur hauseigenen Sammelstelle blieb ich bereits auf der Kellertreppe stehen und kam ins Sinnieren. Schön war’s eben schon, wenn das Suchen im Brockhaus zum Stöbern wurde, wenn unweit von Polen auch Portugal lag – zwar nicht gesucht, aber hochinteressant. Dazwischen die Farbfoto des Polarlichts, Madame Pompadur, der Untergang von Pompeji. Das war auf 1040 Seiten ein ganz anderes Erlebnis als das Eintippen eines Suchbegriffs, worauf der Computer seitenweise Erklärungen ausspuckt; nur zu diesem einen Begriff, kalt, nüchtern, ohne ein Umfeld von andern Wörtern.

Nein, die Nostalgie war stärker. Rechtsumkehrt auf dem Treppenabsatz, und der «Schinken» landete wieder auf dem Gestell im Arbeitszimmer: alt und veraltet, vergilbt, zerlesen und zerfleddert, mit offenem Rücken. Bald wird er wieder so verstaubt sein wie zuvor, und kaum jemand wird ihn jemals in seiner Ruhe stören.

Und wenn Sie mich fragen, woher ich so einiges über den Brockhaus und seine Geschichte wisse: Nein, nicht aus dem Brockhaus, sondern aus dem Internet.

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Kommentare

Total nachvollziehbar! Darum nimmt ja die Beige der zu entsorgenden (alten) Schmöker einfach nicht ab!

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